Wintersport

Hannes Reichelt: "Mein Leben steht auf dem Kopf"

Österreichs Skistars bezwangen die Streif einmal anders: von unten nach oben, vom Ziel zum Start. Und für Hannes Reichelt war dieser Tag eine mehr als nötige Ablenkung.

Die Streif ist Österreichs Ski-Heiligtum - und was liegt da näher, als die 3212 m lange Rennstrecke mit 860 m Höhendifferenz auch gleich im Sommer als Trainingsstrecke zu nutzen.

So nahmen die Abfahrer, die derzeit in Going trainieren, und die Slalomtruppe, die sich in Oberndorf bei Kitzbühel aufhält, die Streif von unten nach oben in Angriff - und auch die Starts waren passend: Die Abfahrer starteten am Abfahrtsziel, die Slalomfahrer kamen über den Ganslernhang hinzu. Den Abstand vom grauen Trainingsalltag schätzten alle, einer konnte dies aber besonders genießen: Hannes Reichelt.

Der Radstädter wurde ja vor knapp zwei Wochen vom Bundeskriminalamt (BK) in Innsbruck in Sachen Doping verhört. "Seit damals steht meine Welt auf dem Kopf", sagt Reichelt, für den es auch kein Thema war, sich um diesen Medientermin zu drücken. "Warum denn, ich habe ja nichts zu verbergen." Seit der Meldung von der Einvernahme ist es ruhig geworden in der Causa - wie aber liegen die Dinge aktuell? "Ich wurde rund drei Stunden einvernommen und meine beiden Handys wurden mir abgenommen. Nun werden die Rufnummern ausgewertet und Bewegungsprofile erstellt, dann sehen wir weiter." Er hoffe, dass die Angelegenheit rasch geklärt wird. Die Situation sei jedenfalls entsetzlich für ihn und seine Familie. "Ich habe die ersten Nächte natürlich nicht schlafen können, aber noch mehr Sorgen mache ich mir um meine Frau Larissa, die seither gleich einige Kilogramm abgenommen hat."

Aus welcher Ecke die Dopingverdächtigungen kommen (es gilt die Unschuldsvermutung), ist auch rasch klar gewesen: Der frühere ÖSV-Trainer Gerald H., zugleich Betreuer des doppelt überführten Langläufers Johannes Dürr, hat die Trainingspläne für Reichelt erstellt - als Schulfreund. Dass die Zusammenarbeit mit dem öfter verdächtigten Trainer nicht die beste Idee gewesen sei, das sieht Reichelt jetzt auch so. "Aber hinterher ist man immer schlauer." Dass der in U-Haft sitzende H. eine Art Kronzeuge wird, das sieht auch Reichelt so. "Ich weiß nicht, wann er vernommen wird oder was er aussagt. Aber wenn er die Wahrheit sagt, dann wird er berichten, dass da nie etwas mit Doping gewesen ist, und die Sache ist erledigt", sagt Hannes Reichelt, der sich auch zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlt. "Derzeit ist es so, dass ich meine Unschuld beweisen muss, das ist eine verkehrte Welt."

Gedanken an einen Rücktritt seien ihm nie gekommen. "Natürlich nicht, denn das würde ja wie ein Schuldeingeständnis wirken." Und so freut sich Reichelt auf seinen nächsten Besuch auf der Streif, dann im Jänner 2020, wenn das bereits 80. Hahnenkammrennen ansteht. Respekt vor der Mausefalle hat er aber nicht nur im Skischuh, sondern auch im Wanderschuh: "Eigentlich ist das jedes Mal unvorstellbar, dass man da mit Ski hinunterfahren kann."

Wer sich übrigens selbst einmal das Wandererlebnis Streif gönnen möchte: Eine sehr gut beschilderte Tour führt hinauf in das Starthaus, unterwegs sind auch die Schlüsselpassagen beschrieben und man kommt natürlich auch an der Seidlalm vorbei, wo in der Wirtsstube Serge Lang den Weltcup gegründet hat, während im Nebenzimmer der brave Hansi Hinterseer Hausaufgaben machte.

Ein Ausflug in die glücklichen Tage des österreichischen Skisports.

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Aufgerufen am 25.05.2022 um 06:41 auf https://www.sn.at/sport/wintersport/hannes-reichelt-mein-leben-steht-auf-dem-kopf-71316763

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