Chronik

Wer sind die Halleiner Türken?

Der Anteil türkischstämmiger Bürger ist in Hallein traditionell hoch. Die Community ist aber heterogen, "die Türken" gibt es nicht.

Funda Aksoy weiß, was es bedeutet, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen. Die Salzburgerin mit türkischen Wurzeln führt seit vier Jahren das "Euro Kebab" am Unteren Markt in Hallein. Ihre Eltern kamen 1970 aus der Türkei nach Österreich.

Sie selbst hatte von klein auf auch österreichische Freunde. Während viele türkischstämmige Halleiner "jeden Freitag und die Wochenenden in der Moschee verbringen", sei das in ihrer Umgebung seit jeher anders. Auch politisch hält sich die Erdogan-Gegnerin - zumindest in ihrem Lokal - zurück. "Ich will mir meine Kunden nicht vergraulen", sagt Aksoy im Hinblick auf die türkischen Wahlen am vergangenen Wochenende. Zu den TN sagt sie, das Bild, das die österreichischen Medien von der Türkei zeichnen, sei richtig. "Es geht in Richtung Diktatur."

Dem widerspricht Ahmet Yilmaz, Obmann des Moscheevereins ALIF Hallein und Sprecher der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Salzburg. Wegen des angespannten türkisch-österreichischen Verhältnisses sei hierzulande die Motivation der Türken, die Staatsbürgerschaft anzunehmen, in den vergangenen Jahren gesunken. "Die Türken leiden darunter, dass gegen die Türkei gehetzt wird. Die Islamophobie ist im Kommen. Viele fragen sich, warum sie die Staatsbürgerschaft annehmen sollen, wenn sie hier nicht respektiert werden", sagt Yilmaz.

Jeder 20. Halleiner hat türkische Wurzeln

1023 türkische Staatsbürger lebten im Vorjahr in der Stadt Hallein. Mit einem Anteil von 23,3 Prozent waren sie die größte Gruppe unter den ausländischen Staatsbürgern. Rund jeder 20. Halleiner hat damit türkische Wurzeln. Während sich das im Stadtbild in Form von türkischen Geschäften, Imbissstuben und fünf Moscheen niedergeschlagen hat, gibt es im gesellschaftlichen Leben nur wenig Kontakt der österreichischen Mehrheitsbevölkerung mit den türkischstämmigen Mitbürgern. Im Zuge der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen sind die Türken vorübergehend wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Wer aber sind die Halleiner Türken?

Die erste Generation kam in den 60er- und 70er-Jahren vor allem aus dem ländlichen Anatolien der Arbeit wegen hierher. Heute besucht bereits die dritte Generation die Pflichtschule. Die Mitarbeiterinnen des Halleiner Büros für Interkulturelles Zusammenleben (IKU) sind regelmäßig in Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund zu Gast, um dort über Demokratie, Radikalismus und Nationalismus aufzuklären. "Manche Schüler bringen von zu Hause Gedankengut mit, das nicht ungefährlich ist. Da schreit schon mal ein Zehnjähriger ,Allahu Akbar' (Gott ist groß) oder ,Fuck Israel'", sagt IKU-Leiterin Gerlinde Ulucinar. Auf Wänden und unter Brücken finden sich zuletzt immer öfter das Türkentum verherrlichende Graffiti-Parolen der rechtsextremen türkischen "Grauen Wölfe", aber auch anderer nationalistischer Bewegungen. Bedenklich findet Ulucinar das nur zum Teil. "Die Urheber sind wohl Jugendliche, die das nicht einmal hinterfragen, sondern nur zu einer Gruppe gehören wollen."
Von der Keltenstadt als "Klein-Istanbul" - wie Hallein besonders in früheren Jahren genannt wurde - würde Gerlinde Ulucinar deshalb nie sprechen. "Natürlich haben die Türken eine starke Infrastruktur mit ihren Moscheen und Geschäften - vom Taxler bis hin zum Kebab-Stand oder dem Gemischtwarenhändler am Bahnhof. Das sind aber auch Drehscheiben, in denen alle Kulturen zusammenkommen." Die Bindung an das Ursprungsland Türkei sei aber nicht höher als bei anderen Nationalitäten.

"Reduziertes Verhältnis" zur muslimischen Community

"Die Parallelgesellschaft ist real", sagt dagegen Bürgermeister Gerhard Anzengruber. Man habe ein "reduziertes Verhältnis" zur türkischen Community. "Die Gesprächsbasis mit den Obleuten der Muslim-Vereine ist aber gut." Im Dienst der Stadtgemeinde sind derzeit mehrere türkischstämmige Mitarbeiter tätig - vom Reinigungsdienst über die Kinderbetreuung bis hin zum Wirtschaftshof. In der Stadtpolitik stellte bisher nur die SPÖ eine Abgeordnete mit türkischen Wurzeln. Den Großteil der türkischen Community bekomme man im politischen Alltag nicht zu sehen, sagt SPÖ-Stadtrat Josef Sailer: "Die türkische Community als solche gibt es nicht, es sind viele kleine Communitys. Die bewegen sich fast ausschließlich im eigenen Kreis."

Maria Birenti, parteifreie Stadträtin für Integration und Zusammenleben, konstatiert ein "im Moment fehlendes politisches Interesse" am Thema Integration: "Da wird in Hallein kein Schwerpunkt drauf gesetzt." Sie habe das Gefühl, die jüngere Generation an türkisch-stämmigen Halleinern sei gut integriert. "Aber wie bei den Österreichern gibt es auch bei den Ausländern Gruppierungen, die viel Wert darauf legen, untereinander zu bleiben." Radikalen Elementen gegenüber müsse man wachsam sein. "Die gibt es aber auch in der einheimischen Bevölkerung."

"Jeder muss sich fragen, was er selbst für die Integration tun kann." Gerlinde Ulucinar, Leiterin IKU Hallein

Ein ambivalentes Bild zeichnet eine Lehrerin an einer Halleiner Volksschule mit hohem Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. "Das Miteinander funktioniert gut. Die Freundeskreise sind gemischt. Wenn etwas zu organisieren ist, sind alle Eltern mit dabei", sagt die Pädagogin. Auch was die schulische Leistung betrifft, seien keine großen Unterschiede erkennbar - mit einer Einschränkung: "Die deutsche Sprache ist oft ein Hindernis. Das hat zu Hause bei vielen keinen Platz, das wird an die Schule abgegeben."

Deutsch lernen wird an die Schule ausgelagert

Obwohl ihre Schüler bereits die dritte Generation in Österreich seien und schon deren Eltern in Österreich geboren wurden, laufe zu Hause alles auf Türkisch ab. "Es wird Türkisch gesprochen, türkisches Fernsehen konsumiert, türkische Tradition gelebt. Man fühlt sich nach wie vor stärker der Türkei zugehörig", betont die Lehrerin. Größere Probleme gebe es deshalb aber nicht.

"Integration steht bei uns an erster Stelle", betont ALIF-Obmann Ahmet Yilmaz. Integration müsse aber auf beiden Seiten passieren. Viele Österreicher hätten große Scheu vor dem Islam, sogar bei Veranstaltungen wie dem "Tag der offenen Moschee" sei der Zulauf bescheiden, bedauert Yilmaz. In eine ähnliche Kerbe schlägt IKU-Leiterin Gerlinde Ulucinar: "Wer die türkische Parallelgesellschaft kritisiert, muss sich fragen, was er in seinem eigenen Leben dagegen tut."

Aus eigener Erfahrung weiß die in einer Genossenschaftswohnung lebende gebürtige Steirerin (sie war mit einem Türken verheiratet), dass sich viele Österreicher mit ausländischen Mitbürgern schwertun. "Türken, Bosnier und Serben gehen dort ganz normal miteinander um, die Österreicher tun sich oft schwerer."

Ein Bereich, in dem die Integration funktioniert, ist der Fußball. "Bei den Kindern gibt es im Umgang miteinander kein Problem", sagt Helmut Kagerer, Jugendtrainer bei Union Hallein. Zwischen zehn und 15 der 120 Kinder im Nachwuchsbereich haben türkische, viele weitere bosnische Wurzeln. Auffällig sei, dass von den türkischstämmigen Nachwuchsspielern nur wenige in der Kampfmannschaft landen, so Kagerer. "Viele Türken heiraten früh, da steht dann schon mit 18 die Familie im Vordergrund."

Wenige Berührungspunkte gibt es dem Vernehmen nach im Halleiner Nachtleben. Eine Insiderin erzählt im TN-Gespräch, dass es im Moment eine Bar gebe, die hauptsächlich von ausländisch-stämmigen Halleinern besucht werde, während der Ausländer-Anteil in den übrigen Lokalen sehr gering sei.

Wenig Interesse an der Imam-Ausbildung

Moscheen zu schließen und von der türkischen Religionsbehörde ausgebildete Imame auszuweisen, wie von der Bundesregierung angekündigt, trage jedenfalls nicht zur Integration bei und spiele Radikalen in die Hände, meint ALIF-Obmann Ahmet Yilmaz. "Natürlich wollen wir, dass die Imame hier ausgebildet werden. Es gibt aber zu wenige Studierende, wir sind auf bestehende Strukturen angewiesen."

Aufgerufen am 20.08.2019 um 12:03 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/wer-sind-die-halleiner-tuerken-29722675

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