EU-Wahl 2019

Elf Millionen Klicks für Rezo: Wie Youtuber die Wahl beeinflussen

Das Anti-CDU-Video des deutschen Youtubers Rezo hat vor dem wichtigen Wahlsonntag große Aufregung ausgelöst. Vor dem Wochenende hat Rezo mit einem neuen Video noch einmal nachgelegt und sich dafür Unterstützung aus der Youtube-Szene geholt. Und diesmal geht es nicht nur gegen die CDU.

Millionenfach wurde das Anti-CDU-Video des deutschen Youtubers Rezo geklickt. Unter anderem hält er den Christdemokraten vor, beim Klimawandel untätig zu sein und Politik für Reiche zu machen. Die CDU hat er dabei auf dem falschen Fuß erwischt. Mehrere Politikwissenschaftler und politische Berater bewerteten das millionenfach geklickte Video als erstzunehmendes Risiko für die Partei. Rezo ist ein in Aachen lebender studierter Informatiker, der unter seinem Künstlernamen vor allem viele lockere Spaßplaudereien veröffentlicht. Mit seinem politischen Clip - er wurde elf Millionen Mal gesehen - ist ihm ein Coup gelungen.

Nun bekommt Rezo demonstrative Unterstützung aus der Youtuber-Szene. Auf dem Youtube-Kanal des 26-Jährigen tauchte am Freitag ein knapp dreiminütiges neues Video auf. Der Clip beginnt mit einer Ankündigung von Rezo: "Dies ist ein offener Brief, ein Statement". Im Anschluss kommen nacheinander rund 30 andere Youtuber zur Wort, die eine Erklärung verlesen, die auch als Text unter dem Video zu sehen ist. Darin heißt es unter anderem: "Wählt nicht die CDU/CSU, wählt nicht die SPD. Wählt auch keine andere Partei, die so wenig im Sinne von Logik und der Wissenschaft handelt und nach dem wissenschaftlichen Konsens mit ihrem Kurs unsere Zukunft zerstört. Und wählt schon gar nicht die AfD, die diesen Konsens sogar leugnet." Angehängt ist eine Liste von mehr als 70 Unterzeichnern. Darin tauchen einige der reichweitenstärksten Youtuber auf, wie Julien Bam, Dagi Bee, AlexiBexi oder LeFloid. Das am Freitag veröffentlichte "Statement" der Youtuber kam bis Sonntag auf etwa 2,7 Millionen Aufrufe.

Digitalexpertin: Video bleibt kein Einzelfall

Andere Parteien neben CDU, CSU, SPD und AfD werden in dem Statement nicht genannt. Die Zerstörung des Planeten sei kein abstraktes Szenario sondern das berechenbare Ergebnis der aktuellen Politik, heißt es weiter. "Das behaupten nicht wir, sondern das ist der unfassbar große Konsens in der Wissenschaft. Die Experten sagen deutlich, dass der Kurs von CDU/CSU und SPD drastisch falsch ist (...)"

Die Digitalexpertin Marina Weisband erwartet, dass das kritische Polit-Video von Rezo kein Einzelfall bleibt. Sie sehe einen Trend, dass die politische Auseinandersetzung auf neue Kanäle übergehe. "Der Kommunikationsstil der Politik ändert sich, und die Parteien scheinen teilweise nicht bereit zu sein, sich darauf einzulassen", sagte die ehemalige Geschäftsführerin der Piraten-Partei der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Dennoch sieht Weisband klassische Medien weiterhin als bedeutend an: "Soziale Medien und Klassische Medien bilden eine Symbiose."

Rezo und die "Zerstörung der CDU"

Das ursprüngliche Rezo-Video, in dem er hauptsächlich die Politik der CDU heftig angreift, hatte am Sonntag bereits elf Millionen Klicks. Darin hatte der Youtuber unter anderem gesagt, die CDU zerstöre "unser Leben und unsere Zukunft". Er wirft der Partei vor, beim Klimawandel untätig zu sein und Politik für Reiche zu machen.

Die CDU hatte lange mit der Frage gerungen, wie sie auf das provokante Video reagiert. Nach ersten abweisenden Reaktionen hatte Generalsekretär Paul Ziemiak schließlich Rezo zum Gespräch eingeladen. Der Politikberater und Blogger Martin Fuchs sieht Fehler der CDU im Umgang mit dem Video. "Mein Eindruck war, dass die Verantwortlichen im Konrad-Adenauer-Haus (der CDU-Zentrale) aufgeregt wie Hühner mit abgeschlagenen Köpfen umhergelaufen sind", sagte Fuchs. Zudem zerstöre die CDU mit einer aus Jugendsicht zuerst respektlosen Reaktion auf das Video das Vertrauen junger Wähler.

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für die "Welt" (Freitag), die nach dem Erscheinen Rezo-Videos gemacht wurde, zeigt: 77 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, die CDU habe den Kontakt zu jungen Menschen in Deutschland verloren. 16 Prozent sind nicht dieser Meinung, acht Prozent sind in dieser Frage unentschieden.

SPD reagiert mit eigenem Video

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sieht der erneuten Kritik an der Bundesregierung in einem Youtube-Video gelassen entgegen. "Es ist eine Meinungsäußerung in den letzten Tagen des Wahlkampfes wie andere Meinungsäußerungen auch", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. "Ich sage ganz klar: Ob auf Youtube oder sonstwo - wir alle wollen die Klimaschutzziele einhalten", sagte Kramp-Karrenbauer. Gleichzeitig wolle die Union Arbeitsplätze erhalten und schaffen und sozial ausgewogen sein. "Wir sind auch überzeugt, dass das alles zusammengeht. Dafür kämpfen wir."

Die SPD hat mit einem Gesprächsangebot und der Werbung um Unterstützung reagiert. Dazu posteten Generalsekretär Lars Klingbeil (41), Juso-Chef Kevin Kühnert (29) und der Europaabgeordnete Tiemo Wölken (33) ein eigenes Video auf Youtube. "Uns hat eure Kritik erreicht", sagte Klingbeil. "Organisiert euch, ladet uns ein, wir versprechen euch, wir kommen dazu, egal ob Wahlkampf ist oder nicht." Kühnert betonte angesichts der Kritik an zu wenig Klimaschutz: "Wir brauchen nicht miteinander darüber zu streiten, dass der Klimawandel die wahrscheinlich größte Herausforderung ist, vor der wir stehen." Für gesellschaftliche Veränderungen brauche es aber Mehrheiten. Für die SPD sei das geplante Klimaschutzgesetz eines der wichtigsten Vorhaben. "Wir wollen, dass in diesem Klimaschutzgesetz die Gebrauchsanweisung drinsteht, wie wir das in unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren machen." Die "ganzen Unionsminister" müssten dann konkret sagen, was der Beitrag in ihren Bereichen sein solle.

Die AfD, von deren Wahl die Youtuber in ihrem Video abraten, reagierte gelassen: "In zehn Jahren wählen die Youtuber, die es zu einem richtigen Job, einer Familie und vielleicht sogar einer Eigentumswohnung gebracht haben, die AfD", sagte ein Parteisprecher der Deutschen Presse-Agentur.

Quelle: Dpa

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