Salzburger Festspiele

Festspiele - Rede von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule, am Samstag, 27. Juli 2019.  SN/APA/FRANZ NEUMAYR/LEO
Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule, am Samstag, 27. Juli 2019.

"Salzburg als Stadt braucht keine Erklärungen"

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, Sehr geehrter Herr Bürgermeister, Geschätzte Frau Festspielpräsidentin Rabl-Stadler, Verehrte Festgäste, Meine sehr geehrten Damen und Herren!


"Musikalisch theatralische Festspiele in Salzburg zu veranstalten, das heißt: uralt Lebendiges aufs Neue lebendig machen; es heißt: an uralter sinnfällig auserlesener Stätte aufs Neue tun, was dort allezeit getan wurde", so Hugo von Hofmannsthal im Jahr 1921 in "Die moderne Welt".


Salzburg als Stadt braucht keine Erklärungen. Salzburg ist weltbekannt und weltberühmt. Und die Festspiele tragen seit fast 100 Jahren maßgeblich dazu bei.
Ein Vierteljahrhundert lang ist nunmehr eine Persönlichkeit für die beeindruckende Weiter-entwicklung, für den stetigen Ausbau der Qualität und für die internationale Reputation der Festspiele verantwortlich: Helga Rabl-Stadler begeht demnächst ihr 25-jähriges Jubiläum als Festspielpräsidentin.


Ich darf Ihnen, liebe Frau Präsidentin, schon jetzt sehr herzlich zu diesem besonderen Jubilä-um gratulieren und Ihnen von ganzem Herzen für Ihren wohl einzigartigen und beispielgeben-den Einsatz danken!


"Müsste ich Europa neu erfinden, würde ich mit der Kultur beginnen." Dieser schöne Satz stammt von Jack Lang, Professor für öffentliches Recht an der Universität Nancy und später, in den 80er- und 90er-Jahren, langjähriger französischer Kulturminister.


Kunst und Kultur geben dem Mythos Europa eine Gestalt, die man nicht wegdenken kann.


Es ist für mich eine große Ehre und Freude, heute hier in Salzburg bei der Eröffnung dieser Salzburger Festspiele Grußworte an Sie zu richten.


Ohne Übertreibung kann ich hier sagen: Wir eröffnen heute das international wohl bedeu-tendste Festival der musikalischen und darstellenden Kunst. Salzburg ist einmal mehr Welt-hauptstadt der Kultur.


Lassen Sie mich kurz auf das zum Ursprung führende Leitmotiv der heurigen Festspiele ein-gehen: Den Mythos.


Sehr geehrter Herr Intendant, Sie schließen die mit dem Überthema "Macht" 2017 begonnene, im Vorjahr mit "Passion" fortgesetzte Trilogie heuer mit dem antiken "Mythos" ab.


"Mythen sind das Archiv unserer Welterkenntnis.", darf ich Sie, Herr Intendant, zitieren.


Sie alle kennen den Mythos von der Entstehung Europas, als Zeus in Gestalt eines Stieres - um seiner eifersüchtigen Gattin Hera zu entgehen - die schöne Europa über die Meere nach Kre-ta entführt hat.


Die Erzählungen der Antike, von Idomeneo, Ödipus über Orpheus bis zu Medea zeigen, wie nahe die Festspiele am Menschen und am Menschsein sind.
Daran hat sich seit der Zeit der Mythologie kaum etwas geändert:


Es geht um die grundlegenden Empfindungen, die unsere Welt bis heute begleiten und in Zu-kunft wohl begleiten werden: Liebe, Leidenschaft, Macht, Trauer, Krieg, Verrat, Hass und Mord. Das Fremdsein von Medea, der aus Kolchis Geflüchteten, die vergeblich in Korinth um Asyl fleht. Idomeneo, der in furchtbare Seenot Geratene, den die Götter im letzten Augen-blick an der Opferung seines Sohnes hindern. Ödipus, der unwissend seinen Vater tötet, seine Mutter heiratet, sich des Augenlichts beraubt und ins Exil geht. Orpheus, dessen Gesang so-gar die Götter der Unterwelt besänftigt.


Kurzum: Die Mythen enthalten all das, was das Leben ausmacht: Den Logos und den Mythos, das Trennende und das Verbindende, das Alte und das Neue. Die Festspiele dienen dabei als immerwährende Inspiration und teils wohl auch als Provokation, geben Impuls zum Nachden-ken und zum Schwelgen, stimulieren Geist und Sinne, reflektieren das Verhältnis zwischen Mensch und Natur immer wieder aufs Neue.
Salzburg und die Festspiele haben einen großen Beitrag zu einer gemeinsamen europäischen Identität geleistet, lange bevor das gemeinsame Europa Wirklichkeit werden sollte.


Vom "Glauben an den Europäismus" sprach Hugo von Hoffmansthal.
Kunst und Kultur sind nicht nur hübsche Verzierung, sondern im Gegenteil, unersetzlicher Teil des Menschseins und Ausdruck der uns gegebenen Sinne.
Ich hatte das Glück, in einem Elternhaus, dem Kultur, Theater, Oper wichtig war, aufge-wachsen zu sein. Ich hatte das Glück, in einem humanistischen Gymnasium hervorragenden Lehrern der Kunstgeschichte, der Musik und der Literatur begegnet zu sein.


Kreativität und kritisches Denken werden auch durch die Kunst und durch die Kultur gefördert. Neues, Ungewöhnliches, auch Gewagtes und Verstörendes ist nötig, um die Weiterent-wicklung einer mündigen Gesellschaft zu garantieren.


Dass illiberale Tendenzen in der Kunst und in der Gesellschaft heute keine Chance mehr hät-ten, ist ein fataler Irrtum.


Umso mehr zählt das Argument, dass Kunst und Medien Gegensätze in einer Gesellschaft be-nennen und auch provokante Meinungen toleriert werden müssen.
Die Freiheit der Kunst ist umfassend und unteilbar.


Das künstlerische Schaffen, die Vermittlung von Kunst sowie deren Lehre sind frei, heißt es im Artikel 17a des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger.


Damit geschriebenes Verfassungsrecht auch gelebtes Recht bleibt, ist es für mich als ehemalige Verfassungsrichterin von besonderer Bedeutung, daran zu erinnern, dass wir immer wie-der aufgerufen sind, die Grund- und Freiheitsrechte bedingungslos zu verteidigen.


Ich bin optimistisch: Wenn es so etwas wie Lehren aus der Geschichte gibt, dann hat Europa einen durchaus beachtlichen Lernerfolg erzielt. Mit Fortschritten und Rückschritten. Aber im grundsätzlichen Bekenntnis zu gemeinschaftlichem Handeln und mit dem grundsätzlichen Willen zum Kompromiss. Denn der Weg vom Konflikt zum Konsens führt über den Kompromiss.


Darin unterscheidet sich die Kunst von der Politik: Die Kunst darf - ja sie muss - auf den Kompromiss verzichten. Sie muss auch provozieren und verstören. Die Politik hingegen ist auf den Kompromiss angelegt und angewiesen.


Ich darf versichern, dass Sie in mir und in der Bundesregierung über unsere Amtszeit hinaus glühende, stolze Befürworter und Mitstreiter für Freiheit und Vielseitigkeit der Kunst und vor allem für die Salzburger Festspiele haben werden!

Quelle: SN

Aufgerufen am 29.10.2020 um 09:00 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/festspiele-rede-von-bundeskanzlerin-brigitte-bierlein-73990012

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