Weltpolitik

"Was 2016 passiert ist, war ein Unfall"

Wie konnte es zum Brexit kommen? War die Entscheidung gar ein demokratischer Betriebsunfall? Der Politologe Tim Pale klärt auf.

Dreieinhalb Jahre nach dem Referendum verlassen die Briten die EU. Wie konnte es zu diesem demokratischen Betriebsunfall kommen? Tim Bale: Die Entscheidung muss im Kontext der vergangenen 40 Jahre gesehen werden. Hier ist ein Land, das nie vollkommen akzeptiert hat, dass es eine europäische Bestimmung haben soll. Wenn man die Meinungsumfragen seit den 70er-Jahren anschaut, dann war das Gefühl einer europäischen Identität immer auffallend schwach.

Würden Sie den Brexit als Produkt des englischen Nationalismus sehen Es hat damit zu tun, aber beim Brexit-Votum handelt es sich in vielerlei Hinsicht um eine sehr zufällige Geschichte. Wenn das Referendum nicht anberaumt worden wäre zu einer Zeit, als Großbritannien gerade fünf Jahre wirtschaftlichen Stillstand erlebt hat, als Migration ein unglaublich großes Thema war, dann bin ich mir nicht so sicher, ob die Europaskeptiker gewonnen hätten. Ich bezweifele außerdem, dass die Seite gesiegt ohne Figuren wie Boris Johnson oder Nigel Farage hätte.

Der EU-Abgeordnete Farage ist Chef der Brexit-Partei. Er redet oft von den guten alten Zeiten. Ist der Brexit auch Ausdruck einer Sehnsucht nach einem Empire 2.0? Es liegt eine gewisse Nostalgie im Anliegen, aus der EU auszutreten. Aber es würde vermutlich zu weit gehen, von einem Wunsch nach einer Wiederherstellung des British Empire zu sprechen.

Wie würden Sie das Weltbild der Brexit-Befürworter beschreiben? Das beinhaltet sicherlich den Glauben in Großbritanniens Überlegenheit. Es herrscht die Meinung vor, dass unsere Bestimmung vielmehr im Globalen liegt als auf dem Kontinent. Und man fühlt sich in vielerlei Hinsicht nicht wohl mit dem multi-ethnischen, multi-kulturellen Königreich des 21. Jahrhunderts. Hinzukommt die Sorge um die eigene Souveränität. Briten wollen nicht von Nicht-Briten gesagt bekommen, was sie zu tun haben.

Premierminister Boris Johnson verspricht eine glorreiche Zukunft außerhalb der EU. Wie schätzen Sie die Chancen ein? Es ist möglich, falls Großbritannien neue Handelsverbindungen mit Ländern eingehen kann, an die es bislang nicht viel exportiert, wie etwa China oder Indien. Aber es ist schwierig, die wirtschaftlichen Vorhersagen zu ignorieren, die darauf hindeuten, dass das Königreich kurz- und mittelfristig ökonomisch schlimmer dran sein wird.

In den letzten drei Jahren hat laut Umfragen jedenfalls kein echter Stimmungsumschwung stattgefunden. Ja, das ist interessant. Trotz des Chaos während der Verhandlungen, ausgelöst von der konservativen Regierung, scheinen nur sehr wenige Menschen ihre Meinung geändert zu haben. Längerfristig betrachtet muss man sagen, dass es sich um ein Versagen von Teilen der britischen, pro-europäischen politischen Klasse handelt, den Wählern die Idee von Europa zu verkaufen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass sich das in den nächsten Jahren ändert? In gewisser Weise gibt es heute eine weitaus enthusiastischere, positive pro-europäische Gemeinschaft in diesem Land. Sie könnte aus dem lernen, was den Europaskeptikern in den letzten zehn bis 20 Jahren gelungen ist, um so eine Kampagne für den Wiedereintritt aufzubauen.

Großbritannien galt im 19. Jahrhundert als Vorbild der Liberalen in Europa. Nun verstehen viele Menschen auf dem Kontinent das Land nicht mehr. Was ist passiert Ich denke nicht, dass unsere Entscheidung zu gehen zwangsläufig bedeutet, dass Großbritannien sich von einer liberalen Demokratie in Richtung eines mehr von Populismus befeuerten Landes entwickelt hat, das sich in den nächsten Jahren notwendigerweise kulturell und wirtschaftlich nach rechts bewegt. Was 2016 passiert ist, war in vielerlei Hinsicht ein Unfall. Ich bezweifele deshalb, ob sich Großbritannien fundamental als Land verändert hat.

Zur Person:
Der 54-jährige Tim Bale, ist Politikprofessor an der Queen Mary Universität in London.

Quelle: SN

Aufgerufen am 28.09.2020 um 05:50 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/was-2016-passiert-ist-war-ein-unfall-82667029

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