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Tinnitus: Wenn Ohrgeräusche eine Geißel sind

Viele Menschen kämpfen mit lästigen Geräuschen im Ohr. Aufgrund der höchst vielfältigen Ursachen und Ausformungen können die Mediziner kein Patentrezept dagegen ausstellen. Manchmal benötigen Patienten daher einen langen Atem.

Symbolbild. SN/peterschreiber.media/stock.adobe.com
Symbolbild.

Haben Sie schon einmal mit einem Pfeifen, Klingeln, Rauschen oder Brummen im Ohr zu kämpfen gehabt? Experten schätzen, dass jeder zweite Mensch im Leben einmal davon betroffen ist. Viele leiden dauerhaft unter einem Tinnitus. Die gute Nachricht ist: Je schneller man nach dem Auftreten von Ohrgeräuschen zum Arzt und damit den Ursachen auf den Grund geht, umso leichter lässt sich das Problem in den Griff bekommen. Die weniger gute Nachricht: Es gibt kein Patentrezept, um den Tinnitus wegzubekommen. Die Medizin hat hier nur beschränkte Möglichkeiten. Dafür wird das Arsenal der technischen Hilfsmittel immer größer. Und auch psychologische Hilfe kann viel bewirken.

Die häufigste Ursache für Ohrgeräusche sind nach Angaben des Audiologen Alois Mair vom Uniklinikum Salzburg Schäden im Innenohr. Und zwar besonders bei den Haarsinneszellen, die den Schall in Nervenzellimpulse umwandeln. "Der Tinnitus ist sehr oft die Folge von Lärm, Medikamenten oder Altersschwerhörigkeit", erklärt Mair. Aber auch verengte Blutgefäße, verkrampfte und zuckende Muskeln im Ohr, ein Hörsturz, eine Mittelohrentzündung, psychische Erkrankungen oder Tumore können Ohrgeräusche verursachen. "Sobald der Tinnitus auftritt, sollte man ihn daher rasch abklären lassen", betont Mair. Wurde er "nur" durch zu laute Musik ausgelöst, verschwindet das Pfeifen, Rauschen oder Klingeln meist innerhalb von Stunden wieder. Setzen sich die Ohrgeräusche aber dauerhaft fest, kann das ein Anzeichen für eine andere Erkrankung sein.

Kann man das ausschließen, sind die rein medizinischen Möglichkeiten bald ausgeschöpft. An diesem Punkt ist es dann wichtig, die psychologische Hilfe rasch anzunehmen. Ines Stelzer, Klinische und Gesundheitspsychologin am Uniklinikum Salzburg, warnt nämlich davor, dass sich negative Denkmuster als Folge von Ohrgeräuschen im Gehirn festsetzen können. Je länger man warte, umso schwieriger sei es dann, das wieder wegzubekommen.

"Das heißt jetzt nicht, dass jeder gleich eine Psychotherapie benötigt", sagt Stelzer. "Oft reichen schon ein bis vier Gespräche, in denen es nur darum geht, den Menschen die Ängste zu nehmen, dass sie jetzt verrückt oder schwer krank sind." Hilfreich seien auch einfache Techniken, wie man seine Aufmerksamkeit von lästigen Geräuschen weglenken kann.

Alois Mair weiß aus jahrzehntelanger Berufserfahrung, dass die einen mit einem Tinnitus gut zurechtkommen, die anderen wiederum können höllisch darunter leiden. Schlafstörungen und Depressionen können die Folge sein. Als Audiologe weiß Mair, dass oft ein Hörgerät reicht, um das Problem stark zu lindern. "Durch das Hörgerät werden Umgebungsgeräusche wieder lauter wahrgenommen. Der Tinnitus ist nicht mehr so dominant", erklärt Mair.

Er verweist zudem auf Hörgeräte, die sogenannte Geräuschgeneratoren eingebaut haben. Die verdecken die Frequenzbereiche, in denen sich die Ohrgeräusche bemerkbar machen. "Wir können heute feststellen, in welchen Frequenzen der Tinnitus auftritt", sagt Mair. Aber auch da gibt es große Bandbreiten, die es Medizinern wie Technikern nicht leicht machen, immer optimale Lösungen für die Patienten zu finden.

Je lauter, unangenehmer und bedrohlicher Ohrgeräusche für die Betroffenen seien, umso mehr laufe man Gefahr, in einen Teufelskreis zu kommen, unterstreicht Ines Stelzer. Im schlimmsten Fall führe das zur Berufsunfähigkeit. In solchen Situationen sei psychotherapeutische und oft auch psychopharmakologische Hilfe nötig.

In sehr schweren Fällen gehen ambitionierte technische Ansätze dahin, mit neuen Geräuschen alte, im Gehirn festgesetzte Muster zu überschreiben, wie Alois Mair vereinfacht erklärt. Im Extremfall könne auch ein Cochlear-Implantat die Lösung sein.

"Was dem einen nicht hilft, kann beim anderen schon wieder gut funktionieren. Wir ermutigen die Leute, den für sie richtigen Weg zu suchen", betont Mair.
Viele Informationen zur Selbsthilfe findet man auf: https://tinnitus-selbsthilfe.org

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