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Hartes Corona-Jahr: Salzburger Mutter kämpft für ihren autistischen Sohn

Eva Wolf war am Rande des Zusammenbruchs: Coronabedingt verlor sie die Arbeit. Zur Sorge um ihren autistischen Sohn kam die Geldnot.

Eva Wolf müht sich Monat für Monat ab, um ihrem Sohn ein gutes Leben zu ermöglichen. SN/robert ratzer
Eva Wolf müht sich Monat für Monat ab, um ihrem Sohn ein gutes Leben zu ermöglichen.

Maximilian kuschelt sich eng an seine Mutter. Der Neunjährige ist gerade von der Sonderschule nach Hause gekommen und braucht Trost. Er ist gestürzt und hat sich den Fuß verstaucht, jetzt hat er Schmerzen und weint. Eva Wolf redet ihrem Sohn gut zu und bringt ihn wieder zum Lachen. Auch die 39-Jährige ist eben erst heimgekommen. Während Maximilian in der Schule ist, arbeitet sie 20 Stunden in der Woche als Reinigungskraft. Mehr Zeit kann Wolf dafür nicht aufbringen, weil sie Maximilian allein großzieht.

Der Bub ist Autist und lebt mit einer geistigen Beeinträchtigung. Maximilian braucht ständige Betreuung und Hilfe beim Ankleiden, beim Essen und beim Gang zur Toilette. "Maxi ist mein Ein und Alles", sagt Wolf, die den Namen ihres Sohnes als Tattoo auf dem Unterarm immer bei sich trägt. Er brauche viel Zeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung. "Er liebt Rituale und spielt am liebsten mit Autos."

An der Wand im Wohnzimmer hat Wolf den bunt bemalten Gipsabdruck ihres Babybauchs aus der Zeit der Schwangerschaft aufgehängt. Damals war die Welt noch in Ordnung. Das Familienglück währte nicht lang. "Als Maxi vier Monate alt war, hat uns mein Ex-Mann verlassen", erzählt die gebürtige Ungarin, die seit 20 Jahren in Salzburg lebt. Sie war als junge Frau nach Österreich gekommen, um als Kellnerin zu arbeiten. Die ersten Jahre nach der Geburt waren schwierig. Sie habe sofort gemerkt, dass Maxi ein besonderes Kind sei, das sich nicht so entwickle wie andere Kinder. "Er war in sich gekehrt und hat erst mit vier Jahren zu gehen begonnen."

Seit der Geburt tut Wolf alles, um ihrem Sohn ein gutes Leben zu ermöglichen. Dabei hat sie als Diabetikerin selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Zum Vater besteht kein Kontakt. Er zeigt keinerlei Interesse an der Unterstützung von Maximilian, Wolf ist ganz auf sich gestellt und kämpft sich durch, um über die Runden zu kommen. Dennoch bleibt ihr Monat für Monat zu wenig zum Leben.

Ihr Arbeitseinkommen in Höhe von 646 Euro netto und die 360 Euro Pflegegeld für Maximilian reichen nicht zur Deckung der Lebenshaltungskosten. Deshalb wird Wolf Wohnbeihilfe und Mindestsicherung gewährt. Trotz der Sozialleistungen übersteigen die Ausgaben das zur Verfügung stehende Haushaltseinkommen. Allein für die Windeln muss Wolf mehr als 200 Euro ausgeben. Außerdem braucht Maximilian Medikamente und spezielle medizinische Behelfe. Seine Mutter bezahlt 625 Euro Schulgeld pro Jahr und einen Selbstbehalt für die Physio- und Ergotherapien. Damit sie auch während der Sommerferien arbeiten gehen kann, braucht sie für ihren Sohn eine Betreuung.

Ausgelöst durch die Coronapandemie geriet die Welt der kleinen Familie aus den Fugen. Wolf hat entbehrungsreiche und anstrengende Monate voller Sorgen hinter sich, die sie an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben. Anders als derzeit im zweiten Lockdown hatten im Frühjahr auch die Sonderschulen geschlossen. Plötzlich musste Wolf Maximilian rund um die Uhr zu Hause betreuen, zugleich sollte sie aber arbeiten gehen. "Ich habe in der Stunde 7,40 Euro verdient, die Betreuung für Maxi durch die Lebenshilfe kostete pro Stunde 12,50 Euro, das konnte ich mir nicht lange leisten." 500 Euro habe sie insgesamt dafür ausgegeben. Für Wolf ist das ein Vermögen. Dazu kam, dass ihr damaliger Arbeitgeber coronabedingt die Arbeitsstunden kürzte. "Ich habe auf einmal nur noch 150 bis 200 Euro im Monat verdient." Dann verlor Wolf die Arbeit ganz.

Bild: SN/robert ratzer
Maxi ist ein Schatz, er ist ein liebes und besonderes Kind mit einem großen Herzen.
Anne Marie Gómez Neumann, Studentin und ehrenamtliche Mitarbeiterin bei ArMut

Die durchgehende Betreuung von Maximilian zehrte an ihren Kräften. "Ich war nervlich am Ende." Ohne die Hilfe des pfarrcaritativen Projekts ArMut teilen der Salzburger Erzdiözese hätte sie den Sommer nicht überstanden, schildert Wolf. Weil durch Corona viele Menschen die Arbeit verloren hatten, startete die Erzdiözese in der Stadt Salzburg im April in der Pfarre Herrnau eine Lebensmittelverteilung und einen Lieferdienst für Bedürftige. "Ich habe jede Woche ein Lebensmittelpaket bekommen, das hat Maxi und mich gerettet, beim ersten Mal habe ich vor Freude geweint." Außerdem erklärte sich Studentin Anne Marie Gómez Neumann bereit, ein bis zwei Mal pro Woche auf Maxi aufzupassen. Die 23-Jährige engagiert sich ehrenamtlich für ArMut teilen und sprang für Wolfs treue Nachbarin ein, die immer wieder auf Maximilian geschaut hatte, jedoch im Sommer an Krebs erkrankt ist. "Maxi ist ein Schatz, er ist ein liebes und besonderes Kind mit einem großen Herzen. Er lacht gerne und liebt laute Musik", erzählt die Münchnerin.

Wenn am Monatsende wieder einmal kein Cent übrig ist, um die Fixkosten zu decken, bekommt Wolf nach Möglichkeit Hilfe von ArMut teilen. Koordinator Thomas Neureiter kennt Wolf schon seit mehreren Jahren. "Sie ist eine sehr bemühte Mutter, sie hat ihre Sachen bestens in Schuss und geht mit ihren finanziellen Mitteln sorgfältig um", sagt er. Außer den Sorgen um die Entwicklung ihres Kindes belaste die finanzielle Situation Wolf schwer. "Zur Deckung des Lebensunterhalts fehlen Frau Wolf jeden Monat 300 bis 400 Euro", sagt Neureiter.

Vor allem unerwartete Ausgaben bereiten der Mutter schlaflose Nächte. Im Oktober fand Wolf für 20 Stunden eine neue Stelle. Sie ist für die Reinigung der Tennishalle des ASKÖ in Salzburg-Maxglan zuständig. Derzeit ist die Halle geschlossen, Wolf ist mit der Grundreinigung beschäftigt.

Auf die Frage, was sie selbst für Wünsche habe, reagiert Wolf mit Erstaunen und Schweigen. "Ich?", sagt sie schließlich nach einer Pause und sucht nach einer Antwort. Sie hat sich diese Frage offensichtlich schon lang nicht mehr gestellt. Dann fällt ihr doch etwas ein: "Ich träume davon, eine Woche mit Maxi in Grado am Meer zu verbringen." Für solche Extras habe sie kein Geld. Ihr größter Wunsch sei jedoch ein anderer: "Ich würde gerne einmal richtig lange schlafen." Wolfs Tage beginnen um 5.15 Uhr. Sie bereitet alles vor, damit sie Maxi um sechs Uhr wecken kann. Er wird jeden Tag um 6.45 Uhr vom Samariterbund abgeholt und in die Schule gebracht.

Vermissen wird Wolf heuer die gewohnte Weihnachtsfeier, die ArMut teilen jedes Jahr für bedürftige Familien in der Pfarre in Mülln organisiert. "Sie berührt mich immer sehr." Wegen Corona wird heuer nur die Übergabe kleiner Geschenke für die Kinder stattfinden. Sie schreiben jedes Jahr einen Brief ans Christkind und legen eine Zeichnung bei. Maximilian wünscht sich - wie immer - ein Auto zum Spielen. Die SN möchten Eva Wolf mit Unterstützung der Leserschaft dazu verhelfen, dass sie sorgenfreier ins Jahr 2021 blicken kann.

Spendenkonto
ArMut teilen
Mülln
IBAN: AT11 5500 0002 0410 1022

Verwendungszweck "Eva Wolf".


Aufgerufen am 20.01.2021 um 09:33 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/sn-leser-helfen-hartes-corona-jahr-salzburger-mutter-kaempft-fuer-ihren-autistischen-sohn-96221191

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