Die Landflucht ist weiblich geworden

Warum wir das Überleben ganzer Dörfer nicht dem freien Markt überlassen dürfen? Weil das nicht funktioniert.

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Politik | Innen- & Außenpolitk Manfred Perterer

Eine große Landflucht hat Teile Österreichs erfasst. Jüngste Studien warnen davor, dass bis zum Jahr 2030 ganze Regionen bis zu zehn Prozent ihrer Einwohner verlieren werden. Sie strömen in die städtischen Ballungsräume, allen voran nach Wien. Die Bundeshauptstadt wächst jährlich um die Einwohnerzahl von St. Pölten.

Die Triebfeder für den Zug in die Metropole heißt Zukunft. Zu Hause an den Brachen der Region hingegen wartet Tristesse. So sehen es viele junge Menschen, darunter mehrheitlich Frauen. Bildung, Job, Kinderbetreuung, alles Ziele, die sich im Ballungsraum leichter erreichen lassen als auf dem flachen Land oder in engen Gebirgstälern.

Früher haben die Männer die Heimat verlassen, um als Pendler in der Ferne zu arbeiten. Heute gehen die Frauen. Die Landflucht ist weiblich geworden. Gehen erst einmal die Frauen, dann stirbt das Land. In manchen Dörfern gibt es bereits bis zu 30 Prozent mehr junge Männer als Frauen. Für den Zusammenhalt der ländlichen Gesellschaft ist das eine Katastrophe. Für die Aussicht auf künftige Generationen auch.

Allein aus Salzburg, so hat das Institut für Föderalismus in Innsbruck errechnet, ziehen pro Jahr 700 top ausgebildete junge Menschen nach Wien. Das macht in zehn Jahren 7000 Führungskräfte der Zukunft. Sie fehlen dem Bundesland. Die meisten von ihnen kommen nicht mehr zurück.

Es gibt mehrere Ursachen für diesen Schwund der Talente. Zum einen sind große Städte in unserer Wissensgesellschaft ganz einfach attraktiver als Regionen, in denen Breitbandinternet noch ein Fremdwort ist. Zum andern wurden die Regionen über Jahre hinweg vom Staat und seinen Organen ausgehungert. Gerichte weg, Polizei weg, Schulen weg, Postämter weg, Eisenbahn weg, Bundesforste weg. Dazu kommen schlechte Nahversorgung, schlechte öffentliche Verkehrsmittel, geringe Bildungsmöglichkeiten und viel zu wenige qualifizierte Jobs.

Das Idyll vom unversehrten Erholungsraum Land, das so vielen Städtern in den Köpfen herumgeistert, ist für Landbewohner zum Fluch geworden. Sie sollen die Postkarten-Kulturlandschaft erhalten, damit sich die Stadtmenschen am Wochenende und in den Ferien daran erfreuen und ihre vom städtischen Trubel gepeinigten Seelen trösten können. Wie sie während der Woche dort überleben sollen, das sagt ihnen jedoch niemand. Von neunmalklugen Hauptstädtern hören sie vor allem, was sie alles nicht tun dürfen: keine neuen Lifte, keine neuen Hotels, keine neuen Straßen, keine neuen Einkaufszentren, keine neuen Kraftwerke, keine neuen Betriebsstätten, keine neuen Zweitwohnsitze, keine konventionelle Landwirtschaft.

Noch ist es nicht so, dass die Politik die Provinz ganz aufgegeben hätte, wie sie es einst in der Toskana, Sizilien oder Teilen Sloweniens getan hat. Dort sind ganze Dörfer ausgestorben, gespenstisch stehen die leeren Häuser in der zugewachsenen Landschaft. Das haben wir nicht. Noch nicht. Aber möglicherweise bald.

Unsere Gesellschaft drängt sich in Städten zusammen und verursacht sich selbst damit nicht nur Vorteile, sondern auch viele künstliche Probleme: Verkehr, Lärm, Wohnungsnot, Armut, soziale Vereinsamung, Kriminalität. Die Schattenseiten des urbanen Lebens müssen mit viel Steuergeld repariert werden. Den Regionen und Dörfern gebührt zumindest derselbe Anteil am Steuerkuchen.

Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter hat die Idee, einige der 67 Bundesdienststellen (die Schweiz hat übrigens nur 45) in die Regionen zu verlegen. Das brächte Toparbeitsplätze aufs Land. Kein Gesetz sagt, dass alle Ministerien in Wien sein müssen. Das gilt auch für die Ämter der Landesregierungen.

Das kann nur ein Anfang sein. Der Staat (Bund, Land und Gemeinden) muss sich entscheiden: Entweder wir tun weiter nichts und geben ganze Landstriche auf. Was das heißt, kann man sich in einem der 1500 verlassenen Dörfer Italiens anschauen. Oder aber wir tun etwas: Rückkehrprogramme, Steuererleichterungen, Betriebsansiedlungen, Ämter, Tourismusförderung, Kinderbetreuung, öffentlicher Nahverkehr. Der Versuch, die Aufrechterhaltung der Daseinsvorsorge einem freien Markt zu überlassen, ist gescheitert. Gerade auf dem vom Aussterben bedrohten Land kann der gute alte Staat zeigen, was er kann. Und dass er aktueller ist denn je.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 05:28 auf https://www.sn.at/politik/die-landflucht-ist-weiblich-geworden-341824

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