Musik

"Die Passagierin" an der Oper Graz: Die Gespenster der Vergangenheit kommen wieder

Mit Mieczyslaw Weinbergs bewegendem Hauptwerk "Die Passagierin" über die Erinnerungen einer ehemaligen KZ-Aufseherin gelingt der Grazer Oper ein wichtiger, großer Abend.

Geiger Tadeuz (Markus Butter) ist im Lager den SS-Schergen ausgeliefert. SN/oper graz/werner kmetitsch
Geiger Tadeuz (Markus Butter) ist im Lager den SS-Schergen ausgeliefert.

Der polnisch-sowjetische Komponist Mieczyslaw Weinberg zählte bis vor kurzem zu den großen Unbekannten der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, obwohl er schier unablässig Musik produzierte, spielend und komponierend. Weinberg war ein doppelt Verfolgter: Zunächst floh er vor den Nazis von Warschau nach Moskau und Taschkent, dann wurde er als Jude auch noch von den Schergen Stalins verfolgt und knapp vor dessen Tod inhaftiert. Mag sein, dass seine Zurückhaltung gegenüber dem gesellschaftlichen Leben, seine Schüchtern- und seine Bescheidenheit, seine persönliche Abkapselung mit dazu beitrugen, dass auch das Werk lange Zeit hintanstand.

Jedenfalls war es ein Paukenschlag, als vor zehn Jahren die Bregenzer Festspiele Weinbergs Hauptwerk, die Oper "Die Passagierin", szenisch uraufführten. Weinberg selbst konnte sein 1968 vollendetes Werk nie hören, konzertant erklang es erstmals 2006 in Moskau, zehn Jahre nach dem Tod des Komponisten. Seit Bregenz aber macht es - wie auch andere Musik dieses versatilen, vielseitigen Tonschöpfers, für den sich unter anderen der Geiger Gidon Kremer und die Dirigentin Mirga Grazynite-Tyla vehement einsetzen - seinen Weg. Die Erstaufführung an der Grazer Oper fiel knapp dem Corona-Lockdown zum Opfer, die damalige Chefdirigentin Oksana Lyniv wird aber jetzt einige Vorstellungen der am Freitag nachgeholten Premiere leiten. Das erste Wort indessen lag nun bei Lynivs Nachfolger Roland Kluttig.

"Die Passagierin" beruht auf einem Roman von Zofia Posmysz, die heute noch, 97-jährig, in Warschau lebt und bis vor kurzem jeder Premiere der Oper beiwohnen konnte. Das Werk erzählt von der ehemaligen KZ-Aufseherin Lisa Franz, die in Auschwitz die polnische Gefangene Marta zu ihrer Vertrauten machte, sie aber - man hat ja nur seine Pflicht getan - letztlich doch in den Todesblock schickte. Zwei Jahrzehnte später - Lisa ist mit ihrem Diplomatengatten Walter auf der Überfahrt nach Brasilien - meint sie, just diese Gefangene als Passagierin auf dem Schiff wiederzuerkennen. Ob sie es wirklich ist, bleibt bis zuletzt in Schwebe, setzt aber Erinnerungen frei, die in assoziativen Zeitüberblendungen ein beklemmendes Panorama eröffnen.

Die Gespenster der Vergangenheit werden lebendig, und Weinberg findet dafür eine faszinierend multiperspektivische, einmal episch breite, dann wieder schneidend scharfe, fratzenhaft grelle Musik, dunkel, lastend, dann wieder von gläserner Transparenz, lyrischer Innigkeit und bewegend zarter Schlichtheit. Volksliedhaftes vermengt sich mit musikhistorischen Zitaten, und die Montagetechnik erinnert nicht selten an Schostakowitsch, der die Oper seines Freundes emphatisch eine "Hymne an den Menschen" nannte.

In der Grazer Interpretation durch das famos vorbereitete Orchester ist es gerade der Blick auf die unzähligen solistischen Details, die eine besondere Tiefenschärfe und Unbedingtheit erzeugen. Roland Kluttig scheint auf diese sorgfältig aufgeschüsselten strukturellen Elemente besonderen Wert gelegt zu haben. Großartig quasi aus dem Wort - es wird je nach Erzählebene deutsch, polnisch, französisch, tschechisch, jiddisch, russisch und englisch gesungen - und auf den Punkt authentisch gestalten auch die Protagonistinnen ihre Parts, Dshamilja Kaiser als Lisa, Nadja Stefanoff als Marta und ihr in jeder Stimme berührendes Mitgefangenen-Sextett. Will Hartmann als Diplomatengatte Walter und Markus Butter als Martas ebenfalls internierter Geliebter Tadeusz, ein Geiger, der es wagt, dem Lagerkommandanten statt seines Lieblingswalzers die Chaconne von Bach vorzuspielen und dafür sofort mit dem Tod bezahlt, erfüllen die Männerpartien mit eigenem Profil. Nicht aus den Augen lassen kann man eine stumme Figur, die Regisseurin Nadja Loschky hinzugefügt hat: die alte Lisa, die wie eine Spielmacherin aus der Gegenwart auf ihre Geschichte schaut und sie erinnernd arrangiert. Isabella Albrecht trägt verblüffend ähnliche Züge mit der Autorin Zofia Posmysz.

So multiperspektivisch wie die Musik ist auch die außerordentlich behutsame, genaue, jedem Klischee abholde Inszenierung angelegt: als episodenhafte, sich überlagernde, verschwimmende, immer wieder albtraumhaft gebrochene Kette von Erinnerungen, diffus und zugleich konkret genug, ein irritierendes Vexierspiel, das im raffiniert sich wandelnden, grauen Einheitsraum von Etienne Pluss, situationsklar ausgeleuchtet von Sebastian Alphons, und den zeittypisch präsent charakterisierenden Kostümen von Irina Spreckelmeyer seine passgenaue bildlich-szenische Entsprechung findet: Teamwork von bemerkenswerter Homogenität.

Die Grazer Oper jedenfalls eröffnete diese für alle Theater so besondere Saison mit einem nachhaltig starken Zeichen: ein wichtiger, großer Abend.

Oper:"Die Passagierin", Oper Graz, Aufführungen bis 11.12.

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