Kunst

"The Exterminating Angel": Ein Film macht noch keine Oper

Ist "The Exterminating Angel" von Thomas Adès ein starkes Stück oder ein Missverständnis?

"The Exterminating Angel": Ein Film macht noch keine Oper SN/APA/BARBARA GINDL

Liebe macht bisweilen blind: Seit Jugendtagen, so bekannte der heute 45-jährige britische Komponist Thomas Adès, hätten ihn die surrealistischen Kinomeisterwerke Luis Buñuels angezogen. In dem 1962 gedrehten Schwarz-Weiß-Film "El ángel exterminador" ("Der Würgeengel" oder "Der Vernichtungsengel") erkannte er "eine opernhafte Geschichte in sehr reiner Form". Geht das auf?

Eine feine Gesellschaft feiert das Ende einer Opernvorstellung bei einer Party in der luxuriösen Villa von Edmundo und Lucia de Nobile. Künstler sind dabei, darunter die Diva Leticia Maynar, ein Arzt, ein alter Mann, ein junges Liebespaar.

Aus unerklärlichen Gründen aber verlassen die Gäste die Party nicht beizeiten, sondern werden, weshalb auch immer, festgehalten. Keine äußere Gewalt braucht es dazu, sondern es ist gleichsam der innere Zwang, der die Herrschaften trotz offenem Ausgang nicht ausbrechen lässt. Nach und nach verlieren sie Zeit und Raum und Contenance: eine Klaustrophobie der Gefühle, die Buñuel in seinem Film vom Small Talk über sich raffiniert zuspitzende Dialoge in immer unwirklichere Beziehungsgeflechte überführt. Der Alte stirbt, zufrieden, die Unordnung nicht mehr erleben zu müssen, die Liebenden begehen Selbstmord. Sogar ein Blutopfer wird gefordert, ehe es doch einen Ausweg gibt: Erinnerung.

Der Wechsel von innen und außen gliedert den Film gewissermaßen in Akte eines klassischen Dramas, das vom Unheimlichen bestimmt wird: Schafe dringen ein, ein Bär geht durchs Stiegenhaus, und die Hand des toten Alten macht sich halluzinativ selbstständig.

Der Film kommt so gut wie ohne Musik aus. Eine Oper kann sich das naturgemäß nicht leisten. Damit aber verschieben sich die Gewichte entscheidend. Simpel ausgedrückt: Gesungene Dialoge dauern länger als gesprochene; es bleibt kein Platz für assoziative Leerräume oder Stille (aus denen das Geheimnisvolle von Buñuels Film sich wesentlich generiert). Alles muss mit Klang aufgeladen werden. Thomas Adès macht davon reichlich Gebrauch.

Da sich das Libretto, das Tom Cairns in Zusammenarbeit mit dem Komponisten schrieb, sehr eng an das Drehbuch des Films hält, kann man bei der Beurteilung der Veroperung das Original nicht ausblenden. Das Dilemma: Aus konzentrierten 90 Minuten Film wird auf der Opernbühne ein dreiaktiges, auf gut zweieinhalb Stunden ausgewalztes und noch dazu von einer sinnstörenden Pause unterbrochenes Musiktheater, das langweilig-schalen Geschmack hinterlässt.

Adès' Klangsprache baut auf Massivität. Sie setzt alle Figuren permanent unter Starkstrom, gibt ihnen selten Raum zum Atmen, auch wenn - der Komponist versteht schon auch sein Handwerk - kleine Klanginseln für Momente der Beruhigung sorgen: Liebesduette heben sich ab, Mini-Arien umreißen knapp und sanglich einzelne Typen, und Blanca kann ein Stück am Klavier vortragen. Vor allem im ersten Teil aber türmen sich die orchestralen und vokalen Geschehnisse eng und simultan übereinander; die Eruptionen machen besonders den Sopranen in höchsten Regionen zu schaffen. Audrey Luna kommt mit den virtuosen Koloraturspitzen der Opernsängerin Leticia souverän selbst in der Stratosphäre ihrer Partie zurecht, Amanda Echalaz als Gastgeberin Lucia schleudert ihre Hochtöne leider mit Überdruck und durchdringend schriller Lautstärke aus der Kehle.

Natürlich haben die Salzburger Festspiele für ihr Auftragswerk, das Koproduzenten in London, New York und Kopenhagen übernehmen werden, nicht an adäquaten Besetzungen gespart. Anne Sofie von Otter (eine famose Charakterspielerin), Sally Matthews, Sophie Bevan, Christine Rice auf der Damenseite, Charles Workman, Frédéric Antoun, Ed Lyon (als schwärmerischer Liebhaber) und die im besten Sinne unverwüstlichen Recken Thomas Allen (als Dirigent Alberto Roc) und John Tomlinson (als imposanter Arzt) sind ein handverlesenes Ensemble, das andere nachspielende Häuser erst einmal aufbringen müssten.

Aber lohnt sich denn der Aufwand? Da sind Zweifel angebracht. Thomas Adès offeriert auch in seiner dritten Oper eine verbindliche Klangwelt, die man als gemäßigt modern goutieren kann. Diese Musik macht Effekt und scheut in der Bedienung und Anverwandlung probater Muster (wie Walzer, Variationen oder Berceuse) auch den Geruch des Kitsches nicht. Adès nimmt seit je, was er brauchen kann und gehorcht keinem Dogma. Das macht seine Musik konsumierbar. Die Uraufführung fand denn auch jubelnde Zustimmung.

Kraftvoll dirigierte der Komponist selbst das Radio-Symphonieorchester Wien, und auch der Librettist agierte praktischerweise gleich als Regisseur. Tom Cairns ließ sich von Hildegard Bechtler ein dunkel getäfeltes Salonportal und einen silbrig genoppten Kubus bauen. Der Raum spielt so wenig wie die brav textgetreue, geheimnislos biedere Regie, die mehr Arrangement als Tiefenschürfung ist. Wäre da ein distanzierter Blick von außen nicht hilfreicher gewesen?

Deutliche Skepsis bleibt: Wo die Oberfläche mehr zählt als das Geheimnisvolle, das sehr oft banale Getöse mehr als das elaboriert Feine, wird - so man ihn suchte - der Kern der Geschichte verfehlt: das unauflösbare Rätsel fremd-vertrauter, fragiler Beziehungen.

Aufgerufen am 21.11.2018 um 03:10 auf https://www.sn.at/kultur/kunst/the-exterminating-angel-ein-film-macht-noch-keine-oper-1209463

Schlagzeilen