Wenn Erinnern zur Bedrohung wird

Die russische Dachorganisation Memorial ist dem Kreml ein Dorn im Auge.

Scholls Welt SN

Die Organisation Memorial beschäftigt sich mit vielen Themen - und alle sind der russischen Führung ein Dorn im Auge. Behandelt wird etwa die stalinistische Vergangenheit und die Massenrepressionen in den 1930er- und 1940er-Jahren, aber auch die Menschenrechtsverletzungen heute. Alles Angelegenheiten, die unangenehme Auswirkungen haben können, wenn sie wahrheitsgetreu und eingehend erforscht werden. Geschichtsfälschung ist ein Charakteristikum jedes autoritären Staates und Russland hat eine besonders lange und tiefgehende Tradition. Zu Sowjetzeiten wurden in Ungnade gefallene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens einfach aus der Geschichte gelöscht. Heute lügt sich das offizielle Russland auch die jüngere Geschichte so zurecht, wie es gerade genehm ist. Wenn man den russischen Medien folgt, stand zum Beispiel die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine kurz davor, ausgelöscht zu werden.

Die Gesellschaft Memorial tut seit mehr als 20 Jahren nichts anderes, als die wahren Ereignisse zu dokumentieren und Menschen zu verteidigen, die Hilfe brauchen. Gerade das aber irritiert die Mächtigen, weil ihnen Tag für Tag ein Spiegel vorgehalten wird. Die Methoden, Memorial zu schikanieren, reichen von monatelangen Steuerprüfungen bis zu Anklagen wegen angeblichen Fehlverhaltens. Es wird alles genützt, was die Menschenrechtsaktivisten und Historiker, die bei Memorial arbeiten, behindern kann. Die Frage, wie lang die Organisation, oder besser: die vielen Organisationen, die sich unter dem Dach von Memorial zusammengefunden haben, diesen Angriffen noch widerstehen können, stellt sich jeden Tag neu. In Putins Russland besteht kein Interesse an einer Zivilgesellschaft, die aber ohne Organisation wie Memorial nicht funktionieren kann.

Putins Russland sieht jeden, der die Geschichte des Landes, aber auch die derzeitige Politik, kritisch beleuchtet, als Feind. Und versucht, diesen Feind zu vernichten. Bleibt zu hoffen, dass das bei Memorial nicht gelingen möge.

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