Musik

"Die verkaufte Braut": weit mehr als eine Spieloper

Die Bayerische Staatsoper in München macht aus einem vermeintlich "kleinen" Stück ein bedeutendes Werk.

Hand aufs Herz, liebe Opernfreunde: Wann haben Sie zuletzt "Die verkaufte Braut" gesehen? Bedrich Smetanas komische Oper von 1866 zählte noch vor zehn, zwanzig Jahren zum eisernen Repertoirebestand von Stadttheatern, zusammen mit heute ebenso (fast) vergessenen Werken wie Lortzings "Zar und Zimmermann" oder dessen "Wildschütz" oder Otto Nicolais "Lustigen Weibern von Windsor". Man summierte diese Werke unter dem Stichwort "Spieloper" - und verniedlichte damit zugleich ihren Anspruch. Denn "leicht" zu haben, noch gar zu erarbeiten sind diese Werke beileibe nicht.
Es musste, im Sommer 2011, wieder einmal Nikolaus Harnoncourt kommen, um damals bei seinem Grazer Festival "styriarte" nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass "Die verkaufte Braut" kein folkloristischer Dorf(fest)spaß und schon gar keine Bauernkomödie ist, sondern eine von elegischen und melancholischen Momenten mehr als nur durchzogene, von sozialen und menschlichen Verletzungen geprägte bittere "comédie humaine".
Ganz so weit geht die nun an der Bayerischen Staatsoper in München in den Spielplan genommene Neuinszenierung nicht. Sehr wohl aber darf man sich daran erfreuen, wie ernst das hier in der einst geläufigen deutschen Übersetzung von Max Kalbeck gegebene Stück genommen wird. Und staunen, wie sehr es erst auf einer großen Bühne seine Qualitäten entfalten kann. Bis in die kleinste Rolle (der Auftritt der reisenden Komödianten und die Zirkusepisode im 3. Akt) bietet München eine exzellent typengerecht ausgewählte Besetzung auf, und die Regie von David Bösch spart auf und über dem bildbeherrschenden Misthaufen des Ausstatters Patrick Bannwart nicht an pittoresken Effekten. Das ist wirklich beeindruckende "große" Oper.
Der (oft zu) viel beschäftigte Regisseur geht saftig und deftig, aber nie sentimental oder derb zu Werke, fokussiert den von Hans zum Eigennutz getätigten Brautverkauf seiner Geliebten Marie an den Heiratsvermittler Kezal auf ein tragikomisches Liebesdrama, spitzt das Drumherum mit Geschmack und doch griffiger Direktheit auf eine surreale Groteske zu. Es entsteht also kein heiteres Bilderbuch-Böhmen, sondern eine im Grunde düstere, grimmige, dadurch aber durchaus werkgerechte (Seelen-)Landschaft.
Die größte sängerische und darstellerische Überraschung bietet dabei die Marie von Selene Zanetti. Die frisch vom Opernstudio ins Ensemble gekommene, für die werdende Mutter Christiane Karg eingesprungene Sopranistin ist keine stereotyp blondlockige Unschuld vom Lande, sondern ein resolutes Mädel, das seine Rechte an der wahren Liebe mit ehrlichem Nachdruck, Konsequenz und auch einmal handgreiflicher Vehemenz zu verteidigen sucht. Sie steht mit beiden Beinen in einer gar nicht netten Welt. Selene Zanetti beglaubigt das mit einer dunklen, golden aufstrahlenden und zu erstaunlichen Valeurs befähigten, zugleich kräftig geerdeten lyrischen Stimme, die bei sorgsamer Pflege große Zukunft haben sollte.
Leider bleibt der Hans an ihrer Seite allzu blass: Pavol Breslik scheint sich womöglich in einer tenoralen Krise zu befinden. Umso mehr räumt der österreichische Bassbariton Günther Groissböck, Bayreuths künftiger Wotan, ab. Er fläzt auch mit imposanten vokalen Mitteln einen schleimigen, schwarz gegelten Strizzi in weißem Anzug und bis zum Nabel offenen roten Hemd ins Heu und ins permanent griffbereite Handy, um seine großspurigen, offenbar international vernetzten Brautvermittlungsaktionen zu vermarkten: furios gestaltet und gesungen, tragisch düpiert.
Wie sorgsam die Regie zu Werke ging, erweist sich besonders schön an der klassischen Stottererrolle des beschränkten (und ausgenutzten) Wenzel, den weder der Regisseur noch gar der wunderbar zurückhaltend, aber präzise agierende Charaktertenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke an den billigen Klamauk verraten: ein bemitleidenswerter, von einem echten aufgemascherlten Schwein begleiteter Außenseiter, der zum guten Ende dennoch seine Rolle findet.
Was man sich wünschen würde: eine weniger groß- und grobflächige orchestrale Gestaltung, auch wenn vom Vivacissimo-Beginn der Ouverture weg brillant musiziert wird. Aber Tomás Hanus am Pult ist dann doch mehr stämmiger Kapellmeister als feinsinniger Klangregisseur, der ein Meisterwerk zum Funkeln bringen könnte.

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