Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele: Letzte Worte der Todgeweihten

Luigi Nonos weltliche Passion"Il canto sospeso" erschütterte in der Kollegienkirche. Jens Harzer las aus Abschiedsbriefen von Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime.

"Ich sage allen Lebewohl und weine", schreibt Chaim. Er ist erst 14 Jahre alt und blickt dem Tod ins Auge - gebrochen von den Torturen im KZ von Pustkow. Wie trägt man dieses erschütternde Dokument eines Todgeweihten vor? Welche Stimme gibt man ihm?

Luigi Nono ließ sich von Abschiedsbriefen jüdischer KZ-Insassen und griechischer, polnischer, bulgarischer, italienischer Widerstandskämpfer 1956 zu einer seiner bedeutendsten Kompositionen inspirieren, der Orchesterkantate "Il canto sospeso". In Salzburg wird diese Zentralfigur der Nachkriegs-Avantgarde mit dem gebührenden Respekt behandelt. Der Musikwissenschaftler Jürg Stenzl baute an der Universität Salzburg ein Nono-Archiv auf und machte eine Generation an Studenten mit dem Werk des Italieners vertraut. Markus Hinterhäuser wiederum bestückte 1993 sein erstes "Zeitfluss"-Festival bei den Salzburger Festspielen mit zentralen Kompositionen Nonos - und öffnet bis heute den Raum der Kollegienkirche für diese formal so komplex anmutende Musik.

1995 fungierte Bruno Ganz, damals Träger des Iffland-Rings, als Sprecher in "Il canto sospeso". Am Mittwoch trug der von ihm selbst zum Nachfolger bestimmte Jens Harzer diese Briefe in einem viertelstündigen Prolog vor. Harzer fand einen ganz eigenen Ton, möglichst gefasst und doch in seiner markanten Sprachmelodie einfühlsam. Harzer setzte Pausen; nicht weil es dramaturgisch sinnvoll erschien, sondern weil diese Zeugnisse des Todesmutes in auswegloser Situation wohl auch ihm die Sprache verschlugen.

Mit welcher Intensität Luigi Nono aus den strengen Regeln der seriellen Musik Klänge von unmittelbarer sinnlicher Wirkung meißelt, erschließt sich auch Kundigen erst im Live-Kontext. Wie Pfeile durchbohrten die instrumentalen Akzente des SWR-Symphonieorchesters unter der Leitung von Peter Rundel den Kirchenraum, die Stimmen des SWR-Vokalensembles formierten sich zu einem Klangkörper von dichter Gestalt.

Nono setzt zwischen die bedrohlich-beklemmenden Passagen immer wieder - nicht minder erschütternde - Momente der Ruhe. Die Sopranistin Yeree Suh kostete die Dehnung aus, die der Komponist der Textzeile "Addio Mama" zu kommen lässt: Diese letzten Worte des Mädchens Ljubka sprudeln nicht hervor, sie werden zunächst vom Chor geformt, dann von der Solistin wie in Zeitlupe zerstäubt. Der letzte Ton erhob sich wie ein Schrei empor, dessen Nachhall in der größzügigen Akustik der Kollegienkirche nicht enden wollte. Beinahe tröstend verebbte das Werk im Chor: "Ich gehe im Glauben an ein besseres Leben für euch."

Nonos weltliche Passion folgte auf die Gegenüberstellung von Vertonungen der Leidensgeschichte Jesu, die Verblüffendes zutage treten ließ: Fast 400 Jahre liegen zwischen den Responsorien von Carlo Gesualdo und den sieben Passionstexten von Wolfgang Rihm, doch der harmonische Wagemut des Spätrenaissancemeisters und Rihms ungewohnt behutsamer Einsatz von Reibungen gewährten ein spannendes akustisches Miteinander. Eindringlich löste Rihm im "Tenebrae factae sunt" ein geradezu explodierendes expressives Stimmengewirr in den einstimmigen Worten Jesu auf: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Der von Marcus Creed mustergültig einstudierte SWR-Chor erwies sich im Ping-Pong zwischen 17. und 21. Jahrhundert als enorm wandlungsfähig.

Aufgerufen am 28.10.2020 um 07:26 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/salzburger-festspiele-letzte-worte-der-todgeweihten-73912531

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