Verräterische Spuren

Was Neuschnee, die Cholera und Fitness-Tracker gemeinsam haben.

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Bits & Bites Thomas Hofbauer
Was Neuschnee, die Cholera und Fitness-Tracker gemeinsam haben. SN/labs.strava.com
Was Neuschnee, die Cholera und Fitness-Tracker gemeinsam haben.

Toben im Schnee macht allen Freude. Im Neuschnee Verstecken spielen hingegen nur unter Zweijährigen. Danach sind sich Menschen der Spuren, die sie hinterlassen, bewusst - in aller Regel. Auch der Arzt John Snow beschäftigte sich mit verräterischen Spuren. Er erkannte, dass die 1854 in London herrschende Cholera, bei der 14.000 Menschen starben, durch vergiftetes Trinkwasser verursacht wurde. Um den Beweis zu führen, arbeitete er mit einer Karte, in die er alle Todesfälle einzeichnete. So konnte er die Wege der Infektion bis zu einer Wasserpumpe in der Londoner Broad Street zurückverfolgen.

Anderes will man nicht aufgedeckt wissen, sondern spurlos verschwinden lassen. Das US-Militär ist Meister darin. 100 Quadratkilometer große Gebiete, wie die Area 51 nordwestlich von Las Vegas, wurden über Jahrzehnte aus allen zivilen Karten getilgt. Standorte von Militärbasen in Syrien, dem Irak oder Afghanistan unterliegen noch immer strengster Geheimhaltung. Die funktionierte, bis Fitness-Tracker in Mode kamen. Seit wenigen Tagen wähnt das Pentagon sogar die Sicherheit von Soldaten in diesen Stützpunkten gefährdet.

Fitness-Tracker sind Uhren, die Schritte, Distanz, Puls und Position von Läufern, Radfahrern und Schwimmern aufzeichnen. Die Firma Strava Labs sammelt diese Daten und stellt Programme für die persönliche Auswertung zur Verfügung. Seit 2017 führte das Unternehmen auch alle Routen auf einem virtuellen Globus zusammen - als Heatmap. Dort ist jeder aufgezeichnete Lauf, jede Fahrt mit dem Rad eine zarte Spur. Je mehr Menschen den gleichen Weg benutzen, desto dicker und heller - also "heißer" - wird die Spur.

Die ganze westliche Welt leuchtet auf dem digitalen Globus von Strava Labs. Überall wird gejoggt, geradelt und geschwommen und überall wird getrackt, also aufgezeichnet und im World Wide Web veröffentlicht.

In weniger digitalisierten Gebieten ist man zwar auch per pedes unterwegs. Aber die tägliche Mühsal digital zu dokumentieren und der ganzen Welt zu zeigen, darauf kommen nur wir, die sich laufend, schwimmend oder radelnd von Kalorien befreien müssen. Und darum bleibt in Syrien, im Irak oder in Afghanistan die Heatmap am virtuellen Globus kalt.

Nicht ganz, denn die USA betreiben in diesen Ländern streng geheime Stützpunkte und dort halten sich Soldaten fit. Zu ihrer Motivation hat das Pentagon sogar 2500 Fitness-Tracker verteilt. Und seither sieht man auf dem virtuellen Globus von Strava Labs auch Pfade in der Wüste. Geheime Pfade in und um Militärbasen. Die leuchten dort, wie die Spuren zweijähriger Kinder beim Versteckenspielen im Neuschnee. Die Angelegenheit hätte recht einfach vermieden werden können, heißt es, denn man könne mit einer Einstellung die Teilnahme am Kartenprojekt ablehnen. Doch bisher hat noch kein Militärstratege die Fantasie gehabt, in Fitness-Trackern ein Sicherheitsrisiko zu erkennen. Liebe Grüße in das schneebedeckte Neuland Internet.

Aufgerufen am 22.05.2018 um 08:47 auf https://www.sn.at/kolumne/bits-und-bites/verraeterische-spuren-23680210

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