Das Wundern über die Schwellenländer findet kein Ende

Maßlose Bewunderung für fünf aufstrebende Wirtschaftsmächte wandelte sich jüngst zu scheinheiliger Besorgtheit.

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Zorn und Zweifel | internationale Politik und Gesellschaft Viktor Hermann

Es ist noch gar nicht so lange her, da versuchten uns sogenannte Wirtschaftsweise weiszumachen, dass Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bald einmal die Welt der Wirtschaft beherrschen würden. Um sich die Nennung der fünf Länder zu ersparen, drängte man sie in einen Begriff zusammen: Sie heißen seither die BRICS-Länder.

Es gehört schon ein gehöriges Maß an wirtschaftswissenschaftlicher Vermessenheit dazu, Staaten mit so unterschiedlichen Charakteristiken in einen Topf zu werfen. Denn einen gemeinsamen Nenner haben sie allesamt nicht. Ihre nationalen Wirtschaften sind zwar in den vergangenen Jahren allesamt mehr gewachsen als jene in den großen Wirtschaftsmächten - allerdings nominal und insgesamt. Kaum bricht man die Daten auf das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf herunter, dann liegen die allseits bewunderten BRICS-Staaten in den Weltranglisten auf den Plätzen 58 (Russland), 79 (Brasilien), 84 (Südafrika), 93 (China) und 132 (Indien). Also ziemlich weit weg von den Medaillenrängen.

Doch derzeit wundert sich die Welt der Ökonomen und Investmentbanker darüber, dass diese taxfrei zu Wunderkindern der Weltwirtschaft erklärten Länder in jüngster Zeit doch nicht mehr solch himmelstürmende Wachstumsraten zustande bringen. Dabei ist die Erklärung recht einfach.

Abgesehen von einer bedenklichen Abhängigkeit von Rohstoffpreisen, die manchen der Länder zu schaffen macht, sind die politischen und gesellschaftlichen Strukturen der BRICS-Staaten alles andere als wirtschaftsfördernd. Indien ist so riesig und von solch unterschiedlichen Problemen geplagt, dass es schon als Erfolg zu verbuchen ist, wenn dort kaum mehr jemand verhungert. Dazu kommt, dass das Land immer mehr in ein hindunationalistisches Fahrwasser gerät, in dem religiös fundierter Hass der Hindus auf Moslems die Entwicklung beeinträchtigt.

Brasilien und Südafrika sind von politischen Verwerfungen gequält, die entstehen, wenn korrupte Eliten sich mehr um die eigenen Taschen kümmern als um das Gemeinwohl.

China ist eine kommunistische Diktatur, die die freie Entwicklung von Unternehmen und Individuen nur bis zu einem gewissen Punkt zulässt. Und Russland ächzt unter dem autokratischen Regime eines Mannes, der das Volk durch außenpolitische Abenteuer darüber hinwegtäuscht, dass es den Menschen im Land immer schlechter geht statt besser.

Anhand der BRICS-Staaten zeigt sich, von welch eminenter Bedeutung die politische Struktur eines Landes für seinen wirtschaftlichen Erfolg ist. Demokratie, Rechtssicherheit und ein liberales gesellschaftliches Klima sind wesentliche Faktoren, um langfristig ökonomischen Erfolg zu sichern. Auch wenn die Wachstumsraten eher bescheiden ausfallen.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 07:56 auf https://www.sn.at/kolumne/zorn-und-zweifel/das-wundern-ueber-die-schwellenlaender-findet-kein-ende-1155745

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