Das Rätsel Lodagei ist gelöst!

Aus Salzburgwiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Blick nach Süden aus der Lodagei im 21. Jahrhundert
Gemeindegrenze Koppl-Hof „am Weberbach“. Hier beginnt Hinterschroffenau-Lodagei. Eine solche Hinweistafel mit „Lodagei“ ist auch an der Abzweigung der Hinterschroffenauerstraße von der Wolfgangseestraße angebracht. Blick nach Osten

Das Rätsel „Lodagei“ ist gelöst! Als "Loder" wurden vom 15. bis zum Beginn des 18.Jahrhunderts die Tuch-und Lodenweber bezeichnet. Dann geriet der Name in Vergessenheit. Lodagei erinnert daran, dass hier in Hinterschroffenau in bäuerlicher Heimarbeit das Gewerbe der Tuch-und Lodenweberei betrieben wurde.

Die Geschichte

Skizze
Verlauf des Rettenbaches (vulgo "Weberbach") in Koppl Nähe des Ortszentrums

Die heutige Ortschaft Hinterschroffenau, im Westen des Gebietes der Gemeinde Hof bei Salzburg, war zur Zeit des Fürsterzbistums Salzburg ein Teil des Rügats „Schroffenau“ des Pfleggerichts Thalgau und zum Vikariat Ebenau gehörig. Diese Gegend ist in der Gemeindebevölkerung seit Menschengedenken auch unter dem mundartlichen Namen „Lodagei“ („Lodergai“) bekannt. Ihr Flächenausmaß beträgt etwa 380 Hektar (3,8 km²). Die Einwohnerzahl vor der Grundentlastung (1848) betrug etwa 100 Personen, die damals im Wesentlichen auf die Landwirtschaft, in der auch Tuchweberei betrieben wurde, und einige wenige andere Handwerker entfielen. Heute wohnen dort ca. 500 Personen, verteilt auf viele Berufssparten. Niemand wusste bis jetzt, woher diese Bezeichnung kommen könnte. Ein Graf Lothar soll dort einmal eine Herrschaft gehabt haben, lautet eine Legende ohne historischen Gehalt. Namen, deren Sinn im Dunklen liegt, verleiten eben leicht zu phantasievoller Deutung.

Benedikt Pillwein (* 1779; † 1847) und Lorenz Hübner (* 1751; † 1807), beide namhafte Chronisten, haben festgehalten, dass zu ihrer Zeit eine Gegend im Rügat Schroffenau als „das Lottergau“ bezeichnet wurde. ("Gau" war damals sächlichen Geschlechts; man sagte auch "das Pinzgau", "das Pongau"). Die Herkunft dieses Namens und seine mundartliche Version konnten jedoch beide nicht erklären, wobei das Rätsel im „Loder“ steckte; „Gei“, bzw. „Gau“ (siehe auch Thalgau) dagegen als kleine begrenzte Gegend war immer klar.

Das Textarchiv des Deutschen Rechtswörterbuches (DRW) lüftet das Rätsel mit folgendem Satz aus dem Jahre 1616:

Wie die Leinweber/Wollwürcher und Loder auffm Landt ihre Handwerch arbeiten moegen “,
Es handelt sich also beim „Loder“ um einen Weber von Tüchern aus Schafwolle, die zu Loden gewalkt wurden. Eine Bestätigung findet sich bei Reinhold Reith in seinem „Lexikon des alten Handwerks“, wo es heißt:
In Süddeutschland wurden grobe Tuche, die Loden hergestellt. Ein bedeutendes Zentrum der Lodweber (Loder, Marner) war Nördlingen (um 1500: 100 Loder).

Während im nördlichen Flachgau die Leinenweberei (aus Flachsfasern) ausgeübt wurde, war in unseren gebirgigeren Gegenden die Schafzucht verbreitet als Voraussetzung für die Tuch- und Lodenweberei. Zur Herstellung von Loden aus Schafwolle wurden die gewebten Tuche gewalkt, d. h. mit Wasser getränkt und verdichtet (mit Füßen gestampft oder mit Walkmühlen), um eine Verfilzung des Tuches zu erreichen. Für die Lodenherstellung benötigt man daher viel Wasser und bei Verwendung einer Walkmühle auch zu deren Antrieb mittels Wasserrad. Der durch Koppl und das Lodagai fließende Weberbach (offizielle Kartenbezeichnung Rettenbach, siehe auch Am Weberbach) ist mit seinem Namen ein weiterer Hinweis auf die seinerzeitige Existenz von Tuch-und Lodenwebern in dieser Gegend.

Lodergai ist demnach eine Bezeichnung für eine „Gegend der Loder“. In der heutigen Hinterschroffenau waren demnach seit dem Hochmittelalter und der frühen Neuzeit sicher mehrere (vielleicht etwa ein Dutzend) Tuch- und Lodenweber angesiedelt. Die Erinnerung daran, was „Loder“ bedeutet, war aber im Laufe der Zeit verloren gegangen. Vorbehaltlich weiterer Forschungsergebnisse kann man annehmen, dass die Bezeichnung "Lodagei" seit mindestens 350 Jahre gebräuchlich ist. Bereits im frühen Mittelalter (7.-8.Jh. n.Chr.) wurden im fränkischen Reich Gewebe aus Schafwolle in Heimarbeit erzeugt. Der Beginn der Tuchweberei in unserer Gegend kann nicht eindeutig datiert werden. Eine dauerhafte Besiedlung der Gegenden von Hintersee, Faistenau, Ebenau und Umgebung erfolgte erst nach Waldrodungen im 12. und 13. Jahrhundert. Die Blüte des Heimarbeitsgewerbes der Loder im Schroffenauer Rügat, vorwiegend bei Bauern und Kleinhäuslern, dürfte sehr wahrscheinlich mit dem großen Bedarf an Arbeitskleidung der vielen Beschäftigten (200-300) in der unmittelbar benachbarten Messing-Industrie in Ebenau ab dem beginnendem 17. Jahrhundert zusammenhängen.

Heute existiert in der Ortschaft Hinterschroffenau der Gemeinde Hof bei Salzburg nur noch ein einziger Webereibetrieb, welcher sogar der einzige derartige Betrieb im Flachgau ist. Inhaberin ist Frau Mag.a Christine Sickinger. Auch in ihrem Betrieb wird vorwiegend Wolle verarbeitet, wodurch eine alte Weber-Tradition in der "Lodagei" in unsere Zeit weitergeführt wurde. Außerdem gibt es noch das heute unbewohnte, sogenannte "Bacherl", ein Häusl an der Adresse Hinterschroffenaustraße 23, in welchem früher eine Weberei untergebracht war

Ansicht der Lodagei von Osten im 21. Jahrhundert

Der Verein "D'Lodageia" mit Obmann Alexander Wasenegger pflegt den Gemeinschaftsgeist jener Bürger der Gemeinde Hof bei Salzburg, die in der Hinterschroffenau ihre Heimat haben.

Wie erst kürzlich festgestellt werden konnte, gibt es in der Gemeinde Petting am Waginger See ebenfalls eine Gegend, die im Volksmund "Lodergei" genannt wird. Sie wird von der Götzinger Ache, dem Abfluss des Waginger Sees, durchflossen. Der Name geht mit Sicherheit ebenfalls auf Schafzucht, Wollweberei und Lodenmacherei zurück.

Weitere Bilder der heutigen "Lodergai"-Hinterschroffenau

Quellen und Literatur

  • Gschwandtner, Martin: Hofgeschichten. Eine künstliche Insel im Fuschlsee und andere Überraschungen, 2. überarbeitete Auflage, Hof bei Salzburg April 2017. Diese Schrift enthält von S. 86- 93 den ungekürzten Text über Lodagei. Der gesamte Buchtext ist ausschließlich in www.hof.at als pdf-Datei ohne Verbreitungsrecht veröffentlicht, da die 2. Auflage bei einem Verlag in Deutschland erscheinen wird.
  • Hübner, Lorenz: Beschreibung des Erzstiftes und Reichsfürstenthumes Salzburg in Hinsicht auf Topographie und Statistik. Salzburg 1796. S. 936.
  • Landertinger, Johann sen./Landertinger, Johann jun.: Mündliche Auskünfte zu den bäuerlichen Anwesen in der Lodagei und zum ehem. Weberhaus, Hinterschroffenaustraße 23, vulgo "Bacherl".
  • Pillwein, Benedikt: Geschichte, Geographie und Statistik des Erzherzogthums ob der Enns und des Herzogthums Salzburg. Linz 1839, Kapitel VIII.
  • Reith, Reinhold (Hrsg.): Lexikon des alten Handwerks. Vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. 2. Aufl. München 1991.
  • Sickinger, Christine: Mündliche Auskunft über ihre Weberei in der Ortschaft Hinterschroffenau.
  • Textarchiv des Deutschen Rechtswörterbuches (DRW) der Heidelberger Akademie der Wissenschaften: BairLR. 1616. "Von den Leinwebern/Wollwürchern und anderen Handwerchern/ auch Sterern auff dem Landt: I. Articul: Wie die Leinweber/Wollwürcher und Loder auffm Landt ihre Handwerch arbeiten moegen," S. 613.
  • Thonhauser, Monika: Das Salzburgische Flache Land-Eine Textile Landschaft. Phil. Diss. Salzburg 2006, sowie mündliche Auskunft über die Spinnerei und Weberei von Wolltuchen und Leinwand in unserer Gegend vom Mittelalter bis in die Neuzeit.