Salzburger Festspiele

Festspiele - Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen

Bundespräsident Alexander van der Bellen beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule, am Samstag, 27. Juli 2019.  SN/APA/FRANZ NEUMAYR/LEO
Bundespräsident Alexander van der Bellen beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule, am Samstag, 27. Juli 2019.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich habe ja schon vorab gehört, dass Peter Sellars das Thema Klimakrise ansprechen wird. Ich möchte, ich muss daran anschließen.

Gerade, wenn man so durchs Land und auch unseren Kontinent Europa reist, wenn man sich einfach nur umsieht, dann ist es immer wieder beeindruckend, in welch schönem Land, auf welch einzigartigem Kontinent wir leben.

Diese Erde, dieser Kontinent ist "gut zu uns". Aber wie gut sind wir zu unserer Erde?

Bei diesen Salzburger Festspielen hören, sehen und sprechen wir über Mythen, über alte griechische Mythen. Die Klimaveränderung ist kein Mythos, sie ist real. Sie ist hier, wir können sie greifen mit unseren verschwitzten Händen.

Wir alle verfolgen die Nachrichten. Wir alle hören fast täglich, wie ein Rekordmonat den nächsten jagt, wie ein heißestes Jahr in der Geschichte der Aufzeichnungen das nächste ablöst.

Wir alle verfolgen in den Nachrichten, wie aus der Klimakrise langsam ein Klimanotstand wird, der sich unaufhaltsam zur Klimakatastrophe ausweiten kann.
Wir hören von Waldbränden, Plastikmüll im Meer, Artensterben, auftauenden Permafrostböden, nicht erreichten Klimazielen bei der Reduktion von Treibhausgasen.

So sprechen die Klimagötter zu uns (um im Bild der Mythen zu bleiben). Sie sprechen schon lange zu uns, aber wir wollten sie nicht hören. (Seit 100 Jahren gibt es seriöse Klimaforschung, seit 50 Jahren werden die Warnungen dringlicher).

Man könnte meinen, wie in einer griechischen Tragödie steuern wir in einem irreversiblen und nichtlinearen Prozess auf den Abgrund zu.

Und doch gibt es auch Anlass zu Hoffnung.

Denn in den Nachrichten tauchen auch, täglich ein bisschen mehr, andere Meldungen auf.

Wir hören Meldungen darüber, was unternommen wird.

Wir hören wie junge Menschen auf die Straße gehen und Veränderung einfordern.

Wie sich neue Bewegungen bilden, wie Fridays for Future.

Wir hören und sehen, wie politische Parteien, denen man das bislang nicht unbedingt zugetraut hätte, den Klimaschutz auf ihre Fahnen heften.

Nun, wie ich neulich sagte: Jeder Mensch kann etwas dazulernen. Und was wir alle, dazulernen sollten, ist: dass wir uns nicht begnügen dürfen damit, den Nachrichten zuzuhören. Nein, wir müssen anfangen, selber Teil der Nachrichten zu werden. Wir müssen die sein, die mitarbeiten an der Lösung und die aktiv die Zukunft unserer Menschheit sichern.

Wir alle können und müssen konkret mithelfen.

Damit meine ich auch Sie, geschätzte Vertreter der Banken! Finanzieren Sie nachhaltige Unternehmen und Projekte.

Sie, liebe CEOs aus der Energiewirtschaft! Geben Sie nachhaltiger Energie den Vorzug.

Sie, verehrte Chefs der Technologie-Konzerne! Arbeiten Sie daran, wie wir nachhaltige Lösungen technologisch realisieren können.

Sie, liebe Hersteller von Lebensmitteln, aus Landwirtschaft, Industrie und Handel! Sorgen Sie dafür, dass unsere Nahrung klimafreundlich und ökologisch erzeugt werden kann.

Und Sie, liebe Konsumenten und Konsumentinnen! Nutzen Sie, nutzen wir unsere Macht gemeinsam.

So und damit Sie nicht glauben, dass ich meine Sparte ausnehme - Sie, liebe Politikerinnen und Politiker! Schaffen Sie die nötigen Rahmenbedingungen. Sorgen Sie für Gesetze, verbindliche Pläne und vor allem schaffen Sie einen parteiübergreifenden Konsens: Dass es hier um nicht weniger als das Überleben der Menschheit geht.

Denn wenn wir weiterleben wollen, werden wir so nicht weitermachen können.

Meine Damen und Herren,

machen wir uns nichts vor: Die Erde braucht uns Menschen nicht.

Sie wird sich auch dann noch um die Sonne drehen, sollte kein Lebewesen mehr auf ihr existieren können. Wird sie halt ein paar Grad wärmer sein, was macht ihr das.

Wenn hier irgendwer irgendwen braucht, dann wir die Erde! Lassen Sie uns gemeinsam daran und dafür arbeiten.
"Gemeinsam" ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Wort. Denn die Lösung liegt in der Gemeinschaft.

Und in vielerlei Hinsicht gilt das, was ich über Umwelt, Erde und Klima gesagt habe, auch für die Europäische Union. Sie ist trotz aller Kritik im Detail gut und nützlich, Ja unverzichtbar für die europäischen Kleinstaaten.

Sie trägt das Potenzial in sich, der Schlüssel und die Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu sein.

Denn keines der Themen, denen wir uns stellen müssen, sind von einem Staat alleine zu lösen. Aber alle sind in der Gemeinschaft, im Rahmen eines europäischen Weges lösbar: Klimaschutz: alleine nicht lösbar, gemeinschaftlich sehr wohl lösbar.

Digitalisierung, insbesondere was die Gesetzgebung und Steuerbestimmungen betrifft: alleine nicht lösbar. Gemeinschaftlich sehr wohl lösbar.

Migration: alleine nicht lösbar. Gemeinschaftlich sehr wohl.

Wir müssen hier einen gemeinsamen europäischen Weg gehen. Wir müssen uns darum bemühen.

Zudem: Wir, die im Weltmaßstab kleinen europäischen Staaten sind Spielball der Großmächte, wenn jeder Mitgliedstaat der Union nur sein eigenes Spiel verfolgt. Nur gemeinsam sind wir stark.
All dies ist wichtig für uns, und damit wert, auch an diesem schönen Tag thematisiert zu werden.

Meine Damen und Herren,
Der rote Faden der Salzburger Festspiele 2019 sind die Mythen. Das ist bei Festspielen, die in ihr 99. Jahr gehen, auch eine Selbst-Thematisierung, denn ein Mythos sind diese Festspiele ganz gewiss.

Das Eintauchen in die großen Erzählungen der Menschheit, die Geschichten von Orpheus, Medea, Ödipus oder Salome bedeuten aber keineswegs eine Flucht aus der Zeit und eine Abwendung von der Gegenwart.

Ganz im Gegenteil: Die große französische Philosophin Simone Weil schrieb einmal, wer aktuell sein wolle, müsse über das Ewige sprechen.

Wir alle sind gefordert. Doch keiner von uns ist überfordert.

Nehmen wir unsere Zukunft in die Hand.Auch das lehren uns die großen Erzählungen.

Meine Damen und Herren!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Die Salzburger Festspiele 2019 sind eröffnet.

Quelle: SN

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