Chronik

Bub starb in Salzburg nach Operation: Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen fünf Ärzte

Ein 17 Monate alter Bub war nach einem vermeintlichen Routine-Eingriff im Salzburger Landeskrankenhaus gestorben. Gegen die Mediziner wird wegen des Verdachts der grob fahrlässigen Tötung ermittelt.

Das Salzburger Landeskrankenhaus SN/robert ratzer
Das Salzburger Landeskrankenhaus

Im erschütternden Fall jenes 17 Monate alten Salzburger Buben, der im April in den Salzburger Landeskliniken (SALK) nach einer kleinen Operation gestorben ist, laufen inzwischen strafrechtliche Ermittlungen gegen fünf Ärzte. Bis vor kurzem waren ein Kinderchirurg und ein Anästhesist als Beschuldigte geführt worden. Wie Marcus Neher, der Sprecher der Salzburger Staatsanwaltschaft, nun auf SN-Anfrage mitteilte, werden inzwischen auch drei weitere Mediziner im Zusammenhang mit dem Ableben des Kleinkindes als Verdächtige geführt.

Dieser Tage hatten sich die Eltern des Kindes mit Informationen aus dem Gerichtsakt an mehrere Medien gewandt. Tatsache ist, dass der kleine Bub wegen eines Mini-Blutschwamms an der rechten Wange operiert worden war. Elf Tage später war er tot. Tatsache ist auch, dass der Bub zum Zeitpunkt der OP nicht nüchtern war - er hatte den bisherigen Ermittlungen zufolge während der Narkose offenbar unbemerkt Erbrochenes eingeatmet und war erstickt.

Bub war gestolpert - Mini-Blutschwamm an der Wange blutete leicht

Informationen aus dem Gerichtsakt zufolge war der Bub am Abend des 16. April daheim über ein Sofa gestolpert, woraufhin das kleine Blutschwämmchen an der Wange zu bluten begann. Aus Vorsicht brachten die Eltern das Kind gleich ins Spital.

Auf der Ambulanz reinigte die diensthabende Ärztin das Gesicht, versorgte die Wunde mit einem Tupfer und riet zu einer operativen Versorgung am nächsten Tag. Und zwar, weil der Bub nicht nüchtern sei, nachdem er unter anderem Joghurt und Rote Rüben gegessen hatte, berichtete die Wiener Wochenzeitung "Falter".

Danach konsultierte die Ärztin noch den Oberarzt, der angeblich zunächst ebenfalls zu dem kleinen Eingriff am nächsten Tag riet, dann aber seine Meinung über den Zeitpunkt änderte und sich für einen sofortigen Eingriff aussprach - laut Spitalsanwälten wegen eines möglichen "bedrohlichen Blutverlustes". Auf die Bedenken der Mutter entgegnete der Anästhesist, das Risiko, dass es bei der OP Komplikationen gebe, sei äußerst gering.

Privatgutachter: Operation war angesichts des fehlenden EKG grob sorgfaltswidrig

Aufgrund der Narkose verfiel das Kleinkind in Tiefschlaf. Eine Herz-Überwachung mittels EKG lehnte der Anästhesist laut "Falter" wegen der Kürze des Eingriffes ab. Der eingetretene Herzstillstand sei dadurch nicht erkannt worden. Laut einem Privatgutachten, dass die Eltern des Buben über ihren Rechtsanwalt Stefan Rieder einholen ließen, sei die Operation angesichts des nicht angelegten EKG "grob sorgfaltswidrig" gewesen. Erst eine herbeigerufene weitere Oberärztin erkannte demnach den lebensbedrohlichen Zustand und begann mit der Reanimation.

Laut APA gab die Ärztin später zu Protokoll: "Wie ich den OP betreten habe, hatte ich den Eindruck, dass der Bub bereits tot ist und dass ich zu spät gerufen wurde. Am meisten irritierte mich die gefühlte Schockstarre der Beteiligten." Alle, so die besagte Ärztin, seien um den Tisch gestanden "und schauten", dabei war das Kind "gräulich und weißlich. (...) Am Monitor war nur ein weißer Strich. (...) Mir kam nicht vor, dass aktiv gearbeitet wurde. (...)".

Der von Opferanwalt Stefan Rieder beauftragte Privat-Sachverständige, der Anästhesist Matthias Thöns, lässt an der Vorgangsweise der involvierten Ärzte kein gutes Haar: "Bei einem nicht nüchternen Kind darf man nur im äußersten Notfall operieren, einem offenen Bruch, einem Darmriss oder einer Schussverletzung. An einer kleinen Wunde, die man auch noch abdrücken könnte, kann ein gesundes Kind nicht sterben. An einer Narkose bei fehlender Nüchternheit schon."

Beschuldigte Ärzte sind nach wie vor im Dienst

Der ärztliche Leiter des SALK, Jürgen Koehler, ließ via Medienaussendung mitteilen, dasd die Landeskliniken den Behörden "eine vollunfängliche Aufklärung der Umstände des tragischen Vorfalls versichern". Sämtliche dafür nötigen Schritte seinen "unverzüglich eingeleitet" worden - "inklusive einer Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft" nach dem tragischen Tod des Buben.

Er, so Koehler, sei allerdings als Arbeitgebervertreter auch zum Schutz der Ärzte verpflichtet, die weder vorverurteilt noch in ihren arbeitsrechtlichen Ansprüchen verletzt werden dürfen. Deshalb sei der am schwersten belastete Anästhesist nicht suspendiert worden und seien alle Ärzte weiter im Dienst.

Die Eltern des toten Kindes stellen die Frage in den Raum, ob ihr Sohn nur wegen der Zusatzversicherung sofort operiert worden sei, obwohl laut einem weiteren Privatgutachter, einem Professor für Kinderchirurgie in Wien, "hier medizinisch gesehen sogar grob fahrlässig grundlegende medizinische Vorsichtsmaßnahmen ausgeschaltet" worden seien. Das Spital weist das entschieden zurück: Das Kind sei damals zwar tatsächlich als Sonderklasse-Patient eingewiesen worden, allerdings sei dieser "Status" zwei Tage später auf Wunsch der Eltern zurückgestuft worden, sagte eine Sprecherin der Klinik am Mittwochabend.

Staatsanwaltschaft wartet auf zwei Ergänzungsgutachten

Laut Staatsanwaltschaftssprecher Marcus Neher starb das Kleinkind einem von der Anklagebehörde in Auftrag gegebenem Gutachten der Gerichtsmedizin Salzburg zufolge an einem "Hirntod nach Minderversorgung des Hirns mit Sauerstoff durch die Aspiration von Erbrochenem". Schon vor Wochen, so Neher, habe seine Behörde auf Empfehlung des Gerichtsmediziners zwei weitere Gutachten in Auftrag gegeben - ein kinderchirurgisches und ein anästhesiologisches Gutachten. Diese beiden Expertisen seien noch nicht bei der Staatsanwaltschaft eingelangt. Wann dies der Fall sei, könne er nicht sagen.

Parallel zum Strafverfahren hat Opferanwalt Rieder bereits Ende September am Zivilgericht eine Klage gegen die SALK eingebracht. Darin fordert er namens der Eltern 81.000 Euro Entschädigung. Das Zivilverfahren wurde laut Auskunft von Peter Egger, dem Sprecher des Landesgerichts, jedoch unterbrochen: "Es bleibt so lange unterbrochen, bis das strafechtliche Verfahren rund um den Tod des Buben rechtskräftig abgeschlossen ist.

Quelle: SN

Aufgerufen am 02.12.2020 um 07:48 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/bub-starb-in-salzburg-nach-operation-staatsanwaltschaft-ermittelt-nun-gegen-fuenf-aerzte-64940317

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