Weltpolitik

Virologe Christian Drosten: "Entspannen kann man sich wieder Mitte April"

Der deutsche Virologe Drosten ist optimistisch, dass die Pandemie enden wird. Aber: "Für Ungeimpfte wird es jetzt gefährlich."

Der deutsche Virologe Christian Drosten SN/APA/AP POOL/MARKUS SCHREIBER
Der deutsche Virologe Christian Drosten

Erste Daten über die Omikron-Variante gäben Anlass zur Hoffnung, sagt der deutsche Top-Virologe Christian Drosten in einem ausführlichen Interview mit dem Deutschlandfunk. Ein Leben wie in Vor-Corona-Zeiten sei bald möglich. Allerdings wird nach Ansicht des 49-jährigen Virologen der Berliner Charité eine vierte, für Risikogruppen gar eine fünfte Impfung nötig sein. Zugleich spricht sich Drosten für eine Verkürzung der Quarantäne auf fünf Tage aus, um die Wirtschaft durch Ausfälle am Arbeitsmarkt nicht zu stark zu belasten.

Omikron: Vermutlich mildere Krankheitsverläufe

Vorliegende Daten deuten laut Drosten darauf hin, dass bei einer Omikron-Infektion "die Krankheitsschwere sehr wahrscheinlich abgemildert ist". Allerdings: Omikron ist deutlich ansteckender als bisherige Mutationen, in Deutschland sei mit einer Verdoppelung der Fallzahlen alle vier Tage zu rechnen. Das heißt: Selbst wenn sich bestätigt, dass Omikron weniger gefährlich ist, kommt es zu enorm hohen Fallzahlen ab Mitte Jänner und zu "hohen Zahlen in den Krankenhäusern". Allerdings, so der Virologe: Die meisten Omikron-Patienten, die Spitalspflege benötigten, könnten dann auf Normalstationen behandelt werden. Behandlungen auf Intensivstationen dürften seltener werden, da Omikron die Lunge laut ersten Erkenntnissen weniger stark angreift als vorherige Mutationen.

Gilt das auch für Ungeimpfte? Nein, sagt der Chefvirologe, der auch die deutsche Regierung berät. Er warnt: "Für Ungeimpfte ist es jetzt gefährlich." Omikron werde sich rasend schnell verbreiten. Omikron sei vermutlich lediglich etwas weniger riskant für die Lunge, für Ungeimpfte ohne jeglichen Immunschutz aber noch immer bedrohlich.

Drosten: "Bis Ostern müssen wir die Welle moderieren"

Mit Blick auf die Omikron-Welle sagt der Virologe: "Mathematische Modellierungen sagen, das wird Mitte, Ende Jänner losgehen und entspannen kann man sich wieder Mitte April. Bis Ostern müssen wir die Welle gesellschaftlich moderieren." Da die Ansteckungsrate bei Omikron derart hoch sei und die doppelte Impfung kaum vor einer Infektion schütze und diese eben auch nach dem Booster möglich sei, würden sich in den nächsten Wochen sehr viele Menschen infizieren. Drosten verknüpft damit eine Hoffnung: "Die Einschläge kommen im Wahrnehmungsfeld der Bürgerinnen und Bürger näher." Alle würden schon sehr bald im nahen Bekanntenkreis, in der Familie oder im Arbeitsumfeld Menschen kennen, die infiziert seien oder waren. Das führe dazu, dass "die Leute ganz von selbst vorsichtiger sein werden".

Erhöhtes Risiko für Ungeimpfte

Bestätige sich, dass bei Omikron die Krankheitsschwere gering sei, "dann sind wir auf dem Weg in die endemische Situation". Allerdings ist der Top-Virologe nur verhalten optimistisch. Omikron unterscheide sich von vorherigen Mutationen deutlich. Das heißt: Ungeimpfte, die sich mit Omikron infizieren, sind nach überstandener Krankheit nicht automatisch auch gegen die Vorgängerviren (beispielsweise die Delta-Variante) immun. Deshalb seien die Boosterimpfung und eine vierte, an das Omikron-Virus angepasste Impfung im zweiten Quartal 2022 für alle notwendig, um die Pandemie zu beenden. Für Risikogruppen oder ältere Menschen sei im Winter 2022 möglicherweise gar eine weitere Auffrischungsimpfung notwendig. Wird es wieder einmal wie früher, vor Corona? "Ja, absolut!", sagt Drosten. In Ländern mit hoher Impfquote sei dies schon sehr bald der Fall, in anderen dauere es länger und der Preis sei höher.

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