Wissen

Was hinter anhaltend positiven Coronatests stecken könnte

Manche werden noch lange nach ihrer Infektion coronapositiv getestet. Eine Studie liefert eine mögliche Erklärung.

 SN/robert ratzer

Ein Forscherteam hat offenbar vereinzelt kleine Erbgutstücke des Coronavirus SARS-CoV-2 im Erbgut menschlicher Zellen gefunden. Von ihnen gehe keine Gefahr aus, erläutert die Gruppe in der Fachzeitschrift "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS).

Solche eingebauten winzigen Fragmente können nicht zu ganzen Viruspartikeln führen und auch keine erneute Infektion auslösen, wie die Forscher um Rudolf Jaenisch vom Whitehead Institute for Biomedical Research in Cambridge (USA) schreiben. Die Entdeckung könnte demnach aber eine mögliche Erklärung dafür sein, dass manche Menschen beim PCR-Test noch lang nach ihrer Coronainfektion positiv auf SARS-CoV-2 getestet werden.

Die Ergebnisse der PNAS-Studie werden gestützt von einer im Fachjournal "PLOS ONE" veröffentlichten Untersuchung: Eine Gruppe um Ithan Peltan von der University of Utah in Salt Lake City untersuchte Patienten, die 60 oder mehr Tage nach einem positiven Coronatest erneut mit einem PCR-Test positiv auf das Virus getestet wurden. In rund 90 Prozent der Fälle lag trotz positiven PCR-Tests keine SARS-CoV-2-Infektion vor, es gab also keine erneute Ansteckung.

Das menschliche Erbgut besteht aus sogenannter DNA (Desoxyribonukleinsäure). Bei RNA-Viren, zu denen auch das SARS-CoV-2 gehört, besteht die Erbinformation hingegen aus RNA (Ribonukleinsäure). RNA ist etwas anders aufgebaut als DNA. Damit Viren-RNA in menschliches Erbgut gelangen kann, muss sie von biologischen Werkzeugen in DNA umgeschrieben und dann in das Erbgut eingebaut werden. In der PNAS-Studie wiesen die Forscher in sehr seltenen Fällen Erbgutfragmente des Coronavirus im Genom von Menschen nach, die sich einige Zeit davor mit dem Erreger infiziert hatten. Zudem versuchten sie, die Integration in Laborversuchen nachzubilden. Ihnen gelang es, kurze Fragmente des Viruserbguts in das Erbgut gezüchteter menschlicher Zelllinien einzubringen.

Ein nicht an der Studie beteiligter Forscher erklärte, dass die Autoren bei der Integration gezielt nachgeholfen hätten. Sie hätten Laborzellen genutzt, die besonders viel sogenannte Line1-Reverse-Transkriptase produzierten, sagte Oliver Weichenrieder vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Generell integriere dieses Enzym immer mal wieder auch virale RNA. "Der Nachweis, dass so auch SARS-CoV-2-RNA-Fragmente künstlich integriert werden können, ist somit nicht wirklich überraschend."

Bei der Verwendung von RNA-Impfstoffen spielt das Phänomen nach Einschätzung der Experten keine Rolle. In normalen menschlichen Zellen sei die ausschlaggebende Enzymaktivität äußerst gering, erklärte Virusexperte Joachim Denner vom Robert-Koch-Institut. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein SARS-CoV-2-RNA-Impfstoff bruchstückhaft in DNA umgeschrieben und in das Zellgenom eingebaut werde, sei daher nahezu null.

Weichenrieder betonte: "Die gelegentliche Integration von SARS-CoV-2-RNA in die DNA einiger menschlicher infizierter Zellen ist sicher akademisch interessant und sollte unbedingt weiter wissenschaftlich untersucht werden. Eine Gefahr für die menschliche Gesundheit kann ich aber daraus nicht erkennen."

Aufgerufen am 28.01.2022 um 10:10 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/was-hinter-anhaltend-positiven-coronatests-stecken-koennte-103781893

Kommentare

Schlagzeilen