Wintersport

Dopingskandal: Johannes Dürr in Innsbruck festgenommen

Im Dopingskandal gibt es nun eine aufsehenerregende Wende.

Johannes Dürr. SN/gepa
Johannes Dürr.

Mit dieser Wende in der Dopingaffäre hatte keiner gerechnet: Am Dienstagnachmittag wurde Langläufer Johannes Dürr in Innsbruck festgenommen. Der Sportler, der selbst bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 als Dopingsünder enttarnt worden ist, hatte mit seinen Aussagen in einer ARD-Dokumentation die aktuelle Causa ins Rollen gebracht. Insgesamt acht Personen waren zuvor zumindest vorübergehend in Haft. Als Drahtzieher gilt der Erfurter Sportarzt Mark S., der gemeinsam mit mehreren Sportlern im Zuge der nordischen Ski-WM in Seefeld aufgeflogen war.

Die Hintergründe der Verhaftung von Dürr sind vorerst unklar. Als Haftgrund wurde lediglich eine "neue Verdachtslage" angegeben: "Diese neuen Ermittlungsergebnisse haben es erforderlich gemacht, den Mann heute Mittag über Anordnung der Staatsanwaltschaft festzunehmen", hieß es in einer Aussendung der Anklagebehörde.

Ex-Sportmanager Stefan Matschiner über die Doping-Affäre

Der leitende Ermittler des Bundeskriminalamtes, Dieter Csefan, bestätigte gegenüber dem ORF-Fernsehen die Festnahme von Johannes Dürr. Wegen des Verdachts des schweren Betrugs und des Sportbetrugs sei eine Festnahmeanordnung erlassen worden, sagte Csefan in der am Dienstagabend ausgestrahlten Sportsendung. Wegen der laufenden Ermittlungen könne er keine weiteren Angaben machen.

Die in Österreich und Deutschland sichergestellten Spuren würden nun ausgewertet, erklärte der Ermittler. Er glaubt, dass in den nächsten Wochen neue Erkenntnisse generiert und weitere Sportler identifiziert würden.

Der Biathlet Simon Eder sagte gegenüber der Tageszeitung "Die Presse" (Mittwoch-Ausgabe), ihm sei vor längerer Zeit "etwas angeboten" worden. "Ich bin mit der Sache sofort zum BKA, auch die Polizei und der ÖSV wurden informiert. Ich wurde als Zeuge geladen und habe ausgesagt", schilderte der Biathlet. "Es hat mit der aktuellen Doping-Causa zu tun, die Spur hat letztlich nach Erfurt geführt. Das war damals noch gar nicht absehbar."

Denkbar ist, dass die Aussagen von Baldauf und Hauke zu diesem Schritt geführt haben. Die auf frischer Tat ertappten Sportler sollen ausgesagt haben, es sei Dürr gewesen, der sie 2016 - während seiner Sperre - an den Blutdoping-Experten Mark S. vermittelt habe. Diese These war bisher von Ermittlerseite aber als nicht zutreffend geschildert worden. Dürr selbst hat am Sonntag über seinen Anwalt in einer Stellungnahme erklärt: "Die angeblichen Anschuldigungen von Dominik und Max sind unwahr. Ich habe KEINE Kontaktdaten des in den Medien genannten Doping-Arztes (wie Name, Telefonnummer oder Adresse) an die beiden Sportler weitergegeben."

Schröcksnadels "Verschwörungstheorie" widerlegt

Die Staatsanwaltschaft Innsbruck vernahm Dürr am Dienstag. Binnen 48 Stunden muss über eine mögliche Untersuchungshaft entschieden werden.

Der Paukenschlag um Dürr dürfte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel bestätigten, der wie Gandler den Angaben von Baldauf und Hauke Glauben schenkte. Falsch gelegen ist der Präsident laut Staatsanwaltschaft aber mit seiner "Verschwörungstheorie", wonach gewisse Gruppen gezielt dem ÖSV schaden wollten, daher die Razzia bei der Heim-WM durchführten und rot-weiß-rote Sportler erwischten: Um konkrete Verdachtsmomente zu überprüfen und Straftaten aufzuklären, sei in Seefeld der richtige Zeitpunkt des Zugriffs gewesen. Die Ermittlungsergebnisse würden dies bestätigen. Da die Fahnder der Spur von Mark S. folgen, hätten sie vorerst auch nicht gewusst, welcher Nationalität die von ihm und seinen Helfern versorgten Sportler sein würden.

Am Dienstag hat auch der estnische Skilangläufer Algo Kärp zugegeben, Blutdoping mit Hilfe von Mark S. betrieben zu haben. "Ich konnte mit dieser Lüge einfach nicht weiterleben", sagte er in einem Zeitungsinterview. Der nicht für die WM in Seefeld qualifizierte 33-Jährige wollte aber keine Leistungssteigerung bemerkt haben: "Fakt ist, dass es nichts half", sagte er. Er habe bessere Platzierungen gehabt, als er noch clean war.

Blutbeutel im Rucksack transportiert

Seine in Seefeld ertappten Landsleute Karel Tammjärv und Andreas Veerpalu konnten sich am Tiroler WM-Schauplatz offenbar auf ein bemerkenswertes Rundum-Service verlassen: Wie Insider berichten, seien sie praktisch per Hausbesuch versorgt worden. Zu diesem Zweck hätten die Helfer von Mark S., unter ihnen eine ehemalige Krankenschwester, die Blutbeutel in Rucksäcken durch Seefeld transportiert. Nur die österreichischen Langläufer hätten die Transfusionen im Appartement des Sportarztes erhalten.

Auch Gandler belastet Dürr

Zuletzt war Dürr ins Schussfeld des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) geraten. Nicht nur Schröcksnadel, sondern auch der scheidende ÖSV-Langlauf- und Biathlon-Chef Markus Gandler gaben an, laut Hauke und Baldauf sei der Ex-Langläufer der Kontaktmann zum Erfurter Sportarzt gewesen. Gandler bereitet eine Klage gegen Dürr vor. Dieser hatte in der ARD-Dokumentation angegeben, dass er auch von Personal des ÖSV bei unerlaubten Praktiken unterstützt worden sei.

Verfahren gegen Denifl und Preidler

Die unabhängige Anti-Doping Rechtskommission (ÖADR) hat auf Antrag der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) Disziplinarverfahren gegen die des Dopings verdächtigen Radprofis Stefan Denifl und Georg Preidler eingeleitet. Die vorläufige Suspendierung des Duos gelte ab Dienstag bis zum Abschluss des Verfahrens, gab die ÖADR in einer Aussendung bekannt.

Den Beschuldigten wird vorgeworfen, Eigenblutdoping angewendet zu haben. Vor Denifl und Preidler hatte die Anti-Doping-Rechtskommission bereits Verfahren gegen die Langläufer Max Hauke und Dominik Baldauf eröffnet. Das Duo war am vergangenen Mittwoch im Rahmen der Nordischen-WM in Seefeld im Zuge einer Polizeirazzia erwischt worden.

Preidlers Ex-Kollege: "Schlag ins Gesicht"

Radprofi Marcel Kittel hat mit großer Entrüstung auf den Dopingskandal um den Erfurter Sportmediziner Mark S. reagiert. "Das ist ein Schlag ins Gesicht aller sauberen Sportler wie mich", schrieb der 30 Jahre alte Katusha-Alpecin-Profi am Dienstag auf seiner Webseite.

Der aus Erfurt stammende Kittel bezog sich vor allem auf die Dopingbeichte seines einstigen Teamkollegen Georg Preidler. "Ich bin persönlich mit meinem Latein am Ende", betonte Kittel und ergänzte: "Nicht nur, weil Georg drei Jahre mein Teamkollege gewesen ist, sondern vor allem auch, weil das ganze Dopingnetzwerk mit einem Arzt aus meiner Heimatstadt Erfurt seinen Ursprung in Thüringen hat."

Mark S. steht im Mittelpunkt der Blutdoping-Ermittlungen in Folge der Nordischen Ski-WM in Seefeld. "Ich will hier nicht über die menschlichen Abgründe sprechen, die sich auftun", schrieb der 14-malige Tour-de-France-Etappensieger Kittel. Am Wochenende wurde bekannt, dass ein österreichischer Profi gedopt haben soll, danach wurde die Selbstanzeige Preidlers publik.

Kittel sowie seine Kollegen Tony Martin, John Degenkolb sowie die verunglückte Bahnspezialistin Kristina Vogel sollen keine Patienten in der Gemeinschaftspraxis des Erfurter Sportarztes Mark S. gewesen sein. Das sagte ihr Manager Jörg Werner, der die Radstars zu seinen Klienten zählt, in einem Bericht der Zeitung "Neues Deutschland" (Dienstag-Ausgabe). Werner selbst war bei Mark S. in hausärztlicher Betreuung: "Deswegen war ich öfter in der Praxis."

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