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Transhumanisten - wenn Mensch und Maschine verschmelzen

Bis tief ins Bewusstsein. Hightech lässt Mensch und Maschine immer weiter verschmelzen. Das muss nicht schlimm sein. Doch die rasante, ungeregelte Entwicklung droht aus dem Ruder zu laufen.

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Jakub kann mit seinem Finger fühlen, ob die Festplatte in seinem Rechner gerade arbeitet. Er spürt, ob der Diebstahlschutz an Supermarktausgängen eingeschaltet ist. Ein Zucken im Finger verrät ihm, ob die Ohrringe, die seine Freundin kaufen möchte, aus echtem Silber sind. Jakub trägt einen kleinen Magneten unter der Haut seines Zeigefingers. Damit fühlt er magnetische Gegenstände und elektromagnetische Felder. Sein Finger kribbelt dann. Eine Art sechster Sinn, nachträglich eingepflanzt. Jakub ist Transhumanist.

Transhumanisten sind Menschen, die durch technische oder biomedizinische Eingriffe über das Menschliche hinausgehen wollen. Jakub und sein Magnet stehen ganz am Anfang der Skala des Machbaren. Körper, Gehirn, Bewusstsein: Alles lässt sich verstärken, verlinken, vernetzen - besser machen als bei einem Durchschnittsmenschen. Es bedeutet auch, nicht durch Training dorthinzukommen, sondern durch technische Eingriffe am oder im Körper. Klingt nach Science-Fiction, ist zum Teil aber schon Wirklichkeit.

Transhumanisten: So gehen sie über das Menschliche hinaus

Das transhumanistische Spektrum reicht von intelligenten Körperstützen über technische Nachdenkhilfen bis zu künstlicher Intelligenz (KI), die ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Toyota etwa bietet seit 2017 intelligente Gliedmaßenstützen an. Die Geräte ähneln einer Schiene, die außen an Bein oder Arm festgeschnallt wird. Sensoren ermitteln, wie viel Kraft auf die Gliedmaßen übertragen werden muss. Das kann Menschen mit Behinderung helfen.

Ähnliches gibt es für den ganzen Körper. Für Soldaten wurden Roboteranzüge, sogenannte Exoskelette, entwickelt. Wer darin steckt, kann Lasten heben, die so kein Mensch schaffen würde. "Wir sind am Übergang von der Mensch-Maschine-Interaktion zur Mensch-Maschine-Konvergenz", sagt der Südtiroler Politikwissenschafter und Soziologe Roland Benedikter. Mit anderen Worten: Der Mensch verschmilzt immer mehr mit Maschinen. Anstatt Geräte zu bedienen, etwa auf dem Display des Smartphones herumzutippen, werden Signale zunehmend direkt zwischen Arm, Bein, Kopf und Gerät ausgetauscht. Und die Entwicklungen gehen immer weiter.

Du überlegst, der Computer hilft nach

Mit Gehirn-Computer-Schnittstellen lassen sich schon heute Geräte per Gedanken steuern. Wenn wir uns eine Bewegung vorstellen, werden stets gewisse Gehirnregionen aktiv. Elektroden am Kopf können diese Gehirnaktivität messen. Computer übersetzen das Signal und können es als Befehl für eine Bewegung an Geräte weitersenden. Das funktioniert aber nur sehr eingeschränkt, das an der Kopfhaut abgenommene EEG kann nur wenige Bewegungsgedanken übertragen - und ist ungenau. Will man die volle Verbindung, muss man einen Schritt weiter gehen - direkt in das Gehirn rein.

Das US-Unternehmen Neuralink ist in diese Richtung unterwegs. Die Firma mit Tesla-Chef und Silicon-Valley-Ikone Elon Musk an der Spitze will menschliche Intelligenz mit künstlicher Intelligenz verbinden. Motto: Du überlegst, der Computer hilft nach. Drahtlos und direkt vernetzt. Der Kopf verbindet sich direkt mit Google und Co. Das funktioniert aber nicht, ohne das Signal im Kopf abzuholen, Elektroden müssen ins Gehirn implantiert werden. Schädeldecke auf, Elektroden rein, Schädeldecke zu: kein ungefährlicher Eingriff.

"Auf diese Entwicklung müssen wir uns einlassen"

Die Idee von Neuralink lässt die Grenzen zwischen Mensch und Maschine weiter verschwimmen. Wir würden mit Gehirn-Computer-Schnittstellen zu einer Mischung aus biologischem Organismus und technischem Gegenstand. Zu dem, was wir aus Science-Fiction-Filmen als Cyborg kennen.

"Auf diese Entwicklung müssen wir uns einlassen", meint die polnische Wissenschafterin Aleksandra Przegalińska, die auch am Massachusetts Institute of Technology (MIT) forscht. Trotz aller Risiken. "Die größte Gefahr ist eine völlig eigenständige künstliche Intelligenz, die ihre eigenen Ziele entwickelt und gegen die menschliche Agenda arbeitet", sagt Przegalińska. Denn die Geschwindigkeit der Entwicklung von künstlicher Intelligenz sei enorm. Menschen liefen Gefahr, hier nicht mehr mithalten zu können. "Die einzige Möglichkeit, diesen Prozess zu kontrollieren, ist, zu einem hybriden Lebewesen zu werden, sodass wir mit der Technologie verschmelzen", erklärt die Ethikerin. Um nicht von Maschinen abgehängt zu werden, müssten wir sie also zu einem Teil von uns machen, "damit Singularität nicht außerhalb des menschlichen Körpers und Verstandes stattfindet". Singularität - das ist der Begriff für jene Idee des Transhumanismus, die (nach Körper und Gehirn) schließlich die höchste Kategorie des Menschen in Angriff nimmt: das Bewusstsein.

Wenn der biologische Körper überflüssig wird

Wer sich damit beschäftigt, landet schnell bei dem Google-Manager Ray Kurzweil. Er will nicht nur dem menschlichen Denken mit künstlicher Intelligenz auf die Sprünge helfen, er will das gesamte Bewusstsein damit verschmelzen. Die Grenzen des menschlichen Körpers und Gehirns sind für Kurzweil mit dem Punkt der Singularität hinfällig. Es werde dann keine Unterscheidung mehr zwischen Mensch und Maschine geben, schreibt er in seinem Buch "Menschheit 2.0: Die Singularität naht". Denn wenn Maschinen und Programme ein Bewusstsein haben könnten, ließe sich das Bewusstsein eines Menschen auch auf Maschinen übertragen. Das ganze Wissen, auch Humor, Spleens, alles würde auf einem Computer gespeichert - und den biologischen Körper überflüssig machen. Für Kurzweil eine gute Sache.

Der biologische Mensch wäre dann vollkommen ersetzbar, sein Geist aber unsterblich. Realistisch? Viele Experten halten den von Kurzweil genannten Zeitraum von nur zehn Jahren bis dorthin für utopisch, aber das Konzept der Singularität für prinzipiell möglich. Kritiker behaupten außerdem, Maschinen könnten nur nachahmen, aber kein Bewusstsein entwickeln.

"Niemals downgraden"

All das sei ein Weg, der weitgehend unreguliert begangen werde, wie der Soziologe Roland Benedikter meint. Mächtige Firmen stünden hinter der "transhumanistischen Technik", hinter den Exoskeletten, der künstlichen Intelligenz und Gehirn-Computer-Schnittstellen. Und sie wollten auf die Politik einwirken. Auf eine Politik, die ihnen weitgehend ohne Wissen gegenüberstehe. Das könnte den Unternehmen unvorhersehbare Macht verleihen, so die Sorge.

Schon 2013 richtete die "Initiative 2045", bestehend aus führenden Unternehmern und Neurowissenschaftern, einen offenen Brief an den damaligen UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon. Darin forderten die Unterzeichner, darunter Ray Kurzweil, dass menschenähnliche Roboter entwickelt werden - als Körperersatz, der per Gedanken ferngesteuert werden solle. Dazu sollten künstliche Gehirne entwickelt werden. Für die Unterzeichner eine notwendige Strategie, um Menschheitsprobleme wie Klimawandel und knappe Ressourcen zu lösen.

Damit sich diese Industrie nicht in einen unregulierten Raum entwickeln könne, hofft Benedikter auf "transhumane Parteien". Diese weltweit entstehenden Bewegungen seien derzeit eher Lobbyisten der körperlichen Verbesserung, doch in Zukunft sollten sie einen kritischen Gegenpol zur Industrie bilden.

Jakub, der Mann mit dem Magnetfinger, sieht in all den transhumanistischen Entwicklungen wenig Außergewöhnliches. Einfach nur Fortschritt, wie er immer stattgefunden hat. Er will Teil davon sein, seinem Magnet-Implantat sollen weitere folgen. Auch ein NFC-Chip, wie er zum kontaktlosen Bezahlen in Bankomatkarten steckt, steht ganz oben auf der To-do-Liste. Irgendwann will er sein Gehirn per Schnittstelle mit künstlicher Intelligenz verbinden.

Regel gibt es für ihn nur eine: "Niemals downgraden."

(SN)

Aufgerufen am 18.06.2018 um 11:57 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/transhumanisten-wenn-mensch-und-maschine-verschmelzen-24896527

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