Chronik

Salzburger Jugendstudie schlägt Alarm: Besonders Mädchen leiden unter der Coronakrise

Die Stadt Salzburg ließ eine Onlineumfrage unter mehr als 1000 Jugendlichen durchführen. Das Ergebnis: Die Krise belastet die jungen Menschen sehr - sie sind deutlich gestresster und einsamer als vor Corona. Der Großteil der Jugendlichen ist in die digitale Welt geflüchtet. Mit gezielten Freizeitangeboten will die Stadt jetzt Alternativen bieten.

76 Prozent der Mädchen fühlen sich jetzt gestresster als vor der Pandemie. (Symbolfoto) SN/www.picturedesk.com
76 Prozent der Mädchen fühlen sich jetzt gestresster als vor der Pandemie. (Symbolfoto)

Die guten Nachrichten zuerst: Salzburgs Jugendliche sehen großteils Verbesserungen in den Beziehungen zu ihren Eltern und Geschwistern, 92 Prozent halten sich entweder immer oder zumindest meistens an die Coronamaßnahmen und immerhin 58 Prozent blicken positiv in ihre persönliche Zukunft. Aber: Die Coronakrise hinterlässt tiefe Spuren bei den jungen Menschen in der Stadt Salzburg, ganz besonders bei den Mädchen. Das geht aus einer am Donnerstag präsentierten Jugendstudie des Instituts für Grundlagenforschung (IGF) unter etwas mehr als 1000 Teilnehmern hervor.

28 Prozent der Jugendlichen geht es nicht oder gar nicht gut

So haben 51 Prozent der Mädchen Angst, ein Familienmitglied könnte ernsthaft an einer Infektion mit dem Coronavirus erkranken - bei den Burschen sind es 38 Prozent. Insgesamt sagen nur 41 Prozent der Befragten, dass es ihnen sehr gut oder eher gut gehe, 31 Prozent geben "Teils, teils" als Antwort und 28 Prozent geben an, dass es ihnen nicht oder gar nicht gut gehe. Dabei ist ein "Knick" in der Alterskurve zu sehen - bei den 16- bis 20-Jährigen liegt der Anteil jener, denen es nicht gut geht, bei 30 bzw. 37 Prozent, bei den 12- bis 13-Jährigen sind es "nur" 18 Prozent. Erklärbar ist das mit schulischen Veränderungen, die dieses Alter typischerweise begleiten. Gerade derzeit ist damit viel Unsicherheit verbunden.

Im Vergleich zu vor der Pandemie fühlen sich 64 Prozent der Jugendlichen überforderter, 69 Prozent fühlen sich gestresster und 53 Prozent fühlen sich einsamer als davor. Und: In allen diesen Punkten zeigt sich, dass Mädchen sehr viel stärker betroffen sind als Burschen: So sind etwa 71 Prozent der Mädchen bzw. jungen Frauen wegen Corona gestresst, bei den Burschen sind es 54 Prozent. Auch das Thema der gestiegenen Einsamkeit betrifft Frauen mit 58 Prozent deutlich mehr als Burschen.

Sozialstadträtin Anja Hagenauer (SPÖ) bezeichnete die Ergebnisse zum Teil als "Schlag in den Magen", will aber auch die positiven Seiten nicht unter den Teppich gekehrt wissen: So gebe es unter den Jugendlichen fast keine Coronaleugner. "Die jungen Menschen nehmen die Pandemie ernst, sie wollen die Maßnahmen mittragen, auch wenn es für sie persönlich schwer ist. Davon sollten wir uns alle ein Scheibchen abschneiden", betonte die Politikerin. Und dass die Jugendlichen allen Schwierigkeiten zum Trotz "im Grunde positiv in die Zukunft schauen", betrachte sie als überraschend erfreulich. Hagenauer kündigte an, die Studienergebnisse am 12. Mai den Jugendlichen in einer Onlineveranstaltung vorzustellen.

60 Prozent erleben Gewalt im Netz

Was Meinungsforscherin Ernestine Berger vom Institut für Grundlagenforschung anhand der Umfragedaten ebenfalls festgestellt hat: Salzburgs Jugendliche sind in die digitale Welt geflüchtet. 29 Prozent der Jugendlichen verbringen demnach fünf oder mehr Stunden täglich auf Social-Media-Kanälen, jeder Dritte ist dort zumindest zwei bis fünf Stunden täglich unterwegs. Zudem habe die Internetnutzung insgesamt, also auf Social Media, aber auch auf Netflix und YouTube oder bei Videospielen, bei 83 Prozent der Jugendlichen zugenommen. Dabei erleben 32 Prozent sehr oft oder oft Gewalt wie Hasspostings, Mobbing oder sexuelle Belästigungen, 28 Prozent erleben das manchmal. "Das beginnt massiv ab 14 Jahren und das hinterlässt natürlich Spuren", sagt Ernestine Berger.

Darauf will die Stadt nun reagieren: Man werde spezielle Mediencoaches mit Multiplikatoren für Peergroups ausbilden, kündigte Jugendbeauftragter Paul Laireiter an. Zudem soll ein Jugendbürgerrat eingerichtet werden, um künftig besser auf die Wünsche Jugendlicher hören zu können. Aber auch im Freizeitbereich will man die Jugendlichen mehr unterstützen. Das im Vorjahr abgesagte Sommerkino werde heuer stattfinden, sechs Termine seien bereits auf Kurs. Mit speziellen Kursen und Workshops will man Jugendlichen das Besprühen legaler Graffitiwände schmackhaft machen und beim Sport- und Kreativprogramm für den kommenden Sommer will man den Fokus auf Mädchen legen. Dass sie stärker unter der Pandemie leiden, ist für Meinungsforscherin Ernestine Berger schlüssig, denn dieses Phänomen kenne sie auch aus anderen Studien. Prinzipiell sei die Sensibilität bei Mädchen höher, während "Jungs das nicht so an sich heranlassen", meint sie. "Ich traue mich zu behaupten, dass Mädchen mehr das soziale Miteinander suchen", ergänzte Paul Laireiter. Genau das, nämlich das Zusammenfinden als Gruppe, sei aber derzeit nicht erlaubt.

1006 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen zwölf und 25 Jahren haben sich von 26. Februar bis 5. April an der Jugendstudie der Stadt Salzburg beteiligt. Es handelte sich um eine Onlineumfrage, die von den Jugendlichen selbst ausgefüllt wurde. Durchgeführt hat die Jugendstudie das Institut für Grundlagenforschung. Dessen Chefin, Ernestine Berger, betont, dass die Ergebnisse repräsentativ für die knapp 18.000 Jugendlichen der Stadt Salzburg seien. Die Schwankungsbreite liegt demnach bei plus/minus 3,2 Prozent. Zwar könne man niemals zu 100 Prozent ausschließen, dass ein Teilnehmer falsche Angaben zu seiner Person mache, das Gleiche gelte aber auch für Telefoninterviews. "Erfahrungsgemäß ist das aber sehr selten der Fall", sagt die Expertin.

Aufgerufen am 07.05.2021 um 08:18 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/salzburger-jugendstudie-schlaegt-alarm-besonders-maedchen-leiden-unter-der-coronakrise-102475762

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