Musik

Aschenputtel wird bittersüß gespielt

Neuerlich ist dem Stadttheater Klagenfurt eine feine Produktion gelungen.

Die frankophone Ader des Intendanten am Stadttheater Klagenfurt schlug diesmal für ein selten gespieltes Werk über ein bekanntes Thema: das Märchen vom Aschenputtel. In der 1895 entstandenen Version von Jules Massenet aber ist "Cendrillon", im Gegensatz etwa zu Rossinis "Cenerentola" oder Prokofieffs Ballett-Klassiker "Cinderella", eine so liebes- wie todessüchtige Fabel mit bittersüßer Belle-Epoque-Morbidezza.
Und so baut folgerichtig Paul Zöllers und Loriana Casagrandes Bühnenbild mit floralen Arabesken, eleganten blauen oder beigen Tapeten und erweitert um raffiniert gezoomte Videoprojektionen einer Pariser Stadtpalais-Fassade auf diesen Pfeilern auf - und zitiert indirekt auch Jugendstilelemente des Klagenfurter Theaters.
Die Eleganz des Stils setzt sich fort in den bourgeoisen Kostümen von Axel Aust, die auf dem Laufsteg der Eitelkeiten, als dem melancholischen Prinzen die Bräute des Adels vorgeführt werden, zum falsch glitzernden und damit fadenscheinigen Partylook verrutschen.
Derartige Brechungen zwischen grotesker Komik, Weltschmerz und träumerisch versonnener Gefühlsonbrunst, zwischen gesellschaftlicher Überdrehtheit und ehrlicher Empfindung verfolgt auch die feinfühlig austarierte Regie von David Hermann: Nobel, distinktiv und dennoch deutlich deutend, ein Märchenstoff am Abgrund, der seine poetischsten Momente im Duett von Cendrillon und Prinz erhält, wenn sie einander nicht sehen, nur hören können.
Da verschmelzen auch zwei feine lyrische Stimmen: der gerade in den sinnend-elegischen Momenten wunderbare aufblühende Sopran von Angela Brower und der prinzliche Mezzo von Virginie Verrez (der Prinz ist bei Massenet eine Hosenrolle). Zum Trio erweitert wird dieses Frauendoppel durch die glockenhelle, traumwandlerisch souverän in höchste Höhen fliegende Koloraturkunst von Olga Dyadiv - eine nachgerade sensationelle Entdeckung. Und zugleich ein Nachweis, wie hochkarätig ein so kleines Haus wie Klagenfurt die Stimmtypen besetzen kann. Das betrifft auch die keifende "komische Alte" (Agnes Zwierko) und den ungelenken Pantoffelheld-Vater (Marian Pop).
Das Kärntner Sinfonieorchester wurde von seinem Chefdirigenten Nicholas Carter neuerlich hervorragend vorbereitet, was sich in präziser Detailarbeit, kollektiv und solistisch, zu erkennen gibt, darüber hinaus aber auch je länger je mehr in idiomatischen Klangvaleurs der vielgestaltig sich oft rasch stilistisch wandelnden Partitur. Lediglich die kompakten Massenszenen geraten noch oft zu holzschnittartig knallig.
Aber geschenkt: Klagenfurt zeigt wieder, was es kann, auf hohem Niveau. Und steuert schon das nächste Abenteuer an: die Uraufführung einer Auftragsoper von Salvatore Sciarrino. Premiere ist am 19. März.

Oper: Cendrillon (Aschenputtel), Märchenoper von Jules Massenet in vier Akten und sechs Bildern, Stadttheater Klagenfurt, bis 31. März 2020.

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