Hauptmenü öffnen

Salzburgwiki β

Nationalsozialismus in Salzburg - Zeitzeugen erinnern sich

Nationalsozialismus in Sazburg - verfasst vom Historiker Johannes Hofinger, erschienen 2016 in der Reihe erinnern.at - ermöglicht auch Jugendlichen und weniger Informierten einen sehr gut lesbaren Überblick über die Ereignisse dieser Zeit.

Nationalsozialismus in Salzburg - Zeitzeugen erinnern sich - Zeitzeugen kamen im März 2013, als sich der Einmarsch Adolf Hitlers in Österreich zum 75. Male jährte, in Medien zu Wort. Dieser Artikel bringt einige dieser Erinnerungen aus der Sicht des Jahres 2013.

Inhaltsverzeichnis

Ös Buam!

Der Halleiner Historiker Wolfgang Wintersteller initiierte 1988 im Keltenmuseum die erste zeitgeschichtliche Ausstellung zum Anschluss – gemeinsam mit dem damaligen Direktor Kurt Zeller. Mittlerweile verstorben ist auch einer der Zeitzeugen, mit denen sich Wintersteller für die Ausstellung unterhalten hat: Christian Galsterer vom gleichnamigen Hotel und Café. Wintersteller: „Ich war damals für die Geschichte zuständig – Christian Galsterer für die Geschichten.“ Unter anderem erzählte er von „spontanem Widerstand“, der den deutschen Truppen in Hallein entgegenschlug. Ein Kaltenhausener Arbeiter sprang z. B. vor dem Kommandeur der einmarschierenden Gebirgsjäger, Eduard Dietl, auf die Straße, spuckte aus und schrie: „Ös Buam! Im Kriag sama Seite an Seite gstandn, und hiatzt kemts so daher!

Max Mayer: Und dann hat er mich auf den Kopf geklopft

Ich kann mich erinnern, wie ich mit meiner Mutter als neunjähriger Bub mit den Nachbarn auf der Straße stand und stundenlang zusah, wie die deutschen Soldaten über die Grenze marschierten. Als Kind hatte ich keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte. Viele Leute waren auf die deutschen Nachbarn in Freilassing neidisch, weil die mehr hatten als wir in Salzburg.

Nach einigen Wochen wurden wir mit einem Autobus nach Berchtesgaden gebracht und dort hat uns Adolf Hitler, der Zivilkleidung trug, begrüßt. Er hatte einen Schäferhund und ging mit ihm spazieren und hat mir auch auf den Kopf geklopft, das machte er auch mit anderen Kindern. Wir wussten eigentlich nicht, wer das war, erst viel später, als ich Pimpf wurde, und dann mit 14 in die Hitlerjugend kam, wussten wir Bescheid.

Ich kann mich aber erinnern, dass das beliebte Kaufhaus Schwarz von einigen Salzburgern teilweise beschädigt wurde, weil er Jude war. In den Jahren zuvor haben allerdings viele arme Leute vom Kaufhaus Schwarz so manches geschenkt bekommen.

Im April 1939 war Adolf Hitler in Salzburg, und damals standen wir in Reih und Glied in unserer Pimpf-Uniform. Er ging zwischen den Reihen durch, und diesmal hat er mir wieder auf den Kopf geklopft.

Später begann die Kinderlandverschickung und ich wurde nach Ostpreußen geschickt. Ich war sechs Wochen bei einer Familie in der Nähe von Gumbinnen, die Leute haben Rennpferde gezüchtet, also waren sie ziemlich wohlhabend. Leider konnte ich aber nur meinen Salzburger Dialekt und habe die Leute nicht gut verstanden.

Wie konnte man denn wissen, dass nach einigen Wochen, am 1. September, der Zweite Weltkrieg begann!

Ich wohne seit 1951 in Kanada, bin aber immer noch sehr heimatverbunden und sehne mich oft nach Salzburg, meiner Geburtsstadt.

Josef Seiwald: „Rotzbub, weich aus, jetzt schaffen wir an“

Als ich am Sonntag, (wie sonst auch jeden Tag) um halb sieben in der Früh die Milch von uns vier Bauern mit dem Pferd zur Molkerei in den Markt nach Kuchl fahren musste, begegneten mir vier junge, bekannte Burschen. Es waren Anhänger der Nationalsozialistischen Partei. Sie sangen und lärmten. Offensichtlich kamen sie von einer durchfeierten Nacht. Als sie mich sahen, plärrte einer: „Rotzbub, weich aus, jetzt schaffen wir an, kannst es deinem Vater auch gleich sagen!“ Dann zogen sie an mir vorbei. Ich war sehr erschrocken.

Damals war ich 14 Jahre alt. Ich war bereits aus der Schule und musste auf dem elterlichen Bauernhof mitarbeiten.

Am Montag schickte mich dann der Vater mit einem Handkarren nach Hallein in die Saline, um einen Sack Viehsalz zu holen. Als ich auf dem Heimweg war, kamen die deutschen Truppen über die Grenze nach Hallein.

Plötzlich waren überall so viele Leute. Die Halleiner Bevölkerung jubelte und rief: „Sieg Heil, der Führer ist da!“ Es gab ja in Hallein sehr viele Nationalsozialisten! Mit meinem Handwagen kam ich kaum mehr weiter. So stand ich neben der Straße und staunte nicht schlecht.

„Wo kommen nur die vielen schweren Fahrzeuge mit den Kanonen her? Und von wo sind die ganzen Soldaten?“, fragte ich mich. Natürlich war ich von dem ganzen Geschehen sehr beeindruckt.

Als ich heimkam, war der „Anschluss“ an Deutschland überall sichtbar. Wie es sich bald zeigte, war für unsere Heimat eine schwere Zeit angebrochen. Österreich wurde, wie die Nazis sagten, „heimgeholt“ ins Deutsche Reich. Aus Österreich wurde die Ostmark. Aus dem Land Salzburg der Gau Salzburg. In kürzester Zeit wurden alle öffentlichen Stellen wie Ämter, Schulen, Gerichte und andere Institutionen von Nationalsozialisten geleitet. Österreichgetreue Lehrer, Richter und Politiker wurden durch hitlergetreue ersetzt, und von den Vaterlandstreuen wurden viele verhaftet!

Ferdinand Tomasi: Na, wo kommst denn du her, du Judenbengel?“

Ich lebte damals in Lienz in Osttirol und war im Jänner 15 Jahre alt geworden. Die folgenden drei Fälle zeigen, dass das nationalsozialistische System damals schon in ausgereifter Form, durch Gewaltanwendung, Verbreitung von Angst und Terror, aber auch durch die breite Mitwirkung der einheimischen Bevölkerung übergangslos funktioniert hat.

Eine SS-Einheit unter der Führung eines SS-Sturmbannführers kam am 14. oder 15. März 1938 nach Lienz. An einem dieser Tage wollte ich die Apotheke in der Rosengasse über zwei Stufen zum Straßenniveau verlassen. Vor mir stand, im Grätschschritt, ein SS-Mann, der mich an der Brust fasste mit den Worten: „Na, wo kommst du her, du Judenbengel?“ Meine schwarzen Haare und etwas abstehende Ohren reichten zu dieser Art Selektion aus. Ich konnte mich durch einen Tritt in seine Weichteile befreien. Ich lief nach Hause und war total verwirrt.

Nach einigen Tagen habe ich gesehen, wie das jüdische Ehepaar Samuel und Sarah Bohrer, Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts am Johannesplatz, unter Gejohle von Einheimischen verhaftet und abtransportiert wurde.

Hans Wallner: Von der Begeisterung angetan

Bereits am 4. März wurde burgenländisches Militär nach Graz versetzt, um dann am 11. März zur Absperrung der Innenstadt eingesetzt zu werden. Scheinbar hatte die damalige Regierung den örtlichen Kommanden kein Vertrauen entgegengebracht.

Zu meinen persönlichen Erinnerungen gehört, dass sich in Österreich, parallel zu den Ereignissen in Deutschland, ein Austrofaschismus gebildet hat. Die Proponenten dieser Bewegung waren Dollfuß, Fey und Schuschnigg mit militantem Hintergrund. Man sah diese Herren oft in Uniform von Heimwehr und Ostmärkischen Sturmscharen. Dies hat sich auch in der vormilitärischen Jugenderziehung geäußert. So wurden uns im Schulhof (2. BRG Graz, Pes talozzistraße) Infanteriewaffen, Meldeeinrichtungen und Ähnliches vorgeführt.

Die Mitgliedschaft beim Österreichischen Jungvolk war obligat, doch wurde mir als Mitglied des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins seit 1932 nur eine provisorische Mitgliedskarte mit beigeschlossenem Nachweis von besuchten Jungvolkstunden ausgehändigt.

Ein Bild aus dieser Zeit ist mir auch gegenwärtig, das Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß im Cut (eleganter Anzug) zu Besuch bei Benito Mussolini in Italien zeigt, wobei dieser ihn in Badehose an einem Strand, vermutlich in Oberitalien, empfangen hat.

Eine kleine Episode dieser Tage der Begeisterung ist mir noch erinnerlich: In der Nähe unseres Wohnsitzes in der Innenstadt wohnten und arbeiteten viele Rechtsanwälte jüdischen Glaubens (Nähe der Ämter und Gerichte), die man alle persönlich kannte. Die Gattin eines dieser Herren war von der Begeisterung auf der Straße selbst so angetan und sagte zu meiner Mutter: „Was sagen Sie, Frau Wallner? Am liebsten möchte man selbst,Heil Hitler‘ schreien.“ In den Wochen und Monaten danach merkte man an den vielen Möbeltransporten, dass sich die Auswanderung vollzog.

Meine Eltern führten in der Rosengasse die Südtiroler Weinstube. Unsere Gäste kamen aus allen Schichten, sodass nicht nur jeder jeden kannte, sondern auch dessen politische Einstellung, da damals in ganz Österreich heftigst politisiert worden ist.

Meine Mutter war streng katholisch, mein Vater hatte gute Verbindungen zu den illegalen Nazis. Ein bürgerlicher Spaßvogel hat dem oben angeführten Offizier der SS-Einheit empfohlen, er möge sich bei Frau Tomasi am Karfreitag eine Brettljause bestellen. Das tat dieser und es entwickelte sich folgender Dialog: „Heil Hitler, sind Sie Frau Tomasi? Ich habe gehört, Sie haben so eine gute, wie heißt das?“ Meine Mutter: „Grüß Gott, Herr Offizier. Sie meinen wohl eine Brettljause? Das tut mir aber leid, am Karfreitag verkaufe ich keine Fleisch- oder Wurstwaren, kommen Sie doch morgen.“

Es entwickelte sich ein Gespräch, das in der Frage des Offiziers mündete: „Haben Sie etwas gegen den Führer?“ Meine Mutter: „Ja, wenn mich euer Führer dazu zwingt, dass ich am Karfreitag Fleisch verkaufen muss, wäre mir lieber, ihr geht dorthin zurück, wo ihr hergekommen seid.“ Das hat ausgereicht, sie zu verhaften zwecks Überstellung zur Gestapo nach Klagenfurt.

Mein Vater konnte dies verhindern, sodass sie um zirka 22 Uhr wieder nach Hause kam. Inzwischen wissen wir, was aus diesen an sich nichtigen Vorfällen entstanden ist.

Seit Sonntag ist herrliches Hitler-Wetter

Im März 1938 gab es nicht nur Betroffenheit. Aus dem Tagebuch der Lehrerin und Hitler-Anhängerin Karola V. aus Zell am See:

20. Februar. Ich stand spät auf, kochte, wusch schnell ab, und um ein Uhr begann Hitler seine große Rede, die bis vier Uhr dauerte. Am 12. Februar war (der österreichische Kanzler, Anm.) Schuschnigg bei Hitler in Berchtesgaden, wo über die Zukunft der Nationalsozialisten in Österreich verhandelt wurde. Schuschnigg machte viele Zugeständnisse, sodass man auf viele Besserungen hoffen kann.

6. März, Sonntag. Am 24. Februar sprach Schuschnigg. Die Schwarzen hoben wieder ihre Köpfe und schöpften neuen Mut und Hoffnung. Einige Nationale waren deprimiert. Ich war immer optimistisch und glaubte, dass für die Nationalen alles gut würde.

Am 9. März sprach Schuschnigg und proklamierte eine Volksabstimmung am 13. März – Mit „Ja für Schuschnigg in Österreich“. Die Spannung war aufs Äußerste gestiegen. Wir warteten die Parole ab, ob und was wir wählen wollen.

Am Freitag, 11. März, war Jahrmarkt. Ich ging Nachmittag mit F. gegen Bruck spazieren, und wir sprachen natürlich nur über die bevorstehende Wahl (gemeint: Die Volksabstimmung, Anm.). Als ich um halb sieben heimkam, teilte mir J. gleich mit, dass die Parole für die Nationalsozialisten war: Nicht wählen, und wenn befragt warum, dann antworten, dass einem die Art und Weise des Wahlvorgangs nicht passe. Minister Seyß-Inquart stehe für jeden ein (Arthur Seyß-Inquart, auf Druck Hitlers im Februar 1938 eingesetzter österreichischer NS-Innenminister, Anm.). Kaum hatte ich mich mit dieser Wendung abgefunden, stürzte Frau J. herauf und verkündete, dass im Radio die Verschiebung der Wahl angesagt worden sei. Große Begeisterung allerseits. Auf einmal kam wieder Frau J. mit der Nachricht, Schuschnigg und alle Minister außer Seyß-Inquart sind gegangen, und Seyß-Inquart habe die deutsche Regierung um Hilfe gebeten. Nun war helle Begeisterung. Alle gingen hinunter in die Stadt. Am Postplatz waren alle Nazi und wir begrüßten uns mit „Heil Hitler“. Kamen erst um ein Uhr ins Bett, doch konnten wir lange vor Freude nicht einschlafen.

12. März, Samstag Leider war es an diesem Tag sehr kalt und abends sollte ein Fackelzug sein. Alle Landes- und Bezirkshauptleute sind ihres Amtes enthoben. D. wurde in Schutzhaft genommen. Um acht Uhr ging der Fackelzug los, die Schule mit den Lehrern, SA und SS, Frauenschaft, Bund deutscher Mädchen und eine Menge anderer Leute. Fast ganz Zell war auf den Beinen. Mit „Sieg Heil“ und „Heil Hitler“-Rufen zogen wir durch die beflaggte Stadt.

13. März, Sonntag Nachher bummelten wir durch die Stadt, wo überall die deutsche Polizei zu sehen war. Die Bevölkerung suchte, sich an die Deutschen anzuschließen. Allgemein gefällt ihre stramme Haltung. Abends lasen wir das Salzburger Volksblatt, das voll war von begeistertsten Kundgebungen.

14. März, Montag Heute kam Frau J. mit der herrlichen Nachricht: Der Anschluss ist bereits vollzogen! Wir waren ganz sprachlos vor Freude. Am Vormittag kamen eine Schar Flugzeuge, die kühne Schleifen über den See und die Stadt zogen. Am Nachmittag wird Hitler in Wien sprechen. Viele Juden wollten bereits die Stadt verlassen, doch wurde ihnen das Geld vorher abgenommen. Alle Bezirksschulinspektoren mit Ausnahme von P. wurden enthoben.

15. März, Dienstag Seit Sonntag ist herrliches „Hitler-Wetter“. Vormittags sprach Hitler auf dem Heldenplatz, Nachmittag war große Truppenparade. Abends flog er über München nach Berlin. 20. März, Sonntag. Nach dem Essen traf ich mit der Frauenschaft am Stadtplatz zusammen. Wir fuhren in Postautos nach Thumersbach, wo die feierliche Umbenennung der Dollfußschule (vorgenommen wurde). Sie heißt jetzt Filibert-Gragger-Schule. Nach dem berühmten Nationalsozialisten aus der Steiermark.

Sonntag, 27. März Gestern hielt Göring in Wien eine ganz ausgezeichnete Rede. Hier in Zell wird entweder Baldur von Schirach oder W. sprechen. Der Führer kommt am 6. April nach Österreich und wird in den Hauptstädten reden.

Gerd Bacher: „Ihr werds euch noch anschaun“

Gerd Bacher: Im März 1938 war ich zwölfeinhalb Jahre alt. In den historischen Tagen und Nächten zog ich mit einer Landsknechttrommel durch Salzburg: bumm-bumm, bumm, bumm, bumm. Es war winterlich kalt, doch die Stadt fieberte in einem Begeisterungstaumel, wie er mir nie mehr untergekommen ist. Dann und wann meldete ich mich bei meinen Eltern, die ebenfalls in Sachen Großdeutschland unterwegs waren. „Anschluss“.

Sehr imponierte mir die einmarschierende deutsche Wehrmacht, die uns besetzte. Österreich war das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs.

Vormals war mein Vater Sozialdemokrat und Soldatenrat gewesen; viele Jahre arbeitslos, sah er jenseits der deutschen Grenze nicht die Aufrüstung, sondern ein Wirtschaftswunder. Fatalerweise gab es damals die Achtundsechziger noch nicht: Sie hätten Widerstand geleistet. Wie sie alles hätten. Heutige Historiker haben mehrheitlich Schwierigkeiten, die damalige Zeitgeschichte zu enträtseln. Der alles zudeckende Jubel ließ keinen Gedanken an die um Österreich Trauernden aufkommen. Unvergessen aber ist mir der Satz eines bayerischen Zöllners, der uns kopfschüttelnd zubrummte: „Ihr werds euch noch anschaun.“

Das Kriegsende war für mich keine Befreiung, weil ich den Befreier Stalin für einen Hitler durchaus ebenbürtigen Verbrecher hielt und halte. Aus der Kriegsgefangenschaft heimgekommen, widerfuhr mir das Glück, von Vorgesetzten und Kollegen zum Journalisten erzogen worden zu sein, die KZ und Kerker überlebt hatten. Ihrem Beispiel und ihrer Toleranz verdanke ich eine Gehirnwäsche wirksamster Art.

Auf meine Frage, woher ihr Verständnis für fürchterliche Irrtümer rührte, meinten sie: Sonst wären wir nicht anders als ihr gewesen.

Walter Schnellinger: Von Menschen gesäumt

Zum Zeitpunkt des Einmarsches Hitlers war ich gerade sechs Jahre und wohnte mit meinen Eltern in der Straubingerstraße in Maxglan. Als es hieß , der Führer kommt nach Salzburg und würde die Maxglaner Hauptstraße entlang in die Stadt fahren, herrschte große Aufregung. Jedenfalls an diesem speziellen Tag war die Maxglaner Hauptstraße, soweit ich mich noch erinnern kann, dicht gesäumt von Menschen, viele davon schwenkten ein Hakenkreuz-Fähnchen. An der Ecke Straubinger Straße/ Max glaner Hauptstraße gab es damals einen kleinen Gemischtwarenladen namens Prax. Man hatte an die vordere Hausfront des Geschäfts eine Leiter angelehnt, damit die Hauseigentümer die Kolone Hitlers bei ihrer Vorbeifahrt besser sehen können. Jedenfalls wurden er und sein Tross mit tosendem Applaus, das heißt Heil-Rufen, begrüßt.

Anscheinend haben mich diese Menschenmassen sehr beeindruckt und sind deshalb so in meiner Erinnerung haften geblieben.

Karl Resch: „Der Direktor wurde abgeführt“

Was man sich heute kaum mehr vorstellen kann: Im Jahr 1938, und noch eine ganze Weile danach, war man keineswegs über alles, was sich in der Nähe und gar in größerer Ferne ereignete, informiert. Es gab noch kein Fernsehen, ganz selten ein Rundfunkgerät. Zur Landbevölkerung (z. B. im Lungau) drangen auch wichtige Nachrichten nur langsam und lückenhaft durch.

So waren wir Schulkinder, damals 13 bis 14 Jahre alt, äußerst überrascht, als wir auf dem Schulweg vor dem Postamt zwei Männer stehen sahen, die mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten ausgerüstet waren. Sie waren zwar in Zivilkleidung, trugen aber SA-Kappen, Hakenkreuz-Armbinden und einen „Überschwung“ (ein brauner Ledergurt mit einem ledernen Schulterriemen).

Bei der Schule angekommen, sahen wir, wie zwei ebenso adjustierte Gestalten den Direktor unserer Hauptschule abführten. (Nach Kriegsende wurde er dann Bezirksschulinspektor.) Wir fanden dafür keine Erklärung, aber einer unserer Fachlehrer sagte uns: „Kinder, geht nach Hause, heute ist kein Unterricht!“ Hocherfreut, wie wohl jeder Schüler bei dieser Information, liefen wir eiligst zum Hauptplatz – damals noch „Dollfußplatz“ –, um herauszufinden, was vor sich ging bzw. was geschehen war. Dort wurde eben der Heimwehrführer (die Heimwehr war eine paramilitärische Einheit der Regierung) festgenommen und von zwei Männern abgeführt. Der bisherige Bürgermeister wurde sofort seines Amtes enthoben. Bei den „Delinquenten“ handelte es sich durchwegs um verdiente, beliebte Persönlichkeiten. Ein neuer, ideologisch wohl passenderer Bürgermeister wurde eingesetzt. Die Sparkasse Tamsweg wurde verpflichtet, sofort mit der Errichtung eines Wohnbaus am Ortsrand zu beginnen, um die Arbeitslosigkeit zu verringern. Man vermittelte der Bevölkerung den Eindruck: Jetzt geht es aufwärts!

Was uns 13- bis 14-Jährige betraf: Sofern wir nicht unter besonderer Armut, Arbeitslosigkeit des Vaters usw. zu leiden hatten, haben wir uns kaum mit politischen Fragen beschäftigt. Unter „Umbruch“ stellten wir uns wohl nur vor, dass alles besser werden würde, dass wir gemeinsam Sport betreiben, musizieren, wandern und einer fröhlichen, freien und gesunden Zeit entgegengehen würden.

Ein Weilchen war dem wohl auch so – aber wer wäre 1938 nur im Entferntesten auf den Gedanken gekommen, dass wir etwa drei Jahre später an der Front, im härtesten Kampfgebiet und unter größter Gefahr stehen würden? Nicht etwa nur aus Begeisterung für die neue deutsche Herrschaft, sondern weil es keine andere Wahl gab.

Felix Bertram: „Die Angst war ständig bei uns“

Sorge um den Vater, Bestürzung über den Straßenterror: Wie der junge Felix Bertram den „Anschluss“ erlebte

So viele Bilder. So viele Erinnerungen. Heute lebt Felix M. Bertram, Jahrgang 1927, mit seiner gleichaltrigen Frau Synnöve in einer freundlichen hellen Wohnung am Wiener Stadtrand. Damals war er Ministrant. „Ich kam nach Hause und fand die Eltern weinend beim Radio sitzen. Bundeskanzler Schuschnigg hatte abgedankt! Das war für uns eine große Erschütterung“, erzählt Bertram.

Über die Person des Führers machte man sich in der katholisch geprägten Familie Felix Bertrams keine Illusionen. „Ich hatte einen aus Deutschland stammenden Onkel. Der versorgte uns mit guten Informationen, was wirklich mit dem Herrn Hitler los ist“, erzählt der alte Herr, der aus dem jungen Ministranten geworden ist.

So viele Erinnerungen. Zum Beispiel an die „Anschluss“-Ansprache Hitlers. „Er hat ins Mikrophon gebellt!“, berichtet Bertram mit hörbarem Widerwillen. Und an die berühmte „Gott schütze Österreich“-Rede Bundeskanzler Kurt Schuschniggs, als dieser der Gewalt der Nazi wich. „Ich wollte ihm einen Brief schreiben und ihm für diese Rede danken.“ Schuschnigg, der sofort verhaftet wurde, hätte den Brief wohl nicht mehr erhalten.

Und auch die Welt des jungen Felix geriet aus den Fugen. Sein Vater war an leitender Stelle im größten christlichen Leihbibliothekswesen, der sogenannten Volkslesehalle, tätig. Und daher verdächtig. „Er ist immer wieder von der Gestapo vorgeladen worden“, also von Hitlers gefürchteter Geheimpolizei. „Die Angst, man werde ihn wieder holen, war ständig bei uns“, erzählt Bertram, der vor 1938 in einer wohlversorgten Familie gelebt hatte. „Dann begann ein Leidensweg, wobei wir die Hilfe lieber Freunde erfahren durften.

So viele Erinnerungen. Zum Beispiel an eine „gutgekleidete Frau“, die, umringt „von Nazifiguren“, gezwungen wurde, mit einer Bürste österreich-patriotische Aufschriften („Rot-weiß-rot bis in den Tod“) von der Straße zu putzen. „Und diese Bonzen standen herum in ihrer braunen SA-Uniform und haben gegrinst. Dieses Bild werde ich nie vergessen.“ 1945 erlebte Bertram „als Befreiung“. Später heiratete er die junge Synnöve aus Norwegen. Kinder. Enkel und Urenkel, deren Bilder die Wände der freundlichen Wohnung am Wiener Stadtrand zieren. Ein erfülltes Leben. Mit vielen Erinnerungen.

Helga Burgstaller: Arbeit löste eine Euphorie aus“

Als neunjähriges Mädchen verstand Helga Burgstaller noch nicht, warum im Kärntner Lesachtal viel Holz für Schützengräben und einen Westwall benötigt wurde.

Helga Burgstaller wuchs mit ihren zwei Geschwistern am Bergbauernhof des Großvaters im Kärntner Lesachtal auf. Sie war neun Jahre alt, ein zierliches blondes Mädchen in der zweiklassigen Volksschule Klebas, als die Nachricht vom „Anschluss“ bekannt wurde. Sie erinnert sich: „Mein Onkel ist an dem Sonntag, dem 13. März 1938, von der Kirche heimgekommen und war wie viele andere auch euphorisch. Jetzt gibt es Arbeit für alle, hat er gesagt und war guter Dinge.“ Ab diesem Zeitpunkt ging eine Veränderung durch das abgeschiedene Tal mit seinen Bergbauernhöfen, wo die Menschen großteils von der Holzwirtschaft lebten.

Alle haben dann an Rundhölzern gearbeitet. Ich habe das Warum erst später verstanden“, sagt heute die 84-Jährige. Das Holz sei für Schützengräben benötigt worden und schon damals sei von einem Westwall die Rede gewesen. Wenig später sieht die damals Neunjährige ihren ersten Tonfilm: ein Schwarz-Weiß-Film mit dem Titel „Der Westwall“. „Unsere Lehrerin hat uns zur Vorstellung in ein Gasthaus geführt. Da hat man nur Menschen gesehen, die viel geschaufelt haben“, sagt Burgstaller. In der Volksschule spürt die Neunjährige ebenso Veränderungen: Plötzlich sind sportliche Turnübungen und Wettkämpfe auf dem Unterrichtsplan. Für die Kinder befremdend war auch das Auftauchen vieler Männer aus Deutschland. Man habe ihren Dialekt im Lesachtal nicht verstanden, aber alle seien in brauner Kleidung herumgelaufen. Die Kinder bekamen kleine Hakenkreuz-Fahnen und aßen zum ersten Mal Dreieckwaffeln. „Wir haben nur Rippenschokolade und Stollwerk gekannt“, sagt Burgstaller. Die Braunen seien SA-Leute gewesen. Die Einheimischen hätten das nicht goutiert. „Aber sie waren gutgläubig. Es hat ja zuvor so viel Not geherrscht. Und auf einmal sind keine Bettler und Zigeuner mehr ins Tal gekommen.


Die Euphorie sollte nicht lang anhalten. „Die war weg, als mein Vater 1939 einrücken musste. Dann ist 1941 meine Mutter, die jahrelang in Tirol gearbeitet hat, zurückgekommen. Sie hat mich, meine Schwester Melitta und meinen Bruder Paul nicht einmal erkannt.

Die vaterlose Familie übersiedelt im Februar 1941 auf eine kleine Landwirtschaft ins Gailtal. „Von meiner Kindheit, so hart sie auch war, will ich keinen Tag missen“, sagt Burgstaller. Sie habe wie andere Kinder überall mitarbeiten müssen, sei jedoch nie geschlagen worden. Obwohl es in der Schule die Prügelstrafe gegeben habe. In Erinnerung geblieben ist Burgstaller die Genügsamkeit. „Heute kennen das viele Menschen nicht mehr“, sagt sie. Und wenn in Zukunft alles kaputtgespart werde, entstehe wieder ein sozialer Sprengstoff. „Hoffentlich haben die Politiker aus der Geschichte von damals gelernt.

Rudolf Ratzenberger: Nachbarn denunziert und hingerichtet

Beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht war ich, Jahrgang 1933, also ein fünf Jahre alter Knirps. Ich wohnte im März 1938 mit meinen Eltern in einer Zweizimmer-Kellerwohnung straßenniveauseitig in der Maxglaner Hauptstraße 17. So wie viele Maxglaner, einige hatten auch schon die Hakenkreuz-Fahne vor ihren Fenstern gehisst, stand ich am Straßenrand. Die Soldaten wurden begeistert empfangen und bejubelt. In diesem euphorischen Trubel hob mich ein Soldat auf sein Fahrzeug und ich genoss bereitwillig und begeistert die Fahrt auf diesem Wehrmachtsfahrzeug. Die Fahrt in die Riedenburgkaserne habe ich heute noch in guter Erinnerung. Auch eine Gulaschkanone, die von vielen Anwohnern belagert wurde, war vorhanden.

Von meiner spontanen „Triumphfahrt“ hatte meine Mutter allerdings nichts mitbekommen. So suchte Mama verzweifelt nach ihrem verschwundenen Sohn Rudi. Schließlich fand sie mich quietschvergnügt in der Menschenmenge in der Riedenburgkaserne. Die Erleichterung über das Wiedersehen überwog den Ärger über mein Abhauen, sodass die Strafe milde ausfiel.

So positiv meine ersten Eindrücke vom Dritten Reich waren, so negativ waren die kommenden Jahre, die darin gipfelten, dass unser Nachbar, Rudolf Smolik, als angeblicher kommunistischer Zellenleiter denunziert und von den Nazis hingerichtet wurde. Mit einem „Stolperstein“ vor dem Haus Maxglaner Hauptstraße 17 wollte ich an diesen tapferen Menschen erinnern.

Gerald Gießwein: Einschneidende Veränderungen

Ich erinnere mich gut daran, wie ich den Einzug Hitlers in Wien erlebte. Wir standen vor dem damals Baumgartner-Kasino genannten Restaurant in der Linzer Straße. Nach längerer Wartezeit kam die Fahrzeugkolonne. Hitler stand aufrecht im offenen Wagen, wie immer bei solchen Anlässen. Ich konnte alles gut sehen, denn unser Kindermädchen hatte mich auf seine Schultern genommen. Die Menge jubelte.

Meine Familie hat schon 1939 von der NSDAP verursachte einschneidende Veränderungen inklusive Aberkennung des Aufenthaltsrechts in unserem Heimatort in Niederösterreich erfahren.

Siehe auch

Quelle