Kultur

"Harold und Maude": Erni Mangolds berührender Bühnenabschied

Es ist der berührende Abschied einer Theatergröße: Erni Mangold feierte am Donnerstag mit der Premiere des Anarchoklassikers "Harold und Maude" in den Wiener Kammerspielen nicht nur 90. Geburtstag, sondern auch ihre letzte Bühnenrolle. "Mein Gott, so wichtig ist das Theater auch nicht", zeigte sich die Jubilarin im Anschluss gewohnt schnoddrig - und bewies zuvor doch das Gegenteil.

Schließlich steht und fällt die Theateradaption von Colin Higgins' Kinoklassiker mit den beiden Hauptdarstellern, die mit einer Chemie über die Lebensjahrzehnte hinweg die kluge Geschichte zwischen Jugendweisheit und alterlichem Leichtsinn mit Fleisch und Blut erfüllen müssen. Gemeinsam mit Meo Wulf bildet Mangold dieses anrührende Duo aus dem jungen, morbiden Harold, der sich aus der Flucht vor dem Leben in immer neue Selbstmordinszenierungen stürzt und der lebensklugen, goscherten Holocaustüberlebenden Maude, die zueinanderfinden.

Wie in Mangolds Kinofilm "Der letzte Tanz" wird auch in den Kammerspielen der Erotik über die Altersgrenzen hinweg deutlich Raum gegeben, ohne dabei in peinliche Momente oder einen betont tabubrechenden Duktus zu geraten. Das zutiefst Menschliche an sich ist hier das Ziel, jenseits vorgegebener Gesellschaftsrollen und -grenzen.

Im Fokus steht dabei fraglos die agile Mangold, für die ihr Part eigens zehn Jahre älter gemacht wurde und die bei der Premiere mit dem Rollenzitat "Ich habe heute meinen 90. Geburtstag" Szenenapplaus einheimste. In ihrem markanten Stakkato ist sie der knorrige, unabhängige Freigeist, der in vielem jünger als ihre Umwelt ist. Dass Neo-Ensemblemitglied Meo Wulf als blondierter Sonderling Harold hier mit dem Charisma seines Gegenübers mithält, kann als große Leistung des 24-jährigen Hamburgers gewertet werden.

Regisseur Fabian Alder, der kurzfristig für den erkrankten Michael Schottenberg eingesprungen war, hält sich bei seiner Arbeit hingegen eher nobel zurück, ermöglicht durch reduziert-naturalistisches Dekor (Hans Kudlich) schnelle Wechsel wie beim Filmschnitt und lässt seinen beiden zentralen Hauptfiguren den Raum, den sie sich verdienen. Dass die übrige Personage dabei mehrheitlich schmückendes, bisweilen hölzern-outrierendes Beiwerk bleibt, ist die Folge.

Aber bei ihrer angekündigt letzten Inszenierung hat das Theaterschlachtross Mangold wohl auch das Recht auf einen größeren Anteil am Rampenlicht. "Was mein Aufhören betrifft, habe ich jetzt wirklich die Nase voll", zeigte sich die Jubilarin nach ihrem Bühnentriumph gewohnt schnoddrig unter stehenden Ovationen des Publikums. Für Mangold-Fans gibt es immerhin bis 25. Juni noch zahlreiche Termine in den Kammerspielen. Und danach bleibt abzuwarten, ob sich Erni Mangold wirklich dauerhaft in ihr Haus im Waldviertel zurückziehen wird und der Prämisse ihrer Figur Maude folgt: "Soll 90 gewesen sein. Die richtige Zeit, um sich davon zu machen."

(S E R V I C E - "Harold und Maude" von Colin Higgins in den Kammerspielen, Rotenturmstraße 20, 1010 Wien. Regie: Fabian Alder, Bühnenbild: Hans Kudlich, Kostüme: Erika Navas. Mit: Erni Mangold - Maude, Meo Wulf - Harold, Martina Stilp - Mrs. Chasen, Oliver Huether - Dr. Mathews/Pater Finnegan/Inspektor Bernard, Silvia Meisterle - Mary/Sylvie/Nancy/Sunshine, Tany Gabriel - Sergeant Doppler. Weitere Aufführungen am 30. und 31. Jänner, 1., 2., 3., 10., 11., 12., 15., 16., 17., 22., 23. und 24. Februar, am 2., 3., 8., 9., 15., 16., 17., 23., 24., 25. und 26. März, am 1., 2., 7., 8., 9., 12., 13., 15., 16., 17., 26., 27. und 28. April, am 3.., 4., 5., 9., 10., 11., 22., 23., 26., 27. und 28. Mai sowie am 8., 9., 12., 13., 16., 17., 18., 23., 24. und am 25. Juni. www.josefstadt.at)

Quelle: APA

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