Musik

Bob Dylan in Salzburg: Das Werk steht über allem

Bob Dylan tourt unaufhörlich um die Welt. Nun beehrte die Songwriter-Ikone auch wieder Salzburg mit einem Konzert.

Mehr als 2900 Konzerte in den vergangenen 30 Jahren, von New York bis Bad Reichenhall, von Tokio bis Salzburg, und es geht immer noch weiter: Jahrhundert-Songwriter und Literaturnobelpreisträger Bob Dylan tourt ohne Rast. Der US-Musiker hätte sich zwar längst in den verdienten Ruhestand verabschieden können, aber diese Option stellt sich für den bald 77-Jährigen wohl gar nicht. Und so geht es unaufhörlich darum, ein einzigartiges Werk weiter in den Mehrzweckhallen und Musiktempeln dieser Welt widerhallen zu lassen - so geschehen auch am Freitagabend in der ausverkauften Salzburgarena, die Dylan bereits zum dritten Mal beehrte.

Ein neues Kleid für jedes Lied

Bob Dylan hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seinen Songs laufend neue Kleider zu verpassen: So werden die im kollektiven Musikgedächtnis gespeicherten Klassiker aus den 1960er-Jahren ebenso in alternativen Versionen dargeboten wie Songs neueren Datums. Dies sorgte immer wieder für Verwunderung beim Publikum. Beim Auftritt in der Salzburgarena hatte man den Eindruck, diese Vorgehensweise habe sich unter Konzertgehern mittlerweile so weit herumgesprochen, dass die größten Irritationen nun ausbleiben. Wie immer richtete der Meister kein Wort an die Fans, sondern ließ seine Songs für sich sprechen.

In einem schwarzen Western-Anzug samt schwarzem Hut mit dicker Krempe stand Bob Dylan die meiste Zeit des Konzertes hinter einem schwarzen Flügel, haute in die Tasten und dirigierte so seine fünfköpfige Band, die alle Variationen beherrscht, von zart bis hart, von leise bis laut. Der Schwerpunkt der Setlists liegt schon seit längerem auf den ersten 15 Jahren von Dylans Schaffen sowie auf Alben des Alterswerks - die 20 Jahre dazwischen, etwa von 1977 bis 1996, werden großteils ausgespart. Und so wurde auch den Zuhörern in der Salzburgarena ein Mix aus einigen seiner bekanntesten Songs (sofern man sie erkannte) und neueren Stücken geboten - wobei eben nicht nur die Klassiker ständig neu interpretiert werden, sondern auch aktuellere Lieder.

Ein Meer aus Strophen und Bildern

Während ein Gassenhauer wie "Tangled Up in Blue" nichts von seiner ursprünglichen Leichtigkeit behielt, sondern stampfend und polternd daherkam, wurde aus "Desolation Row" diesmal eine kraftvolle Ballade, die sich von den Gehörgängen direkt ins Herz bohrte. Während sich Dylan bei "Highway 61 Revisited" nicht allzu weit vom Original entfernte, war es am Ende bei "Blowin' in the Wind" nur noch der Text, der das Lied erkennen ließ. Dazwischen streute Bob Dylan, der am Montagabend auch noch in der Wiener Stadthalle gastiert, den ein oder anderen Standard: Coverversionen von "Come Rain or Come Shine" oder "Autumn Leaves" dienten als Auflockerung, als Bindeglieder zwischen Dylans eigenem Meer aus Strophen und musikalischen Bildern.

Ein Gutteil des Konzertes bestand aus gediegenen Darbietungen und gefühlvollen Interpretationen, doch auch dem schleppenden Blues und dem feurigen Rock'n'Roll wurde gefrönt, etwa bei neueren Stücken wie "Early Roman Kings" oder "Thunder on the Mountain". Gesanglich präsentierte sich Dylan durchaus vielseitig, er säuselte, johlte und bellte wie gewohnt, versuchte sich dazwischen aber auch als Crooner mit wärmender Stimme. Einen perfekten Rahmen bildete der aus einem schweren, rotbraunen Vorhang bestehende Bühnenhintergrund, der je nach Lichteffekten mal wie ein Wald und mal wie das Mittelschiff einer Kathedrale wirkte.

Der Mensch verschwindet, das Werk bleibt

Als Bob Dylan 2016 als erster Musiker den Literaturnobelpreis verliehen bekam, war die Aufregung groß, als er sich erst spät dazu äußerte und anstatt den Preis bei der feierlichen Zeremonie persönlich entgegenzunehmen, lieber seine Tour fortsetzte. Doch was hatte man erwartet von einem Mann, der bereits vor mehr als 50 Jahren als Sprachrohr einer ganzen Generation vereinnahmt worden war und damit absolut nichts zu tun haben wollte? Seit jenen Tagen in den 1960er-Jahren hat sich Bob Dylan der Öffentlichkeit bis auf wenige Ausnahmen zur Gänze entzogen, musikalisch schlägt er bis heute immer wieder Haken. Sein Privatleben hält er seit Jahrzehnten unter Verschluss. Nur die Arbeit zählt. Das mitunter gefährliche und in Dylans Augen wohl sinnlose Spiel bestehend aus Medien-Hype und Fan-Hysterie findet ohne Bob Dylan statt. Und das zieht er durch - und stellt sein Werk über alles. Dahinter verschwindet der Mensch, nur noch der Künstler bleibt.

Die Besucher des Konzerts in der Salzburgarena wussten dieses Werk und den Künstler jedenfalls zu schätzen - bei den Zugaben wie "Ballad of a Thin Man" brachen schließlich die Dämme und aus dem bestuhlten, fast klassisch anmutenden Konzert wurde doch noch ein Steh-Rockkonzert. Am Ende richtete sich Bob Dylan mit einer kecken Geste ans Publikum, die man gleichsam als Segnung und als Dankeschön interpretieren konnte. Und nun es geht weiter. In die nächste Stadt. Und dann in die nächste. Und immer weiter.

www.bobdylan.com

Setlist - Salzburgarena, 13.4.2018:

1. Things Have Changed
2. Don't Think Twice, It's All Right
3. Highway 61 Revisited
4. Simple Twist of Fate
5. Duquesne Whistle
6. Melancholy Mood (Frank Sinatra Cover)
7. Honest With Me
8. Tryin' to Get to Heaven
9. Come Rain or Come Shine (Harold Arlen & Johnny Mercer Cover)
10. Pay in Blood
11. Tangled Up in Blue
12. Early Roman Kings
13. Desolation Row
14. Love Sick
15. Autumn Leaves (Yves Montand Cover)
16. Thunder on the Mountain
17. Soon After Midnight
18. Long and Wasted Years
Zugaben:
19. Blowin' in the Wind
20. Ballad of a Thin Man

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