Wirtschaft

Jetzt Dividende zahlen - ja oder nein?

Finanzmarktaufsicht und EZB fordern die Banken auf, keine Dividende für 2019 zu zahlen oder mit der Entscheidung bis Oktober zu warten. Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck empfiehlt Betrieben, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, auf Dividenden zu verzichten. In den SN tauschen der Chef der Wiener Börse und der Direktor der Arbeiterkammer ihre Positionen zu dem heiß umstrittenen Thema aus.

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Gastkommentar von Christoph Boschan, Vorstandschef der Wiener Börse:

Dividendenzahlungen und Staatshilfen sind kein Widerspruch

Österreich geht mit einem großen Vorteil durch diese Krise: einem der besten Sozialsysteme der Welt. In Krisenzeiten gilt es, nie aus den Augen zu verlieren, was sein Rückgrat ausmacht. Der Wohlstand dieses lebenswerten Landes beruht auf der Produktivität seiner Unternehmen im Verbund mit den Arbeitnehmern. Ohne unternehmerische Aktivität keine Jobs, keine Steuern, kein Konsum, keine Einkünfte für den Staat, keine Umverteilung. Diese Verteilungsfrage wird aktuell großgeschrieben. Die Öffentlichkeit unterscheidet stark zwischen Kleinen und Großen. Die Sympathien gelten sofort (und richtigerweise) der Unterstützung von EPU und dem kleinen Mittelstand. Bei Zuwendungen an börsenotierte Unternehmen, die Dividenden ausschütten, wird der Ton rau, auch wenn da wie dort Unternehmen unterstützt werden.

Christoph Boschan. SN/APA/HELMUT FOHRINGER
Christoph Boschan.

Dabei werden Dividenden im Jahr 2020 rückwirkend für das Geschäftsjahr 2019 ausbezahlt. Lieferanten und Mitarbeiter haben ihr Geld für 2019 bekommen. Nur die Eigenkapitalgeber, die derzeit ohnehin enorme Verluste hinnehmen, sollen rückwirkend leer ausgehen? Auch das ist nicht fair. Besser wäre es, zukünftige Gewinne, die mit Staatshilfe erzielt werden, im Unternehmen zu belassen, als Kapitalgeber hinterher zu benachteiligen. Vielen Menschen fehlt die Erfahrung und wirtschaftliche Bildung, um Dividendenzahlungen richtig einzuordnen. Welcher Österreicher weiß schon, dass er über Pensionskassen und Versicherungen von Dividenden profitiert. Jedem Staatsbürger kommen die Einnahmen der Kapitalertragsteuer und die Zahlungen, die über die staatliche Beteiligungsgesellschaft ÖBAG in den Bundeshaushalt fließen, zugute. Die Dividenden stehen für Wiederinvestition und Konsum zur Verfügung.

Kapitalgeber dürfen nicht per definitionem benachteiligt werden. Unternehmen werden gewissenhaft selbst entscheiden, ob und welche Dividendenzahlung möglich bleibt. Viele Firmen äußerten sich bereits. Für einige wird dies problemlos machbar sein, in anderen Branchen wird es sich schlicht verbieten. Das Gesellschaftsrecht verpflichtet ohnehin dazu, die derzeitige wirtschaftliche Situation zu berücksichtigen.

Es ist dringend davon abzuraten, durch staatliche Interventionen Investoren zu verschrecken, die für den Wiederaufbau dringend benötigt werden. Es könnte sich doppelt rächen, dass der Aufbau eines leistungsfähigen nationalen Kapitalmarkts im letzten Jahrzehnt sträflich vernachlässigt wurde. Abermals wird sich zeigen, dass sich Länder mit entwickelten Kapitalmärkten weit schneller von der Krise erholen werden.


Gastkommentar von Christoph Klein, Direktor der Arbeiterkammer Wien:

Wer Staatshilfe nimmt, kann nicht gleichzeitig Dividenden ausschütten

Eine Milliarde Euro - so viel Geld stellt der Staat in der Krise für die neue Corona-Kurzarbeit zur Verfügung, die in Windeseile von den Sozialpartnern aus dem Boden gestampft wurde. Dieses Modell rettet zahlreiche Unternehmen und Tausende Arbeitsplätze.

3,5 Milliarden Euro - so viel Geld wollen die im Wiener Leitindex ATX notierten Unternehmen im laufenden Jahr laut Hochrechnung der Arbeiterkammer an Dividenden an Aktionärinnen und Aktionäre auszahlen. Das wäre eine Rekordsumme. Diese Ausschüttungen retten - richtig geraten - niemanden. Im Gegenteil: Sie entziehen Unternehmen jetzt lebenswichtige Liquidität und gefährden damit die Existenz und Tausende Arbeitsplätze. Gerade die fehlende Liquidität ist der Grund, warum ein drittes Coronapaket mit weiteren Milliarden zur Hilfe der Unternehmen vom Parlament beschlossen werden soll.

AK-Wien-Direktor Christoph Klein SN/APA/HERBERT NEUBAUER
AK-Wien-Direktor Christoph Klein

Nicht umsonst werden daher die Stimmen, die einen Dividenden-Stopp fordern, immer mehr und immer lauter. So empfehlen die Europäische Zentralbank und die Finanzmarktaufsicht den Banken, von diesen Zahlungen sowie Aktienrückkäufen Abstand zu nehmen. Die Arbeiterkammer geht einen Schritt weiter: Wer jetzt um die Hilfe des Staates ansucht, um Hilfe, die aus Steuergeldern finanziert wird, kann nicht gleichzeitig Dividenden ausschütten. Erklären Sie einmal den Beschäftigten, die in Kurzarbeit geschickt werden und trotz dieser Maßnahme weniger verdienen als vorher und daher ihre Gürtel enger schnallen müssen, dass die Damen und Herren Aktionäre ihre Gürtel genauso locker tragen können wie vor der Krise, weil sie nicht auf Ausschüttungen verzichten müssen. Ich glaube nicht, dass auch nur eine Person dafür Verständnis hätte!

Wer in Unternehmen investiert, sollte das langfristig tun. "Wer nicht bereit ist, eine Aktie zehn Jahre zu halten, sollte das auch nicht zehn Minuten tun", hat der Investor Warren Buffett gesagt. Deshalb müsste der Hausverstand allen Aktionären in dieser Krise Folgendes sagen - abgesehen von der Loyalität gegenüber den Beschäftigten, die eigentlich von selbst in Erscheinung treten müsste: Die Dividende muss jetzt im Unternehmen bleiben, denn der 2019 erwirtschaftete Gewinn wird dazu gebraucht, um die Liquidität und damit die Existenz zu sichern und um nach der Krise so schnell wie möglich durchstarten zu können. Denn nur finanziell gesunde Unternehmen können an der Börse reüssieren und in Zeiten ohne Coronakrise wieder Dividenden abwerfen. "Wenn ein Unternehmen gut läuft, wird die Aktie letztendlich folgen." Auch das hat ein gewisser Warren Buffett gesagt.

Quelle: SN

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