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Was wäre, wenn Martin Luther King mehr Zeit gehabt hätte?

Ginge es den Schwarzen heute besser, wenn ihre Ikone nicht 1968 ermordet worden wäre?

Martin Luther King bei einer Rede in Atlanta 1960. SN/ap
Martin Luther King bei einer Rede in Atlanta 1960.

Am frühen Abend des 4. April 1968 steht Martin Luther King auf dem Balkon seines Zimmers im Lorraine Motel in Memphis, Tennessee. Plötzlich fällt ein Schuss, King sackt zusammen. Die Kugel des Mörders hat den Anführer der Bürgerrechtsbewegung in den Kopf getroffen. Für den 39-jährigen Baptistenprediger kommt jede Hilfe zu spät.

Der Mord, für den später der Zuchthäusler James Earl Ray zu 99 Jahren Haft verurteilt wird, erschüttert die Nation. In mehr als hundert Städten brechen Rassenunruhen aus, mehr als 40 Menschen sterben, Tausende werden verhaftet. Nationalgarde und Militär werden eingesetzt, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Zwei Monate später wird mit Robert "Bobby" Kennedy ein weiterer Hoffnungsträger der Bürgerrechtsbewegung ermordet. 1968 ist ein Epochenjahr.

Was aber wäre gewesen, wenn die Kugel den charismatischen Bürgerrechtler nur gestreift hätte und er den friedlichen Kampf für die Gleichberechtigung der schwarzen Minderheit weitergeführt hätte? Immerhin hatte die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er-Jahren mit ihrer Gewaltfreiheit in weiten Kreisen der Bevölkerung Zustimmung - und auch viel positive Berichterstattung bekommen. Zumal, wenn die Proteste wieder einmal mit brutaler Polizeigewalt niedergewalzt worden waren. Die Frage stellt sich also, ob die Geschichte für die Afroamerikaner anders und besser hätte verlaufen können?

Experten zeigen sich skeptisch. Auch ohne Mordanschlag auf Martin Luther King wäre wohl vieles ähnlich verlaufen. Davon geht Heinz Gärtner aus, Politikwissenschafter an der Universität Wien. Da King viele Gegner gehabt hätte, wäre er möglicherweise als Terrorist verunglimpft worden. "Man hat ihn ja aller möglichen Dinge beschuldigt." Luthers Einfluss hätte demnach mit der Zeit vermutlich abgenommen. Entscheidend ist für Gärtner aber ein anderer Aspekt - der in weiten Kreisen der amerikanischen Gesellschaft fest verankerte Rassismus. "Der Rassismus besteht ja in den USA - und nicht nur dort - seit 400 Jahren." Durch die Sklaverei seien die sozialen Strukturen der Afroamerikaner immer wieder zerstört worden. Daran habe auch der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865), dessen Hauptursache der Konflikt um die Sklaverei gewesen sei, nichts geändert. Alle Rechte, die den Afroamerikanern in den hundert Jahren danach zugestanden worden seien, hätten eine "formale", aber keine "soziale" Anerkennung gebracht. Gärtner glaubt auch nicht, dass tief sitzende Vorurteile mit Reden beseitigt werden können. Joe Bidens jüngste Forderung, die USA bräuchten endlich "Gerechtigkeit", klinge ganz ähnlich wie das, was Robert Kennedy vor mehr als 50 Jahren gefordert habe. "Das zeigt, dass sich kaum etwas geändert hat."

Ähnlich sieht es der Salzburger Historiker Reinhold Wagnleitner. Wie die Geschichte verlaufen wäre ohne den Mordanschlag auf King? "Wir hätten ein Todesopfer weniger gehabt. Und es hätten damals nicht Dutzende Städte gebrannt. Aber ich denke nicht, dass sich materiell etwas verbessert hätte." Der Rassismus sei eben "strukturell", sagt Wagnleitner mit Verweis auf das Jahr 1619.

Damals kamen die ersten Sklaven in Jamestown, Virginia, an - ein Jahr bevor die englischen Pilgerväter mit der "Mayflower" in Amerika landeten und die erste dauerhafte Siedlung in Neuengland aufbauten. Die Sklaven waren also von Beginn an Teil der amerikanischen Geschichte. Und dieses dunkle Kapitel würde auch nachwirken, wenn King seinen friedlichen Kampf für die Afroamerikaner in den 1970er-Jahren hätte fortsetzen können.

Wunder hätte demnach auch King nicht bewirken können, egal wie lange er gelebt hätte. Dazu kommt: Schon zum Zeitpunkt seines Todes hatte die gewaltlose Bewegung an Energie verloren. Darauf verweist Simon Wendt, Amerikanistik-Professor an der Goethe-Universität Frankfurt. "King wurde nach 1966 klar, dass ein Ende der Rassentrennung und anderer Formen der Diskriminierung nicht genug waren, um Afroamerikanern zu helfen. Er merkte schnell, wie schwierig es war, tief verwurzelte wirtschaftliche Ungleichheit oder ungleiche Bildungschancen mit gewaltlosem Protest zu begegnen." Unruhen habe es auch vor Kings Tod immer wieder gegeben. Deshalb sei anzunehmen, dass die rassistische Polizeigewalt, gegen die sich der Protest gerichtet habe, auch ohne Kings Tod irgendwann wieder zu Ausschreitungen geführt hätte. "Die tief sitzenden Probleme, gegen die heute protestiert wird, hätte man auch mit Kings Hilfe höchstwahrscheinlich nicht lösen können."

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