Wintersport

Dorfmeister: "Skirennsport immer noch Entwicklungsland"

Michaela Dorfmeister war 20 und stand noch am Rennstart, als der tödliche Unfall von Teamkollegin Ulrike Maier 1994 in Garmisch passierte. Eine Erfahrung, die Österreichs Doppel-Olympiasiegerin von 2006 ihr ganzes Leben begleitet hat. Heute sind Dorfmeister Sicherheitsaspekte im Skirennsport als Technische FIS-Delegierte und Vizepräsidentin des NÖ-Landesskiverbandes und ein Anliegen.

Ex-Skistar Michaela Dorfmeister SN/APA/Helge Woell
Ex-Skistar Michaela Dorfmeister

APA: Welche Erinnerungen kommen bei Ihnen hoch, wenn Sie an den 29. Jänner 1994 denken?

Dorfmeister: "Wir waren alle noch relativ jung da oben am Start. Es gab diese sehr lange Unterbrechung und wir haben nicht so wirklich mitbekommen, welche Tragödie sich auf der Rennstrecke gerade abgespielt hat. Im Nachhinein fragt man sich natürlich, warum lässt mich ein Cheftrainer da noch runter beziehungsweise warum wird so ein Rennen nicht abgebrochen? Es war für mich ein extrem schwarzer Tag."

APA: Und danach?

Dorfmeister: "Danach waren alle Beteiligten mit der Situation überfordert. Man hat uns zwar für eine Woche aus dem Weltcup raus genommen. Aber gerade wir Jungen haben auch nicht wirklich gewusst, wie wir damit umgehen sollen. Wir waren mehr oder weniger uns selbst überlassen. Diese Erfahrung, die ich machen musste, nimmt mich schon mein ganzes Leben mit."

APA: Wie sind Sie persönlich damit umgegangen?

Dorfmeister: "Als Aktive ist es so, dass du nach vorne schaust. Es mag hart klingen, aber es gibt so etwas wie Schicksalsschläge, es ist irgendwie vorgegeben. Diesen Zeitnehmungspflock, den musst du erst mal treffen. Der Sturz nach oben war ja irgendwie total untypisch."

APA: Seither hat sich in punkto Sicherheit bei Skirennen sehr viel getan. Muss immer erst etwas passieren, damit sich etwas weiterentwickelt?

Dorfmeister: "Sieht so aus. Mit den ganzen Todesfällen, Ulli, aber auch dem Unfall von Gernot Reinstadler, hat sich extrem was entwickelt. Hochsicherheitsnetze, schnittfeste Banden, Absicherungen, angesägte Zeitnehmungspflöcke, das muss mittlerweile alles Standard sein."

APA: Also alles ausreichend?

Dorfmeister: "Sagen wir so: Wir bewegen uns in einem sehr gefährlichen Sport, der viele Risiken mitbringt. Das letzte Risiko wird man nie ausschalten können. Bei 100 km/h auf einer Eispiste kannst du dir das Genick brechen, ohne dass was im Weg steht."

APA: An welchen Schrauben könnte man also drehen?

Dorfmeister: "Ich habe damals Werbebanden versetzen lassen, weil ich sonst das nächste Tor nicht gesehen hätte. Es ist also auch eine Sache der Läufer, bei der Besichtigung die Augen bewusster aufzumachen und zu schauen, was mir passieren könnte, wenn da oder dort die Bindung aufgeht. Viele wollen natürlich von dem gar nichts wissen."

APA: Gibt es dafür nicht die Athletenvertreter?

Dorfmeister: "Ja. Aber Hannes Reichelt hat kürzlich eh erst gesagt, dass das für den Hugo ist. Es sitzen einfach viel zu viele Leute oben, die noch nie ein Skirennen gefahren sind und sich noch nie in einem Risikobereich bewegt haben, geschweige denn dieses Risiko erkennen. Da ist noch viel Luft nach oben. Es ist immer noch Entwicklungsland."

APA: Wie meinen Sie das?

Dorfmeister: "Wir reden ja meist nur über den Weltcup. Ich bin aber auch im Landesskiverband tätig und sehe, unter welchen Bedingungen wir oft Rennen veranstalten müssen. Auch Kinder riskieren ihr letztes Hemd, fahren aber vier Meter am Wald vorbei. Da fängt das Risiko schon an. Bei Kinder- oder Schülerrennen gibt es die Möglichkeiten gar nicht, bei jedem Rechtsschwung Richtung Wald ein Netz aufzubauen, obwohl es so sein sollte. In den unteren Ligen ist es in punkto Sicherheit teilweise schon sehr grenzwertig. Man ist sehr gefordert."

APA: Muss man zurückblickend auf Maiers Unfall jemandem Vorwürfe machen?

Dorfmeister: "Man hat sicher die bestehenden Möglichkeiten anhand des damaligen Entwicklungsstandes bestmöglich ausgeschöpft. Ich glaube nicht, dass man jemandem Vorwürfe machen sollte. Eine der Folgen war freilich auch, dass das Niveau bei den Damen gesunken ist."

APA: Warum das?

Dorfmeister: "Weil es heute bei den Damen kaum noch Sprünge gibt und die Besten unterfordert sind, das Niveau also sinkt. Wenn es im Winter keine Sprünge gibt, werden die im Sommer auch nicht trainiert. Ich glaube aber, dass Sprünge zu einer Abfahrt dazu gehören. Es ist traurig, wie wenige bei den Damen wirklich gut springen können."

APA: Ihr Resümee?

Dorfmeister: "Skifahren ist eine der gefährlichsten Sportarten der Welt und wird es immer bleiben. Egal was mit Sicherheitsvorkehrungen und dem Material passiert. Du hast nur eine dünne Haut über deiner eigenen Haut. Am Ende hilft dir nur eine gute Psyche und eine gute Physis. Du musst als Skirennläufer 120 Prozent 'da' sein."

APA: Ist es wichtig, dass sich mehr Ex-Rennläufer in den Skirennsport einbringen?

Dorfmeister: "Natürlich. Deshalb ist es auch gut, dass bei uns mittlerweile einige Präsidenten und Vizepräsidenten in den Landesskiverbänden sowie im ÖSV sind, die früher selbst gefahren sind und diese Erfahrung mitbringen."

Zur Person: Michaela Dorfmeister (45) war zwischen 1991 und 2006 Weltcup-Skirennläuferin, hat 25 Weltcuprennen und 2001/02 den Gesamt-Weltcup gewonnen. Weltmeisterin wurde sie 2001 in der Abfahrt und 2003 im Super-G, 2006 Doppel-Olympiasiegerin. Die in Wien geborene Niederösterreicherin ist heute als Vizepräsidentin im Landesskiverband Niederösterreich für den Kinder- und Jugend-Alpinbereich zuständig sowie neben Alexandra Zemsauer und Karin Skaardal eine von derzeit nur drei weiblichen österreichischen Technischen Delegierten im Internationalen Skiverband (FIS). Als solche ist Dorfmeister im Weltcup rechte Hand des Renndirektors und Mitglied der Renn-Jury und zuständig dafür, dass Skirennen entsprechend den FIS-Regeln ablaufen.

Quelle: APA

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