Weltpolitik

Österreich verhängt Reisewarnung für den Westbalkan

Schlechtere Corona-Infektionszahlen am Westbalkan führen nun - mitten in der Urlaubszeit - zur Reisewarnung für sechs Staaten. Auch in Österreich hat es erstmals wieder eine dreistellige Zuwachsrate bei den Neuinfektionen gegeben.

Für Milorad Mateovic kam die Nachricht, dass Österreich am Mittwoch für seine Heimat Serbien die höchste Reisewarnung (Stufe 6) verhängt hat, nicht überraschend. Denn die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist in den sechs Staaten des Westbalkans teils dramatisch gestiegen. "Wenn wir nicht fahren sollen, dann fahren wir nicht, ganz einfach", sagt der Obmann des Serbischen Zentrums in Wien. Rund 300.000 Menschen mit serbischem Migrationshintergrund leben laut Mateovic in Österreich, davon 120.000 in Wien. Der Anteil jener, die in normalen Sommern die Reise nach Serbien zu den Verwandten antreten, liege bei rund 90 Prozent. "Wenn ein Familienmitglied krank ist oder es einen Todesfall gibt, ist eine Reise natürlich okay. Ansonsten sage ich: Heuer eben nicht", betont Mateovic.

Nicht anders stellt sich die Situation für die etwa 200.000 Österreicher mit bosnischen Wurzeln dar. Oder für die Albaner, Nordmazedonier, Montenegriner und Kosovaren. Denn in sämtlichen sechs Staaten des Westbalkans sind die Covid-19-Infektionszahlen in den vergangenen Tagen drastisch angestiegen. Laut der aktuellen Statistik der Johns Hopkins Universität (USA), auf deren Zahlen sich auch das heimische Gesundheitsministerium bezieht, verzeichnet der Kosovo aktuell 500 bis 700 Neuinfektionen pro Tag. In Bosnien sind es 400, in Serbien knapp 300. In Nordmazedonien sind es 175, in Albanien fast 80, in Montenegro annähernd 50.

In Serbien, wo es 14.564 bestätigte Coronafälle gibt und 277 Menschen am Virus gestorben sind, wurden Anfang April rund 450 Neuinfektionen pro Tag registriert. Ende Mai pendelte sich der Wert auf 20 bis 30 Fälle täglich ein. Nun klettert die Wachstumskurve erneut steil nach oben.

Wie steil, darüber gibt es Streit. Denn neben den Zahlen der Johns Hopkins Universität geistern noch weitere Berechnungen herum. Laut einem Bericht des Internetportals "Balkaninsight" habe es wesentlich mehr Neuinfektionen geben als von Regierungsseite verlautbart. Allein in der Woche vor dem 23. Juni sollen es täglich bis zu 340 neue Coronafälle gewesen sein. Offiziell lag der höchste Tageswert bei 97. Zwischen 19. März und 1. Juni sollen "Balkaninsight" zufolge 632 infizierte Personen gestorben sein. Laut Regierungsangaben waren es 244. Die Opposition erstattete nun Strafanzeige gegen Ministerpräsidentin Ana Brnabic. Milorad Mateovic vom Serbischen Zentrum in Wien versucht zu kalmieren: "Alle versuchen im Moment ruhig zu bleiben und abzuwarten. Die meisten von uns nehmen die Warnung sehr ernst. Es geht um die Gesundheit unserer Familien und Nachbarn."

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) kündigte am Mittwoch an, zusätzlich 1500 Grenzpolizisten für Kontrollen einzusetzen. Auch Schleierfahndungen im Hinterland sollen mit der Aufstockung ermöglicht werden. In Österreich gebe es bereits Corona-Fälle, die auf Reisende vom Westbalkan zurückzuführen seien, sagte Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP). In Slowenien und Kroatien seien ebenfalls vermehrt Cluster von Neuerkrankungen durch Rückkehrer vom Westbalkan zu beobachten.

Die Reisewarnung mit Sicherheitsstufe 6 empfiehlt Österreichern "dringend", das betroffene Land zu verlassen. Dies gelte bereits für Schweden, Großbritannien und Portugal, aber auch regional (Gütersloh, Lombardei). Coronatests oder 14-tägige Heimquarantäne sind bei einer Einreise aus Westbalkanländern ohnehin längst Pflicht.

Das Rote Kreuz schlug indes Alarm: Die Armut in Bosnien sei durch die Coronakrise dramatisch gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt drohe um zehn Prozent zu fallen. Die Folge: Weitere 100.000 Arbeitslose. Laut Schätzungen des Roten Kreuzes sind aktuell 30.000 Familien auf die Verteilung von Lebensmitteln angewiesen. In neun Suppenküchen werden derzeit täglich 6500 Mahlzeiten ausgegeben, zusätzlich erhalten 10.000 Menschen Lebensmittelpakete.

Auf Heimaturlaube verzichten

Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) appellierte am Mittwoch an die Österreicherinnen und Österreicher mit Migrationshintergrund aus diesen Ländern und auch aus der Türkei, diese Reisewarnung ernst zu nehmen und auf die Heimaturlaube zu verzichten. "Überlegen Sie, ob Sie nicht Ihren Urlaub in Österreich verbringen wollen. Helfen wir zusammen, dass es in Österreich zu keiner zweiten Welle kommt."

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) erinnerte daran, dass es kein "Kavaliersdelikt" sei, wenn man ohne gültigen Coronatest einreise oder die Quarantänemaßnahmen nicht einhalte. Es werde Strafen geben. "Das sind keine Schikanemaßnahmen", aber es gehe darum, einen "epidemiologischen Tsunami" zu vermeiden.

Aufgerufen am 23.10.2020 um 12:42 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/oesterreich-verhaengt-reisewarnung-fuer-den-westbalkan-89596528

Kommentare

Schlagzeilen