Marina Davydova

Russin wird Schauspielchefin der Salzburger Festspiele: Davydova folgt Hering

Marina Davydova, Theaterhistorikerin, Festivalleiterin und Kritikerin, wird im kommenden Jahr Bettina Hering als Schauspielchefin der Salzburger Festspiele folgen. Im Februar hatte sie aus Russland fliehen müssen.

Die neue Schauspielchefin der Salzburger Festspiele: Marina Davydova. SN/salzburger festspiele/neumayr/leo
Die neue Schauspielchefin der Salzburger Festspiele: Marina Davydova.

Marina Davydova, Jahrgang 1966, geboren im aserbaidschanischen Baku, das damals noch zur Sowjetunion gehörte, hat Theaterwissenschaften in Moskau studiert und arbeitet als Theaterkritikerin auch für große russische Tageszeitungen wie die "Iswestija". Sie begründete ihr eigenes Theaterfestival und gibt ein Theatermagazin heraus. Mit Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser hat Davydova schon bei den Wiener Festwochen im Jahr 2016 zusammengearbeitet, wohin er sie als Leiterin des Schauspielprogramms geholt hatte.

Als Autorin, Regisseurin und Festivalleiterin habe Davydova sich "hohe Reputation erworben", teilte Hinterhäuser am Donnerstag in einer Aussendung mit. Bei den Salzburger Festspielen werde das Schauspiel unter Davydovas Leitung weiterhin das deutschsprachige Repertoire als Schwerpunkt haben, "gleichwohl soll unter ihrer Leitung mit einer verstärkt internationalen Ausrichtung unserem hohen Besucheranteil aus insgesamt 76 Ländern Rechnung getragen werden", sagte der Intendant. Davydova werde dem Schauspiel bei den Salzburger Festspielen "mit ihren herausragenden fachlichen und menschlichen Qualitäten (…) starke neue Impulse verleihen".

Ukraine-Krieg: Davydova musste aus Russland fliehen

Auf deutschen Bühnen hatte Marina Davydova etwa 2017 für das Festival "Utopische Realitäten - 100 Jahre Gegenwart mit Alexandra Kollontai" am Berliner HAU die Inszenierung "Eternal Russia" erarbeitet. Auf Einladung des Thalia Theaters diskutierte sie bei den "Lessingtagen 2018" im Rahmen von "Artists at Risk". Im April 2019 feierte ihre Uraufführung "Checkpoint Woodstock", eine Koproduktion mit dem Lithuanian National Drama Theatre Vilnius und dem Gogol Center Moskau, im Hamburger Thalia Theater Premiere. Ihr Stück "Trance" hatte im Oktober 2020 am Karlsruher Schauspielhaus Premiere.

Im vergangenen Februar hatte Davydova aus Russland fliehen müssen. "Wir betrachten die Ukraine als ein unabhängiges und autonomes Land", hatte sie am Tag des Angriffs Russlands auf die Ukraine auf ihrer Facebook-Seite geschrieben. "Wir wollen nicht, dass Russland zu einem Schurkenstaat wird. Wir wollen, dass das Blutvergießen sofort aufhört." Sie rief alle Menschen aus dem Theaterbereich auf, den Appell an die russische Führung zu unterzeichnen.

Davydova, Chefredakteurin der Zeitschrift "Teatr" und bis dahin Künstlerische Leiterin des Moskauer Festivals "NET", floh mit Hilfe des litauischen Botschafters aus Moskau.

"Künstler können ihre Ressourcen nutzen"

"Was Künstlerinnen und Künstler im Krieg tun sollen und was der Zweck der Kunst in Kriegszeiten ist - diese zwei Fragen sind mir seit Februar 2022 sehr häufig gestellt worden", sagte Davydova am Donnerstag in der Aussendung zu ihrer Bestellung. "Für mich sind dies jedoch zwei fundamental unterschiedliche Aspekte: Künstler können in Zeiten politischer und sozialer Katastrophen ihre Ressourcen als Person des öffentlichen Lebens nutzen, zur Meinungsbildung beizutragen. Ich ziehe es vor, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen." Kunst solle jedoch "nicht in Geiselhaft für gegenwärtige politische Umstände, Schwankungen in der öffentlichen Meinung oder aktuelle Trends genommen werden. Sinn und Zweck der Kunst bleiben meiner Ansicht nach unveränderlich: das Leben in all seinen ontologischen, existenziellen und sozialen Aspekten zu ergründen." Als Leiterin des Schauspiels der Salzburger Festspiele werde ihr Interessenschwerpunkt "in erster Linie auf der Suche nach der Tiefe und Überzeugungskraft des Theaters und der Theaterarbeit liegen".

Markus Hinterhäuser hatte in einem SN-Interview wenige Wochen nach der Invasion Russlands erzählt, dass er lange mit Davydova telefoniert habe, und er hatte an ihrer Person auch das Dilemma einer moralischen Bewertung in Zeiten des Krieges anschaulich gemacht.

Mit einfachen Worten und der Wahrheit gegen den Krieg antreten

Nach der Aufforderung zum Unterschreiben der Petition wurde die Haustür von Davydovas Wohnung mit einem "Z" beschmiert. "Das bedeutet, dass man jetzt alles mit mir machen kann, meine Wohnung anzünden, mich in einer dunklen Gasse umbringen", sagte Davydova damals der "Süddeutschen Zeitung".

"In Russland kann sie nicht mehr arbeiten und im Westen stößt sie auf die allergrößten Widerstände und Schwierigkeiten. Warum? Weil sie russische Staatsbürgerin ist. Marina Davydova hat Mut bewiesen, großen Mut. Es ist aber nicht mutig, hier bei uns, in einer doch sehr gesicherten Position, schnell auf der richtigen Seite zu sein - das sind wir ja hoffentlich alle", hatte Hinterhäuser in dem Interview im März 2022 mit den SN gesagt.

Im Sommer war Davydova dann zu Gast beim Salzburger Festspiel-Symposium. Sie bezweifelte, dass Kunst und Literatur die Welt verändern könnten. Allerdings seien Intellektuelle im Zusammenhang mit ihrer Fähigkeit gefragt, auf die Einstellungen von Menschen einzuwirken. Wie Feuerwehrleute keine Angst vor Feuer haben dürften, hätten öffentliche Intellektuelle in der aktuellen Situation die Verpflichtung, aktiv zu sein. Sonst hörten sie auf, Intellektuelle zu sein, erklärte sie. "Wichtig ist es nun, mit einfachen Worten die Wahrheit zu sagen und gegen den Krieg aufzutreten", sagte Davydova damals.

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