Dylan rettet die Literatur, weil er sie zu Songs macht

Bob Dylan muss den Nobelpreis bekommen, damit endgültig klar wird: Literatur ist längst nicht mehr, was manche glauben.

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Kunst & Kultur in Österreich und auf der ganzen Welt Bernhard Flieher
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Gleich tauchten hämische Kritiker auf. Der Nobelpreis für Bob Dylan sei also "ein Witz", sagte der deutsche Literaturkritiker-Star Denis Scheck. Der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu meinte, der Preis gehe in Ordnung, aber es tue ihm um die wahren Schriftsteller leid. Ein anderer reagierte einfach mit einem "Oje". Genau. "Oje" - das ist das passende Wort für diese schlichten, um nicht zu sagen weltfremden Reaktionen.

Es mag akademische oder literaturwissenschaftliche Begründungen geben, die Dylan ausschließen. Man wird sprachwissenschaftliche Parameter finden, die gegen ihn sprechen. Man hätte die auch bei jeder und jedem anderen finden können. Diese anderen aber wären dann zumindest aus der sogenannten Literaturwelt gekommen. Dylan kommt aus der Popwelt. Dass dort nichts Bedeutendes entstehen könnte, hält sich als Vorurteil einer selbst ernannten Geisteselite ja standhaft. Obwohl es wohl nur eine Ausrede ist, sich damit beschäftigen zu müssen. Pop ist böse - im Gegensatz zur Literatur. Und wenn Dylan nun eine Heiligkeit in der Popkultur ist, ja ihr Mitschöpfer, dort, wo die Popkultur ihr Dasein als banale Unterhaltungsgaudi verlässt, dann muss er der Teufel sein. Dylan passt manchen nicht in den Kram, weil er sie zwingt, eine Jahrzehnte gewohnte Bequemlichkeit zu verlassen. Dieser Preis ist wie ein Riss im Selbstbild einer sogenannten Literatur(kritiker)szene, einer Welt, die sich stocksteif an ewige Betrachtungsmuster klammert.

Was aber Dylans Kraft als Poet und als Sänger betrifft - und beides würdigte die Schwedische Akademie gleichermaßen -, spricht nichts gegen ihn, sondern - eben wegen der Kombination aus beidem - spricht alles für ihn.

Dylans Worte wirken problemlos auch ohne Klang, entwerfen in wenigen Worten riesige Welten. Die Nobelpreis-Jury erkennt mit dem Preis für den Singer-Songwriter Dylan, dass es neue Varianten gibt, wie Literatur definiert und verstanden werden kann. Poetische Texte bekommen durch ihre Einbettung in die Popmusik, durch Rap oder durch Poetry Slams seit gut einem Vierteljahrhundert frische Kraft - und sie bekommen, immer verdächtig, wenn es um angeblich anspruchsvolle Literatur oder bedeutende Kunst geht, eine große Aufmerksamkeit.

Dylan bringt aber die Lyrik, dieses Stiefmütterchen unter den literarischen Gattungen, seit über 50 Jahren unter die Leute, und sie hören ihm zu. Gewürdigt wird mit diesem Nobelpreis die weltverändernde Kraft, die in Drei-Minuten-Songs steckt. Allerdings wird das um gefühlte 30 Jahre zu spät erledigt.

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