Salzburger Festspiele

Festspiel-Präsidentin Rabl-Stadler: "Habe kein Talent zum Müßiggang"

Am 20. Juli starten die Salzburger Festspiele in ihre nächste Runde - und mit ihnen auch Präsidentin Helga Rabl-Stadler.

Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler. SN/www.neumayr.cc
Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler.

Vor dem Startschuss sprach die neue Ehrenbürgerin der Stadt Salzburg über den prognostizierten Rekord 2018, ihr fehlendes Talent im Bereich Müßiggang und die millionenschwere Renovierung des Großen Festspielhauses.

Sie sind nun Salzburger Ehrenbürgerin. Ist damit alles, was nun noch kommt, die reine Kür?
Helga Rabl-Stadler: Das ist ja schon länger so. (lacht) Ich hatte keine Ahnung, dass diese wunderbare Ehrung auf mich zukommt. Und dass alle Parteien im Salzburger Stadtsenat dafür waren, ist mir wichtig und freut mich wahnsinnig! Schließlich bin ich erst die dritte Frau, die Ehrenbürgerin wird...


Ein harter Bruch zu den harten Zahlen: Wie läuft der Vorverkauf heuer?

Rabl-Stadler: Wir liegen besonders gut - auf gleichem Niveau wie im Vorjahr. Es schaut aus, als würden wir auch heuer wieder einen Rekordverkauf und eine Rekordauslastung erzielen. Letztes Jahr haben Markus Hinterhäuser und ich gebangt, ob sein neues Konzept den von uns erhofften Anklang finden wird. Wir waren natürlich glücklich, dass 2017 alle Erwartungen übertroffen hat. Die Prognose für 2018 finde ich deshalb bemerkenswert, weil nicht nur die Neugierigen kommen, sondern wir offensichtlich die Leute überzeugt haben wiederzukommen. Markus' Idee, das Publikum zu fordern, geht voll auf. Er schafft Festspiele als Epizentrum des Besonderen.

Sie haben im Vorjahr einen Nettoüberschuss erzielt. Sparen Sie hier schon fürs Jubiläumsjahr 2020 an?
Rabl-Stadler: Überschuss ist ein irreführender Ausdruck. Wir machen jedes Jahr ein Defizit, das wir mit Hilfe der öffentlichen Zuschüsse und der privaten Gelder von Sponsoren, Mäzenen und des Vereins der Freunde der Salzburger Festspiele decken. Aber dank der über allen Erwartungen liegenden Kartenverkäufe haben wir gegenüber den budgetierten Einnahmen einen Überschuss von 1,9 Mio. Euro erzielt. Den haben wir bereits wieder in die technische Generalsanierung des Großen Festspielhauses investiert. Das ist eine Sisyphusarbeit. Es kommt eine Investitionslawine von über 30 Mio. Euro auf uns zu - nur für das Große Festspielhaus. Bund, Land, Stadt und Tourismusförderungsfonds unterstützen uns dankenswerterweise. Das ist wichtig, weil übers Jahr gesehen mehr Fremd- als Festspielveranstaltungen stattfinden - Adventsingen, Mozartwoche, Osterfestspiele, usw. Das Große Festspielhaus ist in Wahrheit das Haus für Salzburg.

Das Ganze muss während des laufenden Betriebs erfolgen, da eine Sperrung ja nicht denkbar ist?
Rabl-Stadler: Eine Sperrung wollen wir jedenfalls vermeiden. Bis zur nächsten Kuratoriumssitzung im November werden wir einen weiteren Zeit- und Kostenplan vorlegen. Eine große Hilfe ist uns dabei die BIG, die als Hauseigentümerin derzeit mit uns eine detaillierte Zustandsanalyse und Kostenschätzung erstellt. Welch gewaltige Anstrengung wir von den Festspielen selbst unternehmen, zeigt die Tatsache, dass wir über ein Drittel der aktuell für den Brandschutz prognostizierten Gesamtkosten (8,31 Mio., Anm.) aus unseren Eigenmitteln gedeckt haben. Für einen Kulturbetrieb eine besondere Leistung.

Sind Sie bezüglich der Kosten schon in Kontakt mit der neuen ÖVP/Grünen/NEOS-Landesregierung?
Rabl-Stadler: Wir haben glücklicherweise einen Landeshauptmann, dem die Festspiele sehr am Herzen liegen, ebenso wie Bürgermeister Preuner, Bürgermeister-Stellvertreter Auinger und Kulturlandesrat Schellhorn. Aber beim Geld hört sich die Liebe auf. (lacht) Wichtig ist mir, dass wir für die nächsten Jahre einen Sonderzuschuss für die Investitionen bekommen. Sonst müssen wir das Geld für die Klimaanlage aus der Kunst nehmen. Und da würde Markus Hinterhäuser zu Recht aufschreien - und ich mit ihm.

Genießen Sie angesichts dieser finanziellen Herausforderungen das Leben als Präsidentin ohne die parallelen Beschwernisse einer kaufmännischen Direktorin?
Rabl-Stadler: Ich weiß gar nicht, wie ich die letzten sieben Jahre auch noch die Position des kaufmännischen Direktors ausfüllen konnte! Ich bin sehr dankbar, dass ich mit Lukas Crepaz einen ebenso tüchtigen wie energiegeladenen Kollegen habe. Es ruht nicht mehr alles auf meinen Schultern. Aber leider habe ich kein Talent zum Müßiggang. Ich setze mich nun verstärkt für Sponsoring und Mäzenatentum ein, wofür ich in den Jahren davor nicht immer genügend Zeit hatte. Neun Millionen Euro aus Sponsoring und Mäzenatentum, die wir jetzt lukrieren, sind schon sehr viel Geld. Und ich hoffe fürs Jubiläumsjahr doch über zehn Millionen Euro zu bekommen.

Wirkt sich hier schon die neue steuerliche Begünstigung aus, die Sie Spendern als gemeinnützige Organisation bieten können?
Rabl-Stadler: Das Gesetz war zwar ein wichtiger Schritt, aber wir spüren noch nicht viel. Ich hoffe jedoch, dass das noch kommt.

Wenn wir auf das heurige Programm schauen, findet sich abgesehen von der "Italiana in Algeri" der Pfingstfestspiele und dem "Jedermann" keine Wiederaufnahme im Programm. Ist das finanziell nicht belastend?
Rabl-Stadler: Finanziell wären von der Kostenseite Wiederaufnahmen sicher ideal. Ob das auch von den Einnahmen her gilt, bin ich mir nicht sicher. Markus Hinterhäuser und ich machen keine Ideologie aus dem Thema Wiederaufnahmen. Wir möchten etwa unbedingt die "Aida" wiederaufnehmen, aber mit einem Respektsabstand zur Muti/Netrebko-Aufführung. Es ist doch keiner jungen Sängerin zumutbar, im Jahr nach Netrebko zu singen! Eine Wiederaufnahme pro Jahr wäre sinnvoll.

Wie stehen Sie zur Frage der Koproduktionen etwa mit dem Burgtheater?
Rabl-Stadler: Auch das ist keine ideologische Frage. An der Burg ist mit Martin Kusej Großes zu erwarten. Selbstverständlich möchten wir mit ihm koproduzieren, und Kusej hat uns auch schon diesbezüglich positive Signale gesendet! Aber oft liegt der Teufel im Detail.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass die Zuschauer dann lieber ein paar Wochen warten und sich eine Aufführung kostengünstiger in einem Theater als bei Ihnen ansehen?
Rabl-Stadler: Das ist nicht unsere Erfahrung. Das könnten sich allenfalls die Wiener denken. Aber unser Publikum kommt aus dem ganzen deutschen Sprachraum. Da zählt einfach der besondere Rahmen von Salzburg. Der ewig anziehende Star ist die Stadt Salzburg selbst. Und das ius primae noctis - das Recht der ersten Nacht hat auch eine besondere Erotik.

Themen wie das Gedenkjahr oder die Festspiele als Friedensprojekt spielen heuer nur eine begrenzte Rolle. Soll sich das für die Jubiläumsausgabe 2020 ändern?
Rabl-Stadler: Natürlich spielt das Politische in allen Stücken wie "Die Perser" oder "The Bassarids" heuer eine Rolle. Es ist aber nie das Parteipolitische. Ich fände es auch ein wenig platt, wenn wir bei einem internationalen Festspiel Kurz, Kern und Strache und die österreichische Innenpolitik kommentieren. Aber natürlich wollen wir die Menschen zum Mitdenken auffordern, die politische Gesinnung schärfen. Dazu habe ich im Festspiel-Symposium eine Serie über 1918, 1934 und 1938 kuratiert, in deren Rahmen etwa der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer oder Daniel Kehlmann sprechen. Im Jubiläumsjahr werden wir den Gründungsauftrag der Festspiele als Friedensprojekt noch klarer herausarbeiten.

Wie könnte man den Charakter der Jubiläumsfestspiele definieren: Ausblick, Rückblick, Best-of?
Rabl-Stadler: Es kann nicht die Rückschau alleine sein. Natürlich wird es Schlüsselwerke geben, die wir neu interpretieren. Und natürlich werden die Gründervater Hofmannsthal, Reinhardt, Strauss eine Rolle spielen. Aber wir wollen uns nicht ausruhen auf den Lorbeeren der Vergangenheit, sondern zeigen, warum es uns heute gibt. Wir möchten dazu gescheite Menschen aus der ganzen Welt einladen, mit uns zu reflektieren, was die Rolle von Festspielen in der Zukunft sein kann - als Brückenbauer, Mutmacher, Weckrufer in der Politik.

Wird es die gewünschte Wiederbespielung des Residenzhofs 2020 geben?
Rabl-Stadler: Es ist ein Wunsch von Markus Hinterhäuser, den Lukas Crepaz und ich gerne erfüllen möchten. Der Residenzhof ist eine originäre Festspielstätte. Aber es gibt massive akustische Probleme, wenn es regnet, weshalb wir die verschiedensten Dachkonstruktionen getestet haben. Zudem werden die Besucher immer anspruchsvoller. Früher hat es geregnet, und man hat es gehört bei der Mozart-Serenade. Das akzeptiert heute niemand mehr!

Sie haben ja nach längerem Zögern doch bis 2020 verlängert. Irgendwann muss nun aber doch ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin bestimmt werden - oder werden Sie nochmals verlängern?
Rabl-Stadler: Nein, aber mir glaubt kein Mensch mehr! (lacht) Der 30. September 2020 ist fix mein letzter Arbeitstag bei den Festspielen - nach 26 Jahren. Und dann bedarf es an der Spitze der Festspiele weiterhin nicht nur einer Repräsentationsfigur, sondern jemandes, der zupackt. Es muss jemand mit einem künstlerischen Verständnis sein, der sich aber nicht als Konkurrent zum Intendanten versteht. Und es sollte in meinen Augen jemand sein, der das ganze Jahr über in Salzburg lebt.

Wann muss hier die Entscheidung fallen?
Rabl-Stadler: Ich werde mich da nicht einmischen. Mein Anliegen ist, die Sponsorenverträge jetzt schon über meine Amtszeit hinaus zu verlängern, damit meine Nachfolge Luft hat. Da bin ich auf gutem Weg. Das Kuratorium muss laut Stellenbesetzungsgesetz die Position im Frühjahr 2020 ausschreiben. Ich sehe keinen Grund für eine frühere Positionierung, denn den Festspielen ist nicht mit einem Paarlauf von zwei Präsidenten gedient. Meine Nachfolge darf doch nicht in meine Fußstapfen treten! Wer in jemandes Fußstapfen tritt, hinterlässt selber keine!

Muss sich ein Festspielpräsident oder eine Festspielpräsidentin als Sparringpartner des Intendanten verstehen?
Rabl-Stadler: Um Gottes Willen nein, als Verstärkung. Als Präsidentin bin ich zwar auch ein bisschen die Ombudsfrau eines breiten Publikums. Aber keiner der Intendanten kann behaupten, dass ich ihm je ein wichtiges Projekt abgedreht habe. Als Sparringpartner stehe ich nicht zur Verfügung!

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