Chronik

Die Pinzgauer entdecken die Öffis

Paradox: Eine Baustelle verringert die Staus. Erklärung: Ein dichterer Fahrplan und günstige Öffi-Preise wirken.

Erwin Simonitsch

Seit dem 1. Oktober ist der Schmittentunnel komplett zu. Grund sind umfassende Sanierungsarbeiten. Der Verkehr fließt seither großteils durch das Stadtzentrum von Zell am See. Und das flüssiger, als vielfach befürchtet. Denn viele Pinzgauer nützen das wegen der Tunnelsperre entwickelte Angebot für den öffentlichen Nahverkehr. So gibt es Monatskarten zum Preis von Wochenkarten, einen verdichteten Takt der Pinzgauer Lokalbahn und Gratis-Tagestickets.

Die Verkehrsströme genau im Blick hat Walter Stramitzer. Der Dienststellenleiter der Pinzgauer Lokalbahn wohnt in Piesendorf und hat erkannt: "Bis zur Woche vor der Tunnelsperre gab es speziell in der Früh den täglichen Stau vom Kreisverkehr in Fürth bis Bruckberg. Auch in einer Zeit, in der der Tourismus nicht mehr stark ist. Seit der Tunnelsperre ist das anders, es gibt dort keinen oder kaum einen Stau, nur durchs Zeller Zentrum zieht es sich. Und auffällig ist auch der große Anteil der Lkw auf der Straße."

Die PN fuhren mit Stramitzer am Freitag voriger Woche mit der Lokalbahn von Schüttdorf zum Bahnhof Zell am See. Die Waggons waren gut besetzt, Stramitzer strahlte: "Ich freue mich über den großen Zustrom an Fahrgästen. Ich bin jeden Tag live dabei und sehe, dass alle Garnituren besser als sonst besetzt sind." Seine Erklärung: "Durch die gute Vorbereitung und die vielen Vorberichte sind viele Autofahrer auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen."

Wenige Minuten später: Ankunft am Bahnhof Zell am See. Die Leute strömen auf die Bahnsteige - auch solche, die auf der Westbahnstrecke der ÖBB unterwegs sind - alles verteilt sich im Stadtinneren. Darunter ist Alexandra Gruber: "Ich fahre jeden Werktag von Uttendorf nach Zell am See. Normalerweise mit dem Auto, jetzt mit der Pinzgaubahn, und stelle fest: Ich bin weniger gestresst. Das ist eine gute Erfahrung." Wird sie weiterhin die Lokalbahn nützen - auch nach der Aktionszeit, die am 25. Oktober endet? "Das ist noch offen. Jetzt ist das Angebot sehr günstig. Aber sonst sind die Öffis bei uns schon sehr teuer."

Flott zur Arbeit zu kommen, ist auch den Mitarbeitern der Firma Senoplast wichtig. Sie sind von sich aus aktiv geworden und haben Kontakt mit der Lokalbahn aufgenommen. Stramitzer: "Sie haben gefragt: Wie sollen wir zur Arbeit kommen, wenn es sich auf der Straße staut? Wir haben deshalb in der Früh ein zusätzliches Zugpaar eingesetzt, das von Zell zur Senoplast fährt. Wir haben es so gelegt, dass die Mitarbeiter gute Anschlüsse in Richtung Maishofen und Bruck haben. Von 7.30 bis 8.30 Uhr fahren wir zwischen Zell am See und Piesendorf jetzt im Viertelstundentakt - das wird genial angenommen."

Der Erfolg sei auf das ganze System zurückzuführen, meint Stramitzer, "auch der Salzburger Verkehrsverbund, der ÖPNV Pinzgau und die Gemeinden haben sehr gute Arbeit geleistet. Wichtig waren drei Dinge: Verdichtung des Fahrplans in den Stoßzeiten, günstige Tarife und Werbung. Das hat funktioniert." Er könne sich gut vorstellen, dass das Aktionsangebot ein Dauerangebot werde, sagt Stramitzer: "Wir haben die Infrastruktur und können vieles rasch umsetzen." Er weist auch auf eine Echtzeit-App hin - qando Salzburg. "Diese kann man aufs Smartphone laden, vor allem bei den jungen Leuten ist sie ein Renner."

Sehr gut werden auch die Züge und Busse der ÖBB angenommen, berichtet Johannes Gfrerer vom Salzburger Verkehrsverbund. "Genaue Zahlen haben wir noch nicht." Stramitzer geht davon aus, dass von der Lokalbahn in der ersten Aktionswoche ca. 30 Prozent mehr Passagiere transportiert wurden.

Zufrieden registriert Bezirkshauptmann Bernhard Gratz die aktuelle Lage: "Wir haben geschaut, dass wir in dieser Phase keine Baustellen auf den Straßen haben. Und die Pinzgauer nützen die Öffis und helfen somit, ein Chaos zu vermeiden. Man sollte sich nun überlegen, das öffentliche Verkehrsangebot dauerhaft zu verbessern. Es gibt ja viele Park-and-ride-Plätze entlang der Pinzgaubahn."


Aufgerufen am 26.01.2020 um 02:11 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/die-pinzgauer-entdecken-die-oeffis-42603592

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