Wirtschaft

A schöne Leich am Donaukanal

"Kamikaze-Projekt". Gut gemeint, aber letztlich gescheitert: Zaha Hadids Wohnbau in Wien.

Zeichen von Belebtheit findet man außen wenige. Auf einem Balkon stehen vier verschiedenfarbige Blumentöpfe, auf einem zweiten wird gerade ein Teppich ausgelüftet. Sonst: alles weiß. Steril weiß. Nur einige der kleinen Fenster haben Vorhänge, eine alte Fernsehantenne verkündet: Hier wohnt jemand.

Das Relikt einer antiquierten Technik inmitten zeitgenössischer Architektur: Willkommen im Zaha-Hadid-Haus in Wien. Ein ehrgeiziges Bauprojekt, das bislang nie wirklich seine innovative Kraft ausleben durfte. "Das Vorhaben ist gescheitert", sagt Christian Kühn, Studiendekan für Architektur an der TU Wien.

Der 2005 fertiggestellte Bau motiviert Architekturstudierende und Touristen immer noch zu einem Besuch der Adresse Spittelauer Lände 10. Das lang gezogene Architekturensemble mit 29 Wohnungen ist wieder bewohnt, dennoch hat man das Gefühl, hier einer - auf gut Wienerisch- schönen Leich gegenüberzustehen. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen.

Im Rahmen des "Leitprojekts Donaukanal" zur Neugestaltung und Attraktivierung des Donaukanalufers war unter anderem die Stararchitektin Zaha Hadid von der Politik zur Mitarbeit eingeladen worden. Das von der heute 64-jährigen Architektin mit irakischen Wurzeln entwickelte Projekt wurde von der Stadterneuerungs- und Eigentumswohnungsgesellschaft m.b.H. (SEG) betreut. Ursprünglich waren fünf Baukörper vorgesehen, die sich auf raffinierte, scheinbar schwerelose Weise um die unter Denkmalschutz stehende Trasse der Stadtbahn gruppieren sollten.

Allerdings: Eine Vielzahl an Kompromissen in der Umsetzung, unter anderem die dominanten Stützen, machten das Faszinierende zum Fast-schon-Gewöhnlichen. Und: "Es gab keinen Grund, hier auf der Stadtbahn einen Wohnbau hinzusetzen", sagt der Architekturexperte Kühn. Neben den Wohnungen im Neubau sollten die vorhandenen Stadtbahnbögen als Areal für Geschäfte und Lokale genutzt werden. Ab 2004 wurde gebaut, zu diesem Zeitpunkt sah das Kernprojekt nur noch drei Baukörper vor. Bereits bald nach der Eröffnung sollte sich der vorgebliche Wohntraum als Schimäre herausstellen. Einer der Hauptgründe: Lärm. Die stark befahrene Spittelauer Lände und die nahe U-Bahn-Linie trüben das Vergnügen, im zehn Millionen Euro teuren Haus zu leben. Auch die Nahversorgung gilt zumindest als verbesserungswürdig. In der SEG sieht man das anders. "Seit 2008 ist das Haus gut ausgelastet, die Mieter, meist Menschen, die für ein bis drei Jahren in Wien sind, fühlen sich wohl", sagt die Geschäftsführerin Silvia Wustinger-Renezeder. Mit dem Zadid-Haus sei der Versuch gestartet worden, etwas Besonderes zu machen, die Umsetzung sei aber auf etliche Probleme gestoßen, erklärt Kühn und spricht von einem "Kamikaze-Projekt".

Von der geplanten Blechfassade ist bloß weißer Putz übrig geblieben. Um die Gebäudehülle zu füllen, waren sogar Adaptionen der extravagant geplanten Innenräume vorgenommen worden. Die Grundrisse waren verändert worden, um Platz für viele Studentenwohnungen zu schaffen. Diese baulichen Veränderungen stießen aus verständlichen Gründen auf wenig Begeisterung bei Hadid, die mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnete Architektin distanzierte sich sogar von dem Projekt.

Peter Noever, der frühere Direktor des Wiener Museums für angewandte Kunst, spricht in diesem Zusammenhang von einem respektlosen Umgang mit neuer, zeitgenössischer Architektur: "Niemand fühlt sich wirklich verantwortlich - heute weniger denn je zuvor." Extrembeispiele wie der Hadid-Bau dürften nicht verwässert werden. Ohne diese gäbe es keine Chance, der von der Politik verordneten Mittelmäßigkeit zu entgehen.

Die baulichen Veränderungen habe man mittlerweile wieder zurückgenommen, es gebe wieder die ursprünglichen Räume, sagt hingegen Wustinger-Renezeder. Auch sei mit dem Büro von Zaha Hadid bereits Kontakt aufgenommen worden, die Büroräumlichkeiten weiter auszubauen: "Diese Ideen sind in einer ersten Reaktion auf positive Resonanz gestoßen." Da das Haus unter Denkmalschutz steht, muss freilich sehr behutsam vorgegangen werden. Ein Scheitern des ambitionierten Bauprojekts sieht die SEG-Geschäftsführerin jedenfalls nicht: "Was aber sicher nicht funktioniert hat, ist das Ansiedeln einer florierenden Szene am Donaukanal. Die erwünschte Belebung blieb aus."

Lokalaugenschein in der Spittelauer Lände 10. In den Räumen einer früheren Diskothek hat sich mittlerweile die Film- und Fernsehproduktionsfirma Cloudstone eingemietet. "Wir sind seit einem halben Jahr hier Mieter, und die Erfahrungen sind sehr gut", sagt Ulrich Wolkenstein von Cloudstone. Die Mietpreise seien "sehr fair", über die vielen Glasflächen habe man den Eindruck, "im Grünen zu sitzen". Für eine Filmfirma sei es von Vorteil, in einem außergewöhnlichen Objekt ansässig zu sein. Das aus der Nähe zur Natur und der extravaganten Architektur genährte gute Klima übertrage sich auch auf die Mitarbeiter, betont Wolkenstein, der immer wieder auf fotografierende Touristen trifft: "Nicht nur für Japaner und Amerikaner scheint das Haus ein Magnet zu sein."

Auf ihrer Homepage bietet die SEG das Wohnobjekt so an: Der Standort besteche vor allem durch seine ausgezeichnete Infrastruktur und Erreichbarkeit, "nur wenige Minuten von der Wiener Innenstadt entfernt". Zu den Preisen: Für eine 84 Quadratmeter große Wohnung werden 1152 Euro verlangt, eine 114 Quadratmeter große kostet 1547 Euro. Zudem werden Veranstaltungslocations tageweise vermietet, für Geburtstagspartys oder ähnliche Events.

Christian Kühn glaubt indes nicht daran, dass die Pläne vom innovativen Wohnen am Donaukanal in Zukunft noch aufgehen können. "Es wäre eigentlich viel interessanter und radikaler, das Gebäude ruinös werden zu lassen, damit es als reine Skulptur dasteht", sagt er. Als Skulptur, die über städtebauliche Euphorie, über nicht zu Ende gedachte Planungen, über Sachzwänge und Kostenwahrheit, über Kompromisse in der Architektur Auskunft gibt: "Dann wäre es ein viel interessanteres Objekt als heute mit der hineingequetschten Wohnnutzung."

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