Politik

Stadt Salzburg: Prominente auf Liste der NS-Straßennamen

Die Stadt Salzburg setzt sich zum Abschluss eines Projekts zur eigenen Geschichte in der NS-Zeit mit "braunen" Straßennamen auseinander. Bis 2020 werden dazu die Biografien belasteter Namenspaten erstellt. Ein wissenschaftlicher Fachbeirat soll dann dem Gemeinderat empfehlen, wie mit den Forschungsergebnissen umgegangen wird: etwa Zusatzinfos auf Erläuterungstafeln bis hin zu Umbenennungen.

Einer der NS-belasteten Straßennamen in Salzburg- SN/robert ratzer
Einer der NS-belasteten Straßennamen in Salzburg-

In der Landeshauptstadt gibt es aktuell 1.145 Straßen oder Plätze. 566 davon tragen die Namen von Einzelpersonen. 200 dieser Personen haben in der NS-Zeit gelebt. Aus diesem Kreis haben Historiker 65 Namen herausgefiltert, die nachweislich Mitglieder der NSDAP oder Parteianwärter waren oder unterschiedlich stark ausgeprägt mit dem NS-System verstrickt waren. Dabei wurden auch Namensträger erfasst, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Salzburg kamen und bisher nicht im Fokus standen.

Mit den Biografien und der zugrunde liegenden Recherche beschäftigt sich der Historiker Johannes Hofinger. Elf Biografien hat er bereits fertiggestellt und im Internet veröffentlicht - darunter die des Dirigenten Herbert von Karajan oder des Bildhauers Josef Thorak. "Die Biografien werden mit Schwerpunkt auf die Funktionen, Tätigkeiten und Handlungen der Personen in der NS-Zeit erstellt", so Hofinger.

Andere prominente Namen sind jene von Tobias Reiser (Adventsingen), Karl Heinrich Waggerl (Schriftsteller), aber auch Ferdinand Porsche.

Zugleich hat der achtköpfige Fachbeirat Kriterien für eine Bewertung der Verstrickung mit dem NS-Regime erarbeitet: Es geht dabei etwa um die Beteiligung an Kriegsverbrechen, Zerstörungen, Plünderungen, Arisierungen und Kunstraub. Aber auch die Propagierung von NS-Ideologie und eine Förderung des Regimes aus führenden politischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen oder künstlerischen Positionen heraus soll bewertet werden.

Vizebürgermeister Bernhard Auinger mit dem Team, das die Biographien der Salzburger Straßennamens-Paten – unter besonderer Beachtung etwaiger NS-Verstrickungen – erforscht.. SN/stadt salzburg/doris wild
Vizebürgermeister Bernhard Auinger mit dem Team, das die Biographien der Salzburger Straßennamens-Paten – unter besonderer Beachtung etwaiger NS-Verstrickungen – erforscht..



Danach werden die Namen in drei Kategorien eingeteilt: Erstens in Personen, die zwar Nazis waren, sich aber keiner Verbrechen schuldig gemacht haben und deren Verstrickung mit dem Regime nicht zu gravierend waren. Über sie soll es in Zukunft Einträge im digitalen Stadtplan der Stadt geben.

Zweitens in Personen, deren Aktivitäten so weit gegangen sind, dass es zusätzlich zur Darstellung der Biografie im Internet einer Info auf den Erklärungstafeln zu den Straßennamen vor Ort braucht. Und schließlich in Personen, die so gravierend mit dem NS-Regime verstrickt waren, dass eine Umbenennung der Straßen oder Plätze in Erwägung gezogen werden soll.

Immer wieder einmal geäußerte Kritik, dass die Umbenennung mancher Straßen in Salzburg schon zu lange dauert, ließ die zuständige Chefin der Kulturabteilung der Stadt, Ingrid Tröger-Gordon, heute nicht gelten. "Die Stadt kann nicht auf politischen Zuruf Straßen umbenennen, nur weil es gerade opportun ist. Es geht um eine Gesamtsicht."

"Es kursieren oft nur Halbwahrheiten"

Erst wenn alle fraglichen Biografien abgeschlossen sind, werde der Fachbeirat der Politik vorschlagen, wie man damit umgehen solle. In der Stadt Salzburg hatte vor allem die grüne Bürgerliste in der Vergangenheit mehrfach vergeblich eine Umbenennung der Josef-Thorak-Straße gefordert.

Und auch der Historiker Hofinger warnte am Freitag vor Schnellschüssen. "Es kursieren oft nur Halbwahrheiten." So gebe es bei Thorak - zweifelsohne ein Günstling des NS-Regimes - keine Archiv-Belege dafür, dass dieser wie oft kolportiert KZ-Zwangsarbeiter ausgenützt haben soll. "Das soll jetzt keine Reinwaschung, aber ein Zurechtrücken von bisher Gesagtem sein."

Auf der anderen Seite gäbe es Biografien, wo erst spät NS-Verstrickungen bekannt wurden. Der Wiener Bildhauer Gustav Resatz trat etwa bereits 1931 der NSDAP bei und war in den Jahren des Parteiverbots illegal aktiv. In seinen Publikationen finden sich wiederholt Rassismen und antisemitische Ausfälle. Er konnte sich nach dem Krieg der Verfolgung entziehen - bis er amnestiert wurde. Er kam erst 1959 nach Salzburg wo er wenige Jahre später starb. 1971 wurde eine Straße nach ihm benannt - vermutlich wussten in der Stadt nur wenige über seine Vergangenheit Bescheid.

Hatschi Bratschis Luftballon

Ein anderes Beispiel: Am 18. Oktober beschloss die Stadt Salzburg, einen Platz im Süden des Stadtgebietes nach Franz Karl Ginzkey (1871 - 1963) zu benennen. Der einstige K.-u.-K.-Offizier war unter anderem Kommandant der auch als Kaserne genutzten Festung Hohensalzburg. Bekannt wurde Ginzkey aber auch als Schriftsteller. Das Kinderbuch "Hatschi Bratischis Luftballon" (1904) gilt als Klassiker, der von Generation zu Generation weitergereicht wurde. Die darin verbreitete Darstellung von Afrikanern und Türken gilt als rassistisch. Mittlerweile gibt es quasi entschärfte Versionen des Werks. Ginzkey war seit 1942 Mitglied der NSDAP.

Kritik von Grünen und KZ-Verband

Die Aufarbeitung der "braunen" Straßennamen in der Stadt Salzburg geht der grünen Bürgerliste und dem KZ-Verband nicht schnell genug: "Es muss endlich ein Anfang gemacht werden. Wie lange sollen wir noch warten, bis die Ehrung von Hitlers Lieblingsbildhauer Josef Thorak in der Stadt Salzburg endlich ein Ende hat", kritisierte Bürgerlisten-Gemeinderätin Ingeborg Haller am Freitag per Aussendung.

Eine kritische Analyse der Namensgeber sowie die Anbringung von Erklärungstafeln sei notwendig und wichtig: "Bei NS-belasteten Personen sind Straßenumbenennungen aber unumgänglich." Haller forderte die Stadtpolitik auf, "sich nicht weiter hinter wissenschaftlichen Expertisen zu verstecken, sondern endlich Farbe zu bekennen". Derzeit seien in der Stadt Salzburg 46 Straßen nach NSDAP-Mitgliedern benannt und nur 37 Straßen nach Frauen. "Da kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und warten, bis in zwei Jahren ein Konzept erstellt wird."

Auch der Sprecher des KZ-Verbandes Salzburg, Siegfried Trenker, forderte am Freitag ein zügigeres Vorgehen. "Es geht nicht darum Geschichte auszulöschen, aber es geht darum, die richtigen Wertigkeiten herzustellen", sagte Trenker. Eine Namensgebung sei stets auch eine Würdigung der Person und ihrer Tätigkeiten.

NSDAP-Mitglieder und -Anwärter

Karl Adrian Karl-Adrian-Straße
Kuno Brandauer Kuno Kuno-Brandauer-Straße
Heinrich Damisch Heinrich Heinrich-Damisch-Straße
Ignaz Eigenherr Ignaz-Eigenherr-Straße
Igo Ignaz Etrich Etrichstraße
Franz Karl Ginzkey Ginzkeyplatz
Siegfried Gmelin Dr.-Gmelin-Straße
Jakob Hacksteiner Jakob-Hacksteiner-Weg
Eduard Heinrich Eduard-Heinrich-Straße
Otto Holzbauer Otto-Holzbauer-Straße
Friedrich Inhauser Friedrich-Inhauser-Straße
Leopold John Johnweg
Franz Josef Jung-Ilsenheim Jung-Ilsenheim-Straße
Herbert von Karajan Herbert-von-Karajan-Platz
Heinrich Kiener Heinrich-Kiener-Straße
Herbert Klein Dr.-Herbert-Klein-Weg
Peter Kreuder Peter-Kreuder-Weg
Richard Kürth Richard-Kürth-Straße
Franz Ledwinka Ledwinkastraße
Alois Lidauer Alois-Lidauer-Straße
Johann Lugstein Johann-Lugstein-Weg
Josef Moosbrucker Josef-Moosbrucker-Weg
Robert Munz Robert-Munz-Straße
Eugen Müller Eugen-Müller-Straße
Albin Müller-Rundegg Müller-Rundegg-Weg
Helmut Muralter Dr.-Muralter-Straße
Pert Peternell Pert-Peternell-Straße
Otto Pflanzl Otto-Pflanzl-Straße
Ferdinand Porsche Ferdinand-Porsche-Straße
Mathias Praxmayer Praxmayermühlweg
Karl Reisenbichler Reisenbichlerweg
Tobi Reiser Tobi-Reiser-Straße
Gustav Resatz Resatzstraße
Karl Rienzner Rienznerweg
Michael Roittner Roittnerstraße
Franz Sauer Franz-Sauer-Straße
Hans Schmid Hans-Schmid-Platz
Franz Schrempf Franz-Schrempf-Straße
Hans Sedlmayr Hans-Sedlmayr-Weg
Wilhelm Spazier Wilhelm-Spazier-Straße
Hans Sperl Hans-Sperl-Straße
Anton Steinhart Anton-Steinhart-Straße
Hermann Straniak Straniakstraße
Josef Thorak Josef-Thorak-Straße
Christian Varnschein Dr.-Varnschein-Gasse
Karl Heinrich Waggerl Karl-Heinrich-Waggerl-Straße
Franz Wallack Franz-Wallack-Straße
Eduard Warwitz Warwitzstraße

Keine Parteimitglieder, aber Verstrickungen

Wilhelm Backhaus Wilhelm-Backhaus-Weg Komponist
Anna Bahr-Mildenburg Mildenburggasse Sängerin, Dozentin am Mozarteum
Karl Böhm Dr.-Karl-Böhm-Weg Dirigent, "Ariseur" einer Wohnung in Wien
Maria Cebotari Maria-Cebotari-Straße Sängerin
Friederica Derra de Moroda Derra-de-Moroda-Straße Leiterin eines KdF-Balletts ab 1941
Wilhelm Furtwängler Furtwänglerpromenade Dirigent, Vizepräsident der Reichsmusikkammer 1933/34
Erwin Kerber Erwin-Kerber-Straße Staatsoperndirektor 1936-1940, rassisch bedingte Entlassungen nach dem "Anschluß"
Clemens Krauss Clemens-Krauss-Straße Dirigent, Direktor des Mozarteums ab 1939, Präsident der Salzburger Festspiele ab 1942
Rene Marcic Rene-Marcic-Straße Unterstützer des kroatischen Ustascha-Regimes
Joseph Messner Joseph-Messner-Straße Priester und Komponist, u. a. Ingo-Ruetz-Fanfare für den gefallenen HJ-Führer, antisemitische Äußerungen
Carl Orff Carl-Orff-Straße Musiker, Musikpädagoge
Hans Pfitzner Hans-Pfitzner-Straße antisemitische Äußerungen, Holocaust relativiert
Karl Renner Dr.-Karl-Renner-Straße Befürworter des "Anschlusses" Österreich an das Dritte Reich und der Einverleibung des Sudetenlandes
Erich Schenk Erich-Schenk-Straße Musikwissenschafter, "Arisierung" der Bibliothek von Guido Adler, NSLB
Richard Strauss Richard-Strauss-Straße Komponist, Präsident der Reichsmusikkammer 1933-1935

Aufgerufen am 22.06.2021 um 07:06 auf https://www.sn.at/salzburg/politik/stadt-salzburg-prominente-auf-liste-der-ns-strassennamen-27525919

Kommentare

Schlagzeilen