Musik

Das Musiktheater wagt große Entwürfe

Wie soll man die Kunstform Oper voranbringen? Die Staatsoper Stuttgart führt auf einen spannenden Weg.

Wenn das Salzburger Landestheater auf einer Tagung Ende März die Frage stellt, ob es im Sprech- und Musiktheater noch eines verbindlichen "Kanons" bedarf, an dem man sich bildungsbürgerlich orientieren können sollte, dann ist diese Frage für die Oper wohl leichter zu beantworten als für die übrigen Sparten. Die Kunstform ist mit rund 500 Jahren noch relativ jung, die immer wieder reproduzierten "Meisterwerke" von Monteverdi bis Alban Berg bilden eine überschaubare Größe. Das wirft die Frage auf, ob man einem solchen "Kanon" neue Formen entgegensetzen, sprich: Oper in den gesellschaftlichen und ästhetischen Bedingungen des 21. Jahrhunderts neu bestimmen sollte.

Viele Opernhäuser und Musiktheatersparten zeigen sowohl Lust an Ausgrabungen von Raritäten wie Mut zu Novitäten; man braucht sich nur aktuelle Spielpläne wie jene des Theaters an der Wien, der Grazer Oper oder des Stadttheaters Klagenfurt anzuschauen. Darüber hinaus gibt es eine Tendenz, die gleichsam repertoiretauglich festgelegte Form der Oper aufzubrechen, auch wenn die "Dekonstruktion" bei Weitem nicht so weit geht, wie es im Schauspiel längst üblich ist: das "Meisterwerk" als Steinbruch, dessen Teile man neu zusammensetzen (oder uminterpretieren) kann.

In der Oper steht dem vielfach die geschlossene Dramaturgie von Text und (festgeschriebener) Musik noch unantastbar entgegen. Neues wagte lediglich vor einigen Jahren der Regisseur David Marton, als er im Auftrag der Münchner Kammerspiele Bellinis "Sonnambula" und Mozarts "Figaro" als Material eigener Musiktheater-Kreationen ausschlachtete und zu intelligenten neuen Formaten fand: Oper als offener Assoziationsraum.

Bemerkenswerte Wege zwischen Tradition und Innovation geht derzeit die Staatsoper Stuttgart. Im zweiten Jahr ist dort Viktor Schoner Intendant. Er kommt aus der "Schule" Gerard Mortiers, war lange Zeit künstlerischer Betriebschef der Bayerischen Staatsoper und zeigt nun in seiner ersten eigenverantwortlichen Intendanz Mut und Konsequenz. Mit Sorgfalt pflegt er das "historische" Repertoire eines der bedeutendsten Opernhäuser Deutschlands, setzt aber mit seinen Neuproduktionen Impulse der Weiterentwicklung der Oper.

Er erweitert mit Installationen bildender Künstler (demnächst Aernout Mik für Hans Zenders "Winterreise") und spartenübergreifenden Performance-Aktivitäten (Brecht/Weills "Sieben Todsünden" mit Popikone Peaches gehen in die zweite Spielzeit und sind Kult) den Resonanzraum des Musiktheaters. Zudem setzt er in dieser Spielzeit auf ungewöhnliche Kombinationen: Im Juni wird Mascagnis "Cavalleria rusticana" nicht mit den unvermeidlichen "Pagliacci" zusammengespannt, sondern mit Salvatore Sciarrinos modernem Eifersuchtsdrama im Kleid einer Renaissancefantasie über Gesualdo, den Grafen von Venosa, "Luci mie traditrici".

Ein kolossales Verschränkungsprojekt steht derzeit auf dem Spielplan: Mussorgskis "Boris Godunow" in der kantigen, ungeschönten, einer offenen Erzähldramaturgie folgenden Urfassung von 1869 wird "durchschossen" von Intermezzi, die der zeitgenössische Moskauer Komponist Sergej Newski als Auftragswerk aus romanhaft montierten Biografien von Swetlana Alexijewitsch zu einem vielstimmigen eigenen Gewebe verbunden hat. Die weißrussische Nobelpreisträgerin lässt in "Secondhand-Zeit" Menschen zu Wort kommen, die "auf den Trümmern des Sozialismus" authentisch ihren schicksalhaften Weg beschreiben: die Mutter des Selbstmörders, den jüdischen Partisan, den Obdachlosen, die Geflüchtete, die politische Aktivistin, die Frau eines Kollaborateurs - ein Geschichtspanorama von erschreckender Gegenwärtigkeit. Der Mensch in der Geschichte, die Geschichte im Individuum, gestern und heute: ein starkes, verbindendes Motiv der Werke.

Faszinierend ist, wie sich die musikalische Idiomatik Mussorgskis, ohnedies kühn und modern für seine Zeit, mit der neuen, aber nicht zu avancierten Musiksprache Newskis verbindet, ohne dass der eine dem anderen sozusagen die Schau stiehlt. Glänzend ist, wie der famose Dirigent Titus Engel die Stränge ohne krampfhafte "Behauptung" zueinander in Beziehung setzt, herausragend wird die sängerische Gratwanderung als idiomatisch phänomenale Ensemblequalität hör- und sichtbar (exzellent: Adam Palka als Boris und Matthias Klink als Schuiski), einzigartig agiert wieder einmal der Stuttgarter Chor.

Dass Regisseur Paul-Georg Dittrich, ein bildgewaltiger junger Bühnenvisionär, mit seinem neunköpfigen Szeneteam noch eine Assoziationsfülle aus symbolischen Attributen, Zeitsprüngen und permanenter Videoüberflutung drüberstülpt, ist allerdings zu viel des Guten (und der guten Absichten). Eine stringentere Bühnenform, eine fokussiertere Dramaturgie hätte die vier überwältigenden Spielstunden womöglich weniger rätselhaft erscheinen lassen. Über dem Versuch der permanenten Dechiffrierung der Vorgänge verliert man zu schnell den Faden, die Herausforderung wird zur Überforderung. Gleichwohl: Stuttgart befördert mit einem wichtigen, großen Abend die Diskussion über relevantes Musiktheater heute entscheidend.

Oper: "Boris", Urfassung von "Boris Godunow" von Modest Mussorgski und "Secondhand-Zeit" von Sergej Newski nach Texten von Swetlana Alexijewitsch, Staatsoper Stuttgart, bis 13. April.

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