Weltpolitik

Soldat in den USA: Ein gut bezahlter Höllenjob

Die USA haben die Wehrpflicht 1973 als Konsequenz des Vietnamkriegs abgeschafft. Nicht alle sind darüber glücklich.

Soldat in den USA: Ein gut bezahlter Höllenjob SN/EPA
Abzug aus dem Irak: 4485 US-Soldaten starben bei dem Einsatz.

Im Sommer ließ Stanley McChrystal, der ehemalige Befehlshaber der internationalen Streitkräfte in Afghanistan, aufhorchen. Bei einem Symposium in Aspen, Colorado, regte der General an, die Wehrpflicht wieder einzuführen. "Ich denke, wenn eine Nation in den Krieg zieht, sollte jedes Dorf, jede Stadt an dem Risiko teilhaben", meinte der pensionierte Offizier, der im Ruf steht, ein unbequemer Vordenker zu sein. "Wenn also eine Entscheidung getroffen wird, muss jeder seinen Kopf dafür hinhalten."

Da sprach einer, der aus eigener Erfahrung wusste, wie schwierig es für die US-Streitkräfte auf dem Höhepunkt des Kriegs im Irak war, ausreichend qualifizierte Berufssoldaten für die vier Teilstreitkräfte anzuheuern. Nach Ende des Kriegs und dank einer angespannten Situation auf dem zivilen Arbeitsmarkt stellt sich diese Situation heute anders dar. Army, Navy, Marines und Air Force haben im abgelaufenen Haushaltsjahr all ihre Rekrutierungsziele erreicht oder sogar übererfüllt.Kaum Angehörige von Politikern im EinsatzDoch das kann sich jederzeit wieder ändern. Was dagegen bleibt, ist die Schwierigkeit der US-Streitkräfte, die sozioökonomischen Realitäten des Landes abzubilden. So hatte zum Beispiel bis auf den demokratischen Senator Tim Johnson und die beiden Abgeordneten Duncan Hunter und Joe Wilson nicht ein einziges Mitglied im Kongress, der den Krieg in Irak autorisierte, ein Familienmitglied an der Front. Überproportional rekrutieren die Streitkräfte ihre Freiwilligen weiterhin bei den ethnischen Minderheiten. Hinzu kommen regionale Unterschiede. Klassische Rekrutierungshochburgen finden sich in Südstaaten wie South Carolina, Alabama und Mississippi, aber auch in den Staaten des Rostgürtels - Ohio und Pennsylvania ragen heraus.

Mit Ausnahme der Eliteschulen der Navy in Annapolis oder der Militärakademie in West Point fällt es den Streitkräften sehr viel schwerer, besser qualifizierte Bewerber und Kinder aus wohlhabenden Elternhäusern für den Dienst am Vaterland zu gewinnen. Wobei das durchschnittliche Bildungsniveau der Soldaten insgesamt höher ist als das der Gesamtbevölkerung.1,5 Millionen BerufssoldatenDie USA lassen sich ihre 1,5 Millionen aktiven Berufssoldaten, ihre 1,1 Millionen Reservisten und die 21,8 Millionen Veteranen einiges kosten. Ohne die Kriegskosten im Irak und in Afghanistan verschlangen die Streitkräfte im letzten Haushalt 664 Milliarden US-Dollar. Auf das Personal entfiel dabei rund ein Viertel der Ausgaben. Soldaten erhalten neben ihrem Sold Auslands- und Gefahrenzulagen, Wohnraumzuschüsse, freie Gesundheitsfürsorge, vergünstigte Kredite, freien College-Besuch und Weiterbildungsangebote.

Um die Rekrutierung und Verlängerung von Zeitverträgen zu versüßen, bieten die Streitkräfte Bonuszahlungen an. Die Berufsarmee galt in den USA nie als Sparmodell. Es besteht meist überparteilicher Konsens im Kongress, wenn es darum geht, den Soldaten einen höheren Sold zu versprechen.

Die US-Streitkräfte entstanden in den Freiheitskämpfen gegen die Briten und etablierten sich damit von Anfang an als Kraft, die im Volk verankert ist. Die Sorge, das Militär könnte einen Staat im Staat bilden, ist den Amerikanern deshalb fremd. Während der längsten Zeit der Geschichte war die Berufsarmee die Regel und die Wehrpflicht die Ausnahme. Obwohl sie seit 1973 nicht mehr besteht, müssen sich nach wie vor alle 18- bis 25-jährigen Amerikaner registrieren. Für den Fall einer nationalen Katastrophe.Wehrpflicht wird nicht wieder kommenRealistische Aussichten auf eine Rückkehr der Wehrpflicht gibt es jedoch nicht. Die Amerikaner ehren die Gefallenen am "Memorial Day" und feiern ihre "Helden", möchten aber selbst nach Möglichkeit nichts mit dem Leben in Uniform zu tun haben. Laut einer Erhebung des PEW-Zentrums haben während der zurückliegenden Kriegsdekade im Irak und in Afghanistan nicht mehr als 0,5 Prozent der US-Bevölkerung aktiv im Militär gedient. Diese Zahl hatte General McChrystal wohl im Kopf, als er seinen kontroversen Vorstoß unternahm.

Hier geht es zur Übersicht, wie die Wehrpflicht in anderen Ländern rund um den Globus geregelt ist.

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