"Die Quarantäne-WG": Drei illustre TV-Zirkuspferde im Stall

Drei Talk-Großmeister laden in Coronazeiten höchst improvisiert Gäste ein und stoßen an die Grenzen der Fernsehunterhaltung: Kann man angesichts eines Dramas noch witzeln?

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Durchgeschaut Martin Behr
Thomas Gottschalk, Oliver Pocher und Günther Jauch sind die Gastgeber in dem neuen Format von RTL. SN/tvnow
Thomas Gottschalk, Oliver Pocher und Günther Jauch sind die Gastgeber in dem neuen Format von RTL.

Oliver Pocher sitzt vor dem Bild eines Ottifanten, Thomas Gottschalk hat in seinem Wohnzimmer Platz genommen und berichtet von einem ereignislosen Alltag. Der Höhepunkt: Das Auskundschaften beim Einkaufen, ob das Klopapier schon ausverkauft ist. Günther Jauch wiederum meldet sich aus seinem Büro, in dem sich drittklassige Kunstwerke, Kitsch, Mappen und Handschuhe stapeln und erzählt ebenso von Alltagsbeobachtungen, die das, was das Publikum in Tagen wie diesen erlebt, spiegeln. Willkommen in der "Quarantäne-WG" der drei deutschen TV-Großmeister auf RTL.

Sie tragen weiße, kabellose Kopfhörer in den Ohren und empfangen Toni Kroos als Überraschungsgast auf dem vierten Bildschirm. Der Weltmeister im Fußball setzt seine Tattoos gut ins Szene, die Zuschauer erfahren, dass der Legionär von Real Madrid die Zeit mit der Familie genießt. "Ist das ganze Land auch außer Betrieb gesetzt wie hier in Deutschland?", will Jauch wissen. "Viel mehr und viel früher", antwortet Kroos. Zuvor hat Gottschalk zu einem Strip angesetzt und seine ausgezogenen violetten Schuhe - farblich passend zu Hose und T-Shirt - der Bildschirmkamera präsentiert. Und: Publikumsanfragen werden mehr oder weniger launig beantwortet oder kommentiert. Improvisiertes Unterhaltungsfernsehen in Coronazeiten eben.

Das Konzept für die Sendung, die nun von Montag bis Freitag zur Primetime sehen ist, lebt von den prominenten Namen und dem low-tech-Charme, den all jene, die jetzt zu Hause auch Homeoffice betreiben, gut kennen. Die Qualität der Gesprächsinhalte ist nicht unbedingt ein übertrieben starker Anreiz zum Einschalten. Wenn der Talk plätschert, beginnt Pocher, der wie seine Frau an Covid-19 erkrankt ist, mit einem Ball durch sein Zimmer zu dribbeln und stärkt sich dann aus einer Wasserflasche. Und wie trainiert Toni Kroos? Von der Fitness her komme auch zu Hause klar, was aber fehle, sei das Mannschaftstraining. Gähn. Die Überraschungen halten sich in der "Quarantäne-WG" in Grenzen.

Drei Zirkuspferde, einmal nicht aufgemotzt mit funkelndem Geschirr in der Arena, sondern im unspektakulären Stall. Sie talken auch mit Michelle Hunziker, die sich mit ihrer Familie und einem kleinen Hund in Bergamo in Quarantäne befindet. Bergamo. Ein Hotspot der Coronakrise. "Das Auge des Taifuns" (Gottschalk). "Es ist ein Drama", sagt Hunziker und die drei Mienen der männlichen Zuhörer werden ganz ernst. Schluss mit lustig. Die Moderatorin Hunziker spricht von Menschen, die allein zu Hause sterben müssen, weil die Spitäler überfüllt sind. Ihr Job sei es, den Menschen trotz allem ein bisschen Leichtigkeit im Herzen zu verschaffen, sagt die 43-Jährige. Das, was "Die Quarantäne-WG" ja auch will.

Am Ende wird noch einmal über das Klopapier-Hamstern geplaudert. "Für so einen Arsch wie mich werdet ihr wohl noch eine Rolle haben", sagt Gottschalk, doch ein wirklich befreiendes Lachen erntet er in dieser Moll-Stimmung nicht mehr. Entertainment angesichts eines Dramas, das zahlreiche Menschenleben fordert: eine höchst diffizile, zwiespältige Angelegenheit. Löblich der Versuch, schwierig die Umsetzung.

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