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Warum das Kuschelhormon beim Sex eine so große Rolle spielt

Ein Oxytocinschub bei beiden Partnern trägt beim Sex zur engen Verbundenheit bei. Damit will die Natur sicherstellen, dass die "Brut" in der Geborgenheit von Mann und Frau aufwächst. Dass das trotzdem oft nicht klappt, hat seine Gründe.

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Zeit für Zärtlichkeit...

Im Buch "Der holistische Mensch" zeigt der Wiener Gynäkologe Johannes Huber auf, wie weit die Biologie in die Seele hineinreicht. Ein SN-Gespräch über Hormone, gefühllose Männer und Irrwege bei der künstlichen Befruchtung.

Sie setzen sich mit Hintergründen der Sexualität auseinander. Welche Bedeutung haben die biologischen Vorgänge für die Paarbeziehung? Huber: Der Grundgedanke ist, dass viele Dinge in der Biologie zusammenhängen, die wir noch nicht als solche erkannt haben. Das betrifft nicht nur die einzelnen Organe, die viel miteinander kommunizieren, sondern ganz stark auch die Reproduktion. Da gibt es Einflüsse, die sogar der Zeugung weit vorausgehen, etwa dass sich die Ernährungsweise des Vaters auf das Kind und seinen Stoffwechsel auswirkt.

Was spielt sich unmittelbar bei der Zeugung ab? Es gibt einen erstaunlichen Holismus, also eine ganzheitliche Verbindung, von Mann und Frau. Die Leistung der Evolution in den vergangenen rund 240 Millionen Jahren war es, dass sich die zweigeschlechtliche Fortpflanzung durchgesetzt und das Gütesiegel der Evolution bekommen hat - inklusive der starken Unterschiede von Mann und Frau nicht nur im somatischen Bereich, sondern auch in der Endokrinologie und Psychosomatik. Das Wort Gender ist letztlich nur aus diesem Unterschied erklärbar.

Bis vor 240 Millionen Jahren hatte sich die Erhaltung der Art von außen vollzogen. Fische legen ihren Laich, um den männlichen Artgenossen die Möglichkeit zu geben, gleichsam im Vorbeigleiten eine Spermawolke abzusetzen. Ab dann hat die Natur jedoch den Fortpflanzungsvorgang in das Innere von Lebewesen hineinverlegt. Damit begann für die Weibchen das Zeitalter der endokrinologischen Innenpolitik. Sie erhielten ein völlig neues Immunsystem, damit ihr Körper das von außen eindringende Sperma akzeptierte. Und sie bekam ein neues Stoffwechselsystem, weil das Herz des Weibchens zeitweise für zwei Lebewesen schlagen muss.

Wie hat sich in der Folge die Verbundenheit der Geschlechtspartner ausgebildet? Beim Liebesakt werden Neurotransmitter freigesetzt. Bei der Frau ist es vor allem das Oxytocin, das berühmte Kuschel- und Bindungshormon. Es ist dafür verantwortlich, dass die Nachhaltigkeit der Zuwendung vor allem zu den Nachkommen, aber auch zum Partner entsteht. Beim Mann wird auch Oxytocin freigesetzt, aber mehr noch das Vasopressin. Dieser Transmitter ist, so muss man beinahe sagen, ein fremdenfeindlicher Transmitter. Er duldet nicht, dass andere Artgenossen die Frau streitig machen.

Sie sprechen auch von einer Angleichung der Immunsysteme von Mann und Frau. Was ist damit gemeint? In dem Moment, wo der erste Tropfen der Spermaflüssigkeit eines Mannes den weiblichen Genitaltrakt nur berührt, macht die Frau von diesem Mann eine Blaupause. Sie adaptiert ihr regionales Immunsystem an das des Mannes und gibt dem Sperma den Passierschein. Damit kann das Sperma sich frei im weiblichen Körper bewegen - ganz entgegen der üblichen Reaktion des Immunsystems, das etwas Fremdes sofort abzust0ßen versucht. Beim Geschlechtsakt gleichen sich das Immunsystem von Mann und Frau in geniale Weise an.

Das alles zielt darauf, dass beide zugunsten des Nachwuchses zusammenbleiben. Genau so ist es. Der Mensch kommt besonders unreif zur Welt und braucht viel Zuwendung, daher sind die Oxytocin und Vasopressin auf Monogamie ausgerichtet. Das dient der Erhaltung der Art.

Sie sind aber oft nicht stark genug, wenn man die hohe Scheidungsrate bedenkt. Dazu muss man fairer Weise sagen, dass die Lebensdauer des Homo sapiens heute extrem lang ist. In der Steinzeit haben die Menschen vielleicht 25 Jahre gelebt. Dafür haben die beiden Neurotransmitter ausreichend gewirkt. Die Natur wusste nicht, dass wir heute 90 und mehr Jahre alt werden und 70 Jahre mit demselben Partner, derselben Partnerin leben sollen. Allerdings reichen die Prägemechanismen durch Oxytocin und Vasopressin weit in das Alter hinein. Das zeigt sich daran, dass Scheidungen oft große Schmerzen verursachen.

Sie kritisieren, dass in der Sexualität zwischen Mann und Frau eine Verrohung eingetreten sei, vorrangig seitens der Männer. Das beginnt aus meiner Sicht schon beim Aufklärungsunterricht. Da wird gut über die Anatomie informiert, aber kaum über die Nachhaltigkeit einer sexuellen Beziehung, über die Verantwortung für den Partner. Wir sehen in der Gynäkologie Mädchen, die nach drei Tagen von ihrem ersten Freund betrogen werden und mit extremen hormonellen Störungen darauf reagieren. Auf solche Folgen wird meines Erachtens viel zu wenig aufmerksam gemacht. Manche Männer benehmen sich wie Fernfahrer, die sich schnell ihre sexuelle Abfuhr verschaffen und dann weg sind.

Dieses Missverhältnis resultiert auch daraus, dass die Frau die Nachhaltigkeit in der Sexualität viel mehr zelebriert als der Mann. Für den Mann kann es eine vorübergehende Sache sein, die Frau hat gegebenenfalls neun Monate lang ein Kind auszutragen. In einer Zeit, in der alles erlaubt scheint, darf man sich nicht wundern, dass auch die Sexualität teilweise zum reinen Spaßfaktor konvertiert ist.

Spielt dabei die frühe Begegnung von Kindern mit Pornografie eine Rolle? Davon bin ich überzeugt, weil in der Pornografie ein sehr mechanistisches Verständnis von Sexualität vermittelt wird.

Wie wird es überhaupt mit der Zeugung von Nachkommen weitergehen? Was bedeutet es für ein Kind, wenn der Vater nicht der leibliche Vater ist oder die Mutter nicht die leibliche Mutter? Ich sehe das Problem darin, dass man in der Reproduktionsmedizin Freilandversuche in die Welt setzt, deren Langzeitfolgen in zwei, drei Generationen wir nicht kennen. Wir wissen zum Beispiel überhaupt nicht, welche Langzeitfolgen es haben kann, wenn man in das Genom eines Menschen eingreift. In dem guten Willen, etwas Krankes herauszuscheiden, werden möglicher Weise auch andere Gene beeinflusst. Man muss der aggressiven Reproduktionsmedizin vorwerfen, dass das, was getan wird, viel zu wenig wissenschaftlich begleitet wird.

Das heißt nicht, dass man etwas verbieten sollte. Aber man müsste die möglichen Folgen viel mehr beachten. Bei jeder Banane wird davor davor gewarnt, wenn man in die Frucht ein Gen einbringen will, das sie möglicher Weise vor Kälte schützt. Beim Menschen werden solche genetische Eingriff, wie in China und Großbritannien geschehen, einfach durchführt.

Haben sich bei der künstlichen Befruchtung eher die Befürchtungen bewahrheitet oder die positiven Aussichten? Die künstliche Befruchtung ist für viele Frauen und Männer der einzige Weg zu einem Kind. Daher ist sie gut. Allerdings weiß man, dass Kinder, die daraus hervorgehen, zum Beispiel ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Das tut dem Ganzen keinen Abbruch, aber man soll es wissen und ein Auge darauf haben.

Das wird wissenschaftlich alles viel zu wenig begleitet. Das werfe ich, obwohl ich selbst Reproduktionsmediziner bin, der Reproduktionsmedizin vor. Und darüber hinaus das Over-using, die viel zu rasche und häufige Anwendung. Wenn eine Frau ein paar Monate nicht schwanger wird, versucht man eine IVF. Sogar die holländischen Reproduktionsmediziner haben jüngst die Frage aufgeworfen, ob die künstliche Befruchtung nicht überstrapaziert werde.

Was halten Sie vom Recht eines Kinder, seinen leiblichen Vater zu erfahren? Das kann ich nur dialektisch beantworten. Denken Sie an Jakob Augstein, der mit Mitte 30 erfahren hat, dass nicht Spiegel-Gründer Rudolf Augstein sein leiblicher Vater ist, sondern der Schriftsteller Martin Walser. Das hat beim Sohn eine starke Unruhe hervorgerufen. Da kann man fragen, ob es wirklich gut ist, alles im Leben zu wissen, oder ob manchmal das Nichtwissen ein ruhigeres Leben bescheren kann.

Johannes Huber ist ein führender österreichischer Gynäkologe und Hormonexperte. Er war von 1992 bis 2011 Leiter der klinischen Abteilung für gynäkologische Endokrinologie am AKH Wien. Unlängst ist sein Buch erschienen "Der holistische Mensch. Wir sind mehr als die Summer unserer Organe" (336 Seiten, 24,90 Euro, edition a). Die Holistik sehe den Menschen nicht nur als körperliches Wesen, schreibt Huber. Die moderne Medizin wage sich damit auf unbekanntes Terrain.

Aufgerufen am 18.09.2018 um 03:35 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/warum-das-kuschelhormon-beim-sex-eine-so-grosse-rolle-spielt-22538809

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