Der Ungehorsam der Piusbruderschaft

Viel ist in diesen Tagen von "einem Jahr Ungehorsam" der österreichischen Pfarrerinitiative die Rede. Über den Ungehorsam der traditionalistischen Piusbrüder will der Vatikan dagegen unbedingt hinwegsehen.

Autorenbild
Zeitzeichen Josef Bruckmoser

Ein Jahr und ein paar Tage ist er nun alt, der "Aufruf zum Ungehorsam" der österreichischen Pfarrerinitiative. Weil Kirchenleitung und Reformer einander in diesem Jahr keinen Schritt näher gekommen sind, werden erste Sanktionen gegen die unbequemen Pfarrer gesetzt: Da wird ein Dechant vor seiner möglichen Wiederwahl angerufen, dass der Erzbischof diese möglicherweise nicht bestätigen könnte - so geschehen in Salzburg. Da wird von neu- oder wiederzubestellenden Dechanten eine Distanzierung vom "Ungehorsamsaufruf" verlangt - so geschehen jüngst in der Erzdiözese Wien.

Im Klartext: Pfarrer, die sich dem "Aufruf zum Ungehorsam" angeschlossen haben, werden an einem möglichen ersten Karriereschritt gehindert. Das wird den meisten nicht unmittelbar wehtun, weil Dechant sein auch Mehrarbeit bedeutet. Aber es ist auch eine Ehre und diese zu verweigern, ist eines der subtilsten Mittel, das die Mächtigen gegen die Aufmüpfigen anwenden können. Irgendwie wirkt es immer, und sei es, dass die Dekanatskonferenz aus purem Gehorsam einen anderen zu ihrem regionalen Chef wählt.

So wird mit Pfarrern umgegangen, die im Grunde höchst dienstbeflissenen und kirchentreu sind. Sie haben in ihrem Aufruf nur auf den Punkt gebracht, was in der katholischen Kirche seit Jahrzehnten debattiert wird. Zum Beispiel die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. Da verweisen sogar führende deutsche Kardinäle auf das Beispiel der orthodoxen Kirchen, die weise und menschlich mit diesen Lebenssituationen umgehen. Und nicht einmal der Papst selbst hat dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer - wiederverheiratet geschieden - die Kommunion verweigert.

Das größte Ärgernis ist aber, dass Rom mit der traditionalistischen Piusbruderschaft einen ganz anderen Umgang pflegt. Da wird gehätschelt und verhandelt. Da wird eigens ein Vizepräsident für die zuständige Kommission ernannt. Da werden immer neue goldene Brücken gebaut, um die erklärten Gegner des II. Vatikanischen Konzils doch noch zu besänftigen.

Nur zum Protokoll: Die 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründete Piusbruderschaft hat den Ungehorsam längst vollzogen. Ihre rund 550 Priester weltweit leben im Schisma mit Rom. Da wird seit Jahrzehnten der Ungehorsam gelebt, den österreichische Pfarrer nur als verbalen Pflock eingeschlagen haben.

Es ist keine Frage der Nächstenliebe, sondern schlicht eine Frage der Gerechtigkeit, den 300 Priestern der Pfarrerinitiative eine ebenso verständnisvoll nachgehende Seelsorge angedeihen zu lassen.

Aufgerufen am 19.07.2018 um 09:17 auf https://www.sn.at/kolumne/zeitzeichen/der-ungehorsam-der-piusbruderschaft-5965852

Schlagzeilen