Innenpolitik

Anschober zu steigenden Coronazahlen: "Das Problem sind die privaten Feiern"

Nach der Ampelschaltung auf Orange für einige Regionen in Österreich fanden am Mittwoch Gespräche zwischen deren Vertretern und der Regierung statt. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne): "Wir stehen an einer Weggabelung. Entweder pendeln wir uns bei 650 Neuinfektionen ein oder wir haben bald exponentielle Steigerungen auf 1500 Fälle pro Tag."

So sind laut Anschober vor allem Feiern im Familien- oder Freundeskreis für die anhaltend hohe Zahl der Corona-Neuinfektionen in Österreich verantwortlich. "Das erfüllt mich mit großer Sorge." Sport- und Kulturveranstaltungen trügen dagegen dank Präventionskonzepten wenig zum Anstieg bei. "Das Problem sind vielmehr die Privatfeiern, bei denen das Grundbewusstsein für Hygienestandards deutlich reduziert ist." Das Land befinde sich in einer entscheidenden Phase, sagte Anschober am Mittwoch. "Die jetzigen Zahlen sind für die jetzige Zeit zu hoch. Noch können wir uns viel draußen aufhalten. Die Zeit, in der wir unser Leben wieder ganz nach drinnen verlegen und damit auch das Risiko einer Infektion steigt, die kommt aber erst."

Die Prognosen gingen deutlich auseinander. Die eher positive Variante sage ein tägliches Plus von etwa 650 Fällen voraus, pessimistischere Varianten gingen von 1500 täglichen Neuinfektionen aus. Am Mittwoch wurden 768 neue Fälle verzeichnet. Auch die Zahl der belegten Krankenhausbetten beginne spürbar zu steigen, sagte Anschober.

Bundesheer für Kontaktpersonenmanagement

Künftig müsse jede Region personell stark genug aufgestellt sein, um den Zeitraum zwischen dem Anruf bei der Coronahotline und einem Testergebnis möglichst klein zu halten. Nach der Meldung von Symptomen dauere es oft viel zu lange, bis alle K1-Kontaktpersonen informiert seien, sagte Anschober, der betonte, dass im Kontaktpersonenmanagement bereits das Bundesheer helfend eingesetzt werde.

Neben den Bundesmaßnahmen sei es auch möglich, regionale Zusatzmaßnahmen zu setzen.

Beschwerden über Gesundheitshotline

In der Bundeshauptstadt häuften sich zuletzt Beschwerden über die Gesundheitshotline 1450 und zu lange Wartezeiten für Testabnahme und -ergebnisse. Die Stadt Wien plant nun eine massive Personalaufstockung. Insgesamt sollen 1000 Personen neu angestellt bzw. befristete Dienstverhältnisse verlängert werden, kündigte Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) an. Ein großer Teil, nämlich 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, werden im Bereich des Contact Tracing neu engagiert. Beim Contact Tracing geht es um das Aufspüren von Kontaktpersonen bei Covid-19-Fällen. Insgesamt werden in diesem Bereich dann 600 Personen im Einsatz sein. Diese sollen dann auch bei der Hotline 1450 mitarbeiten, wie Ludwig ankündigte.

In den vergangenen Tagen und Wochen ist die Zahl der Anrufe massiv in die Höhe gegangen. Am Dienstag wurden in Wien 17.978 Anrufe verzeichnet. Bei der Gesundheitsbehörde werden 150 zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgenommen. Deren vorrangige Aufgaben werden das Erstellen von Bescheiden und das Beantworten von Anfragen von Einrichtungen, Organisationen und Vereinen sein.

Eigene Zusatzregeln in Ländern und Bezirken

Anschober kündigte an, dass die Länder und Bezirke ihre eigenen Zusatzregeln verhängen sollen, wenn sie es zur Eindämmung des Infektionsgeschehens für nötig erachten. Als Beispiel für Zusatzmaßnahmen nannte Anschober eine Ausweitung jener Bereiche, wo der Mund-Nasen-Schutz gelten soll. Entsprechende Regelungen waren zwischenzeitlich schon in Oberösterreich und Teilen Kärntens getroffen worden. Nun sollen sie rechtlich abgesichert werden. Dazu braucht es kommende Woche den Beschluss im Nationalrat, dem jener im Bundesrat folgen muss. Die Länderkammer wird nach Informationen der APA dafür eine Sondersitzung Anfang übernächster Woche einschieben.

Versorgung mit Schutzkleidung sichergestellt

Beschlossen wurde im Ministerrat am Mittwoch die Sicherstellung von ausreichend Schutzkleidung für hauptbetroffene Berufsgruppen. Anschober: "Wir haben mit 30 Mill. Euro ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt, damit wir auch in einer Akutphase, wie sie möglicherweise vor uns steht, ausreichend Schutzbekleidung haben für Ärzte, Pfleger und Sozialarbeiter."

Österreich verhandle außerdem mit sechs unterschiedlichen Produzenten von Impfstoffen. "Damit können wir es zum Beispiel verkraften, wenn eine Firma keine Marktzulassung erhält." 200 Mill. Euro werden laut Anschober für den Kauf von Impfstoff für die Österreicher zur Verfügung gestellt. "Mein Traumziel ist eine Durchimpfungsrate von 50 Prozent."

"Lassen unseren Worten Taten folgen"

Außenminister Alexander Schallenberg erklärte nach dem Ministerrat, dass Österreich mit einem der größten Transportflugzeuge der Welt ein umfassendes Hilfspaket für die Migranten aus dem abgebrannten Lager Moria nach Griechenland geschickt habe. An Bord der Antonow 124 waren nach Angaben des österreichischen Innenministeriums 400 mit Heizung und Beleuchtung ausgestattete Familienzelte mit Platz für jeweils fünf Menschen, 2700 aufblasbare Matratzen samt Polster und Bettwäsche, 7400 Decken und 2000 Hygienepakete.

Die 150 Paletten wollte Innenminister Karl Nehammer am Nachmittag selbst am Athener Flughafen übergeben. "Wir lassen unseren Worten Taten folgen", sagte Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg am Mittwoch. Während andere Staaten noch diskutierten, ob sie vielleicht in einigen Wochen oder Monaten vereinzelt Menschen aufnehmen sollen, würde Österreich rasch und vor Ort helfen, sagte Schallenberg.

Grüne weiterhin für Aufnahme von Flüchtlingen

Die Grünen als Koalitionspartner der konservativen ÖVP fordern ergänzend zur Soforthilfe weiter die Aufnahme von Flüchtlingen in Österreich. "Dafür werden wir uns weiter einsetzen", sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Regierungschef und ÖVP-Vorsitzender Sebastian Kurz ist strikt gegen diesen Schritt.

Beim Ministerrat wurden nicht nur mögliche Maßnahmen erörtert, sondern auch, wie die Gesundheitsbehörden mit den steigenden Infektionen klarkommen, wie schnell die Tests ablaufen und wie die Testung über die Hotline 1450 funktioniert.

Die Ampelschaltungen würden keinen Automatismus bei den Maßnahmen bedeuten, hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) im Vorfeld klargestellt. "Das eine sind Ampelschaltungen, das andere sind Entscheidungen der Bundesregierung." Von der Coronakommission wurden bei der jüngsten Sitzung am Montagabend Wien, Innsbruck-Stadt, Kufstein, Dornbirn, Bludenz, Mödling und Neunkirchen auf der Corona-Ampel auf Orange gesetzt. Maßnahmen bei Veranstaltungen und Schulen sind nach Ansicht des Gremiums keine erforderlich.

Quelle: SN

Aufgerufen am 23.11.2020 um 11:40 auf https://www.sn.at/politik/innenpolitik/anschober-zu-steigenden-coronazahlen-das-problem-sind-die-privaten-feiern-92896888

Kommentare

Schlagzeilen