Salzburg

Salzburgs schiefe Häuser

Wie wohnt es sich in Schieflage? Zu Besuch im "schrägsten" Haus von Salzburg in der Riedenburg.

Es war magisch: Wie von Zauberhand fuhren die Matchboxautos von selbst durchs Kinderzimmer. Es genügte, sie in Startposition zu bringen. "Die Autos wurden richtig schnell", sagt Christian Feichtner. Mit einem Schmunzeln erinnert sich der 50-jährige Salzburger an dieses Erlebnis aus seiner Kindheit. Das Phänomen ist einfach erklärt: Feichtner wohnt schon sein ganzes Leben hinter dem Neutor in einem Haus, das von Jahr zu Jahr ein kleines Stück mehr in Schieflage gerät. Um auf diese Besonderheit aufmerksam zu machen, hat er am Hildmannplatz 4 ein kleines Schild angebracht: "Schiefstes Haus von Salzburg".

Betrachtet man die Neigung auf die gesamte Länge, ist das Haus um 61,9 Zentimeter aus dem Lot. Feichtner erklärt, wie es dazu kam: "Das Haus wurde 1924 gebaut. Es steht auf der dem Mönchsberg zugewandten Seite fest auf Konglomeratgestein. Die restlichen zwei Drittel stehen auf instabilem Seeton." Das Haus neige sich dadurch von rechts vorn nach links hinten.

Am stärksten sei das Gebäude in den Siebzigerjahren durch die Bodenerschütterung beim Bau der Mönchsberggarage und eines Wohnhauses in unmittelbarer Nachbarschaft in Schieflage gekommen. Damals sei das Haus um mehrere Zentimeter pro Jahr gesunken. Zwischen 2008 und 2011 ließ der Hausbesitzer Messungen durchführen. "Im Schnitt neigt sich das Gebäude jedes Jahr um zwei bis drei Millimeter."

Christian Feichtner bewohnt den oberen Stock des Hauses, der 1955 aufgesetzt worden ist. Dort befindet sich der schiefste aller Räume. Das Zurücklehnen auf dem Sofa ergibt sich von selbst. Der Salzburger hat sich daran gewöhnt, leicht abschüssig zu leben. "Ich merke das nicht mehr."

Im Erdgeschoß wohnen Feichtners Eltern. Noch nie sei ihm der Gedanke gekommen, deswegen aus seinen vier Wänden auszuziehen, sagt der 72-jährige Vater Ingo, der seit seiner Geburt in dem Haus lebt. "Das ist das Elternhaus meiner Mutter. Ich bin mit diesem Haus zusammengewachsen und kann mir keinen besseren Ort vorstellen."

Betritt man die Wohnung von Ingo und Hermine Feichtner, geht es leicht bergab durchs Vorzimmer und weiter ins Wohnzimmer. Am Ende des Raumes steht der Esstisch. Christian Feichtner kann sich noch gut an seine Kindheit erinnern: "Die Suppe hat sich im Teller immer auf einer Seite gesammelt." Und beim Kochen sei das Fett in der Pfanne immer talwärts geronnen.

Die Familie hat im Lauf der Jahre viel investiert, um die Böden auszugleichen. Auch der Küchenboden wurde begradigt. Der Türrahmen blieb schief und wurde mit einem maßgefertigten Türstock versehen. Auch sonst sind die Feichtners Meister im Begradigen. Bilder werden nicht nur aufgehängt, sondern auch an die Wand geklebt oder durch Einschlagen eines Nagels neben dem Bild am Verrutschen gehindert. "Man darf Bilder nicht gerade aufhängen, dann sind sie schief." Möbel werden durch Holzstücke ausgeglichen, die etwa unter Bettfüßen zu liegen kommen. Angst, dass das Haus auseinanderbricht, hat die Familie nicht. Das Haus sinke, aber es reiße nicht. "Wir bleiben hier", sagt die Dame des Hauses. Sie sei 70 Jahre alt. "Solange ich lebe, wird das Haus ja wohl stehen bleiben."

In der Nachbarschaft ist ein anderes schiefes Haus beim Versuch, es zu stabilisieren, gebrochen. Das Haus ist seither unbewohnbar. Ein Gerichtsverfahren ist anhängig.

Daten & Fakten

"Fast alle alten Häuser hier sind schief"
Seit sich Rechtsanwalt Peter Jesch erinnern kann, ist die Villa, in der er aufgewachsen ist und bis heute lebt, schief. "Die Türen sind oft von selbst auf oder zu gegangen." Hart habe einmal der Versuch geendet, das Bett quer in den Raum zu stellen. "Meine Frau ist in der Nacht hinausgefallen." Das Haus wurde um die Jahrhundertwende errichtet und steht in der Johann-Wolf-Straße. In der Riedenburg seien fast alle Häuser aus dieser Zeit mehr oder weniger schief, sagt Jesch. Ursache sei der Seeton im Untergrund. Das Haus sei auf Pfählen errichtet worden, doch habe es damals nicht die heutigen Gründungsmethoden gegeben. Kürzlich habe die Stadt in der Straße den Hauptkanal erneuert. Dadurch sei das Haus in kürzester Zeit um einige Zentimeter abgesunken.

"Seeton macht in der ganzen Stadt Probleme"
Geologe Braunstingl sieht aber "überhaupt keinen Grund zur Panik".
Über das Phänomen der schiefen Häuser sprachen die SN mit Rainer Braunstingl vom landesgeologischen Dienst.
SN: Was hat es mit dem Untergrund in der Riedenburg auf sich?
Braunstingl: Der Seeton macht nicht nur in der Riedenburg Probleme, sondern in der ganzen Stadt, besonders am Rand der Stadtberge. Aus geologischer Sicht ist dieses Phänomen jung. Vor 20.000 Jahren ist der Eispanzer über dem Salzburger Becken rasch abgeschmolzen und hat in ganz kurzer Zeit - geologisch sind das weniger als 1000 Jahre - das 300 Meter tiefe Becken vollständig mit Schlamm (Seeton) aufgefüllt. Nur die obersten fünf bis zehn Meter bestehen aus tragfähigem Schotter.
SN: Bei welchen Gebäuden macht sich das bemerkbar?
Es gibt überhaupt keinen Grund zur Panik. Aber wir messen seit den 1930er-Jahren beim Haus für Mozart im Toskaninihof und seit 1974 beim Haus der Natur. Von der Markuskirche bis durch das Haus der Natur zieht sich seit wahrscheinlich mehr als 100 Jahren ein Riss, der dieses Phänomen abbildet.

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Aufgerufen am 03.07.2020 um 07:54 auf https://www.sn.at/salzburg/salzburgs-schiefe-haeuser-2852425

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