Salzburger Festspiele

Festspiele - Rede von Landeshauptmann Wilfried Haslauer

Landeshauptmann Wilfried Haslauer beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule, am Samstag, 27. Juli 2019. SN/APA/FRANZ NEUMAYR/LEO
Landeshauptmann Wilfried Haslauer beim Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule, am Samstag, 27. Juli 2019.

Medea

Medea liebt Jason, den Anführer der Argonauten, sie verrät ihren Vater und verschafft Jason das Goldene Vlies, flieht mit ihm, tötet und zerhackt ihren kleinen Bruder, überredet so nebenbei die Peliaden, deren Vater zu zerstückeln und aufzukochen; sie ermordet, als Jason untreu wird, die gemeinsamen Kinder und auch seine neue Braut.

Erzählungen der antiken Mythologie mit den ewig gültigen Fragen von Krieg, Flucht, Opfer, Rache, Schuld, Sühne …. und Liebe sind etwas für die Salzburger Festspiele. Medea und ihr Racheexzess stehen im Mittelpunkt von Luigi Cherubinis Oper Médée aus dem Jahr 1797, Premiere am 30. Juli.

Viel Vergnügen.

Die von Medea hinterlassene grauenhafte Blutspur gipfelt im Mord an ihren eigenen Kindern. Was gibt es hier noch zu deuten, diese Frau hat alles Menschliche abgelegt! Aber gerade dadurch wird sie für die Kunst interessant: Was führt zu derartigen Taten? Verratene Liebe, verzweifelte Ausweglosigkeit, brennender Hass, Schmach und Erniedrigung? Warum eine derartige Grenzüberschreitung?

Über Grenzen

Es geht also um Grenzen, eigentlich eine der Fragen unseres Lebens schlechthin. Schon als Kinder sind wir damit beschäftigt, die Grenzen unserer Fähigkeiten immer wieder auszuloten, zu dehnen und manchmal auch zu überschreiten. Im Alter wiederum erfahren wir leidvoll die Grenzen, die uns zunehmend einschränken. Wir negieren Grenzen und sehnen sie gleichzeitig herbei, suchen die grenzenlose Liebe und sind gar nicht so enttäuscht, wenn unbegrenzte Phantasie an der Realität ihre Schranke findet.

In der öffentlichen Diskussion warnen Klimaforscher und Ökonomen davor, dass es in begrenzten Systemen kein unbegrenztes Wachstum geben könne. Unsere seelischen Ängste vor mit Grenzverlust verbundener Schutzlosigkeit transformieren wir in Grenzzäune und Grenzkontrollen. Die Überwindbarkeit als ureigenstes Wesensmerkmal von Grenzen wird dabei als deren Schwäche kritisiert.

Was aber sind die Grenzen, die uns ausmachen, die in uns liegen, seelisch, philosophisch, kulturell, sind sie vorgegeben oder definieren wir sie selbst, ändern sie sich vielleicht laufend und unmerklich?

Konrad Paul Liessmann, Festspielredner des Jahres 2016, schreibt, Grenzen wären Voraussetzung jeder menschlichen Erkenntnis, sie erst würden dem Menschen Gestalt verleihen, ohne Grenzen wäre alles nichts.

Wir stecken in unseren Grenzen wie in unserer Haut, einem komplexen System, das im ständigen Austausch von innen und außen steht: Tastsinn, Luft, Licht, Wärme: Durchlässigkeit innerhalb einer zuträglichen Bandbreite ist Grundvoraussetzung für Leben. Für Haut und Grenzen gilt gleichermaßen: Der Verlust der Balance von Schutz und Austausch ist lethal!

Menschensgrenzen

In dem zumeist entschuldigend gemeinten Satz "Ich kann halt nicht aus meiner Haut" spiegelt sich wohl die Übereinkunft der Menschheit schlechthin wieder, nämlich fehleranfällig, defizitär, nicht gut genug zu sein. Besser werden zu können, scheint uns als Menschen erst auszumachen. Ohne Unvollkommenheit keine Zweifel, kein Bemühen, kein Streben nach Veränderung, keine Fragestellungen, wohl auch keine Liebe - und auch keine Kunst!

Die Beseitigung des Fehlerhaften, der Vielfalt, die Schaffung eines maßstabsgenau konstruierten Menschen stellt sich bei näherem Hinsehen als die Grenzüberschreitung schlechthin dar. Transhumanismus ist das Stichwort, also die Verschmelzung von Mensch und Technologie. Elektronische Gehirnimplantate, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und damit Korrekturmöglichkeiten beim Werden von Menschen: endlich der fehlerlose, hybride Normmensch, neu erschaffen - von Menschenhand!

Eine Frage drängt sich bei all dem auf: Dürfen wir alles, was wir können? Ist der Griff nach dem Göttlichen nicht ein Schritt in menschliche Entfremdung, ja geradezu eine Selbstentäußerung? Nochmals Liessmann: "Der hybride Mensch verliert das, was das Menschliche an ihm ausmacht: Das Schwanken zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Geist und Materie ... und zwischen Natur und Kultur." (Liessmann, Lob der Grenze, Zsolnay 2012, S. 59)

Die griechische Mythologie warnt uns: Sie ist reich an Grenzüberschreitungen, reich an hybriden Lebensformen, teils Gott, teils Mensch, teils Tier, reich an sich wandelnden Gestalten, die sich der Vorstellungskraft, den Normen entziehen. Sie verstricken die Menschen in ausweglose Schicksalsschläge durch schuldlose Verwicklung in Schuld. Ganz anders als der barmherzige Gott der Christenheit kennt die Spiellust der antiken Götter gleich einer Horde flegelhafter Sadisten keine Grenzen und die Menschen sind ihre Schachfiguren.

Nehmen wir Ödipus: Nicht wissend tötet er seinen Vater und befreit Theben von einem Ungeheuer namens Sphinx. Sie verschlang alle, die nicht hinter ein von ihr gestelltes Rätsel gekommen waren. Als Lohn erhält Ödipus die Witwe des Königs, seine ihm nicht bekannte Mutter zur Frau und zeugt mit ihr vier Kinder; sie erhängt sich als die Wahrheit ans Tageslicht kommt, woraufhin sich Ödipus die Augen aussticht und blind für den Rest seiner Tage umherirrt. Dem entsetzlichen Geschehen liegt ein Fluch der Göttin Hera zugrunde, die Gattin und Schwester von Zeus ist. Sie können die Tragödie von Ödipus in George Enescus Oper Oedipe bei den Salzburger Festspielen erleben.
Premiere am 11. August.
Viel Vergnügen.

Die Kunst und die Sphinx

Die Kunst, meine Damen und Herren, ist die permanente Verhandlung von Grenzverschiebungen; sie relativiert Absolutes. Sie stellt die Frage nach moralischen und ethischen Grenzen und ist dabei in besonderer Weise dem Schicksalshaften, das wir in seiner Überzeichnung aus der griechischen Mythologie kennen, verhaftet. Dieser Grenzgang ist ästhetisch, hingebungsvoll, subtil; mit allen denkbaren Stilmitteln interpretiert die Kunst ihre großen Werke immer wieder neu, aus anderen, heute wichtig erscheinenden Gesichtspunkten.

Übrigens: In Enescus Oper Oedipe hat Ödipus das ihm von der Sphinx gestellte Rätsel gelöst: Die Frage der Spinx lautete: "Was ist größer als das Schicksal?" Ödipus antwortet: "Der Mensch". Die Sphinx verendet daraufhin mit den Worten: "Die Zukunft wird dir sagen, ob die Sphinx sterbend ihre Niederlage beweint oder über ihren Sieg lacht."

So gesehen ist auch die Kunst eine Sphinx, die uns verschlingt, wenn wir ihre Rätsel nicht zu lösen vermögen. Sie beklagt sich mit Weinen und verachtet uns mit Hohngelächter, wenn wir beim Versuch, unsere Unvollkommenheit abzulegen, übersehen, dass der Verlust an Rätselhaftigkeit auch zum Unvermögen führt, Rätsel lösen zu können.

Unsere Schwäche ist kostbar

Auch die Salzburger Festspiele suchen den Grenzwert, die Gestalt und Konfiguration von Kunst immer wieder neu, unablässig, mit höchstem Anspruch. Künstlerinnen und Künstler gehen dabei an die Grenzen des Leistbaren und nehmen das Publikum mitunter an die Grenzen des Erträglichen mit.

Lassen Sie sich mit tiefer Betroffenheit oder zumindest doch wohligem Schauern von der menschlichen Unzulänglichkeit berühren.

Unsere Schwäche ist kostbar, unsere Unvollkommenheit ein Geschenk und unsere Begrenztheit ist ein Staunen in der Unendlichkeit, wie ein Stern, der Lichtjahre aus
der Vergangenheit in eine ferne Zukunft leuchtet. Geben wir gut darauf acht, dass wir noch lange selbst entscheiden können, ob und wem wir applaudieren.

Aber: Es ist ja alles nur ein Spiel! Ein Spiegel, in dem wir uns selbst entdecken können. Seien Sie herzlich willkommen bei den Salzburger Festspielen 2019!

Quelle: SN

Aufgerufen am 20.10.2020 um 11:18 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/festspiele-rede-von-landeshauptmann-wilfried-haslauer-73990177

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