Weltpolitik

Richterin Amy Coney Barrett: Fundamentalistin in der Robe

Die Republikaner wollen Amy Coney Barrett zur Richterin im Supreme Court machen. Doch die tiefe Religiosität der Juristin befeuert Zweifel an ihrer Unabhängigkeit.

Amy Coney Barrett betont, dass ihr Glaube keinen Einfluss auf ihre Entscheidungen vor Gericht habe.  SN/AP
Amy Coney Barrett betont, dass ihr Glaube keinen Einfluss auf ihre Entscheidungen vor Gericht habe.

In langen roten Roben und mit weißen Hauben erschien rund ein Dutzend Frauen vor dem Gebäude des amerikanischen Höchstgerichts, dem Supreme Court. Die ungewöhnlich gekleideten Frauen protestierten gegen die Nominierung der 48-jährigen Amy Coney Barrett zur Verfassungsrichterin und Nachfolgerin der Feministen-Ikone Ruth Bader Ginsburg.

Die in Rot gehüllten Frauen sind eine Anspielung auf den Roman "A Handmaid's Tale", zu Deutsch "Der Report der Magd", von Margaret Atwood. In dem Buch kommen christliche Fundamentalisten durch einen Putsch an die Macht und wandeln die USA in einen christlichen Gottesstaat um, in dem Frauen eine dem Mann untergeordnete Rolle einnehmen. Die Unterdrückung bekommen in dem fiktiven Roman die "Mägde" zu spüren: Sie werden vergewaltigt, gefoltert, von ihren Liebsten getrennt.

Mit der Anspielung auf die düstere Zukunftsvision wollten die Frauen vor dem Supreme Court ihre Bedenken gegen eine Ernennung von Amy Coney Barrett als Verfassungsrichterin zeigen. Die fromme Katholikin ist für Liberale eine Drohung - und für Konservative eine Hoffnungsträgerin. Würde die Juristin zur Richterin am Supreme Court berufen, könnte sie die Rechtsprechung über Jahrzehnte hinweg prägen. Verfassungsrichter werden in den USA auf Lebenszeit ernannt.

Amy Coney Barrett wurde 1972 als ältestes von sieben Kindern von Mike und Linda Coney geboren. Die Eltern sind sehr konservativ, beide sind Mitglied der People of Praise, einer fundamentalistischen Gemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche in den USA. Barrett wächst in der Glaubensgruppe auf, deren Mitglieder einen lebenslangen Treueeid schwören müssen und an die Existenz böser Kräfte in der Welt glauben. Frauen sind laut Überzeugung der Sekte Männern untergeordnet und müssen sich fügen. Selbst als Barrett sich einen Namen als Topjuristin gemacht hatte, schien sie kein Problem damit zu haben, sich in der Gruppe als "Handmaid", als Magd, bezeichnen zu lassen.

Dabei ist die Mutter von sieben Kindern keineswegs eine Frau, deren juristische Fähigkeiten zu unterschätzen sind. Sie studierte an der katholischen Universität Notre Dame in Indiana, an der vor Lehrveranstaltungen gebetet wird und Kruzifixe an den Wänden der Seminarräume hängen. Barrett schloss ihr Jusstudium als Jahrgangsbeste ab. Ihre Professoren lobten die Absolventin nur in höchsten Tönen. Sie gilt als einer der "brillantesten und begabtesten rechtlichen Köpfe unserer Nation", wie Präsident Donald Trump Barrett bei ihrer Nominierung Ende September nannte.

Ihr Mentor war der 2016 verstorbene Höchstrichter Antonin Scalia, eine Ikone der Konservativen. Barrett steht in seiner Philosophie: Die Verfassung wird wortwörtlich ausgelegt, also getreu den Intentionen der männlichen Autoren von 1787.

Diese Vorgehensweise steht im Gegensatz zu der Lesart der verstorbenen Ruth Bader Ginsburg. Sie betrachtete die Verfassung als "lebendiges" Dokument, das zum Beispiel in Sachen der Gleichberechtigung von Männern und Frauen eine zeitgemäße Interpretation benötigt.

Barretts tiefe Religiosität und ihre strikte, wortwörtliche Auslegung der Gesetzestexte lässt viele Amerikaner befürchten, dass liberale Gesetze gekippt werden könnten. Kritiker gehen davon aus, dass das Höchstgericht mit Barrett in seinen Reihen den straffreien Zugang zu legalen Schwangerschaftsabbrüchen einschränken wird.

Bereits bei ihrer Bestätigung zur Bundesrichterin 2017 war eine mögliche Vermengung von Recht und Religion ein Streitpunkt. Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein sagte zu Barrett: "Das Dogma lebt lautstark in Ihnen - das besorgt mich, wenn Sie an große Themen herantreten, für die viele Menschen in diesem Land jahrelang gekämpft haben."

Barrett dagegen betont, dass ihre Religion bei der Rechtsprechung keine Rolle spielen werde. Bei ihrer Nominierung wandte sie sich direkt an die Bevölkerung und versprach: "Ich werde diese Rolle übernehmen, um Ihnen zu dienen." Ein Satz, der auch von einer "Handmaid", einer Magd der People of Praise, stammen könnte.

Aufgerufen am 28.10.2020 um 02:16 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/richterin-amy-coney-barrett-fundamentalistin-in-der-robe-94107826

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