Und wenn ihnen nichts mehr einfällt, verbieten sie das Kopftuch

Die österreichische Innenpolitik hat mit der bayerischen eines gemein: Man erschafft ganz eigene Loch-Ness-Monster.

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HEVI Viktor Hermann

Ausgerechnet in der stillen Jahreszeit, wenn die Landschaften von einer den Lärm dämpfenden, weichen, weißen Decke verhüllt sind, taucht ein Thema in der politischen Diskus sion auf, das wir alle so notwendig brauchen wie einen Kropf. Interessant ist dabei, dass sich bayerische CSU-Politiker und österreichi sche ÖVP-Politiker geradezu im Gleichklang auf das Thema stürzen, ganz so, als existiere ein süddeutsch-voralpines Loch-Ness-Monster-Gen, das diese Damen und Herren dazu zwingt, nach einem Kopftuchverbot zu rufen.

Deutschland ist gerade von einem furchtbaren Terrorangriff erschüttert worden, bei dem in Berlin ein als gefährlich bekannter Tunesier - den man aus bürokratischen Gründen frei herumlaufen ließ - einen Lastwagen zur Mordwaffe umfunktionierte. Man möchte meinen, dass nun eine heftige Debatte über effiziente Polizeiarbeit, über die Fehler der Bürokratie, über die Hilfe für die Opfer und deren Angehörige ausbricht. Weit gefehlt. Seit Tagen befassen sich der österreichische Außenminister und etliche bayerische Politiker mit der Frage, wie viel Kopftuch der Bevölkerung in Amtsstuben, Schulen und Gerichtssälen zumutbar sei.

Man streitet trefflich über die Frage, ob eine Frau mit Kopftuch tatsächlich die bei Beamten und Lehrern erforderliche Objektivität und Neutralität im Herzen trage, oder ob sie nicht doch durch die Verhüllung des Haupthaares eine so tiefe religiöse Prägung zur Schau trage, dass sich das normale Volk vor solch einer Person fürchten müsse.

Ganz abgesehen davon, dass wohl niemand auf die Idee käme, einem gläubigen Juden das Tragen der Kippa verbieten zu wollen, wenn er als Beamter Dienst tut, oder einem gläubigen Christen das Kreuz am Halsketterl wegnähme, wirkt die Ankündigung von Strenge gegen das Kopftuch wie ein verzweifeltes Ablenkungsmanöver. Oder wie eine taktische Maßnahme in einem Wahlkampf, der in Deutschland schon anläuft und in Österreich jederzeit beginnen könnte.

Wenn Sebastian Kurz mit seiner Kampagne gegen das Kopftuch den Recken von der FPÖ ein Thema wegnehmen will, dann sollte er bedenken, dass derartige Aktionen seit dem Aufbrechen des Haider'schen Populismus schon immer und mit großer Zuverlässigkeit in die Hose gegangen sind, weil die Xenophobie der Blauen echter wirkt als deren schwarze Kopie.

Wenn er andererseits eine Diskussion über religiöse Symbole in Schulen und Ämtern vom Zaun brechen will, dann wird bald die katholische Klientel der Volkspartei grollen. Das angekündigte Kopftuchverbot ist nichts anderes als der Ausdruck einer tiefen Ratlosigkeit. Und die ist weit gefährlicher als die demonstrative Zurschaustellung einer religiösen Überzeugung.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 05:32 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/und-wenn-ihnen-nichts-mehr-einfaellt-verbieten-sie-das-kopftuch-541036

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