Musik

Im Tanz verliert das Märchen sein Geheimnis

Christian Spuck überformt Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" in Zürich mit Körperbildern.

"Dieses Stück ist Ramsch", so vernichtete nach seitenlangen Sottisen gegen Werk und Schöpfer der "Spiegel"-Musikkritiker Klaus Umbach anno 1997 Helmut Lachenmanns Musiktheater "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" nach seiner Uraufführung in einem apodiktischen Schlusssatz. Nicht erst 22 Jahre später, also jetzt, bleibt diese "Musik in Bildern" dennoch neben Luigi Nonos "Prometeo" das vielleicht wichtigste Opern-Bühnenwerk der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus. Auch Kritiker dürfen irren.

Jede Bebilderung dieses Musiktheaters ist ein Drahtseilakt. Man kann Farbenspiele zeigen oder einfach die Leere, man kann eine szenische Installation einrichten oder eine Filmstimmung erzeugen, abstrakte Räume oder symbolhafte Aufladungen schaffen. So weit wie jetzt in eine Überführung in ein Handlungsballett ist man wohl noch nicht gegangen. In Zürich offeriert Ballettchef Christian Spuck mit seiner (inklusive Junior Ballett) beneidenswert großen, tänzerisch formidabel agierenden, gut 50-köpfigen Compagnie die "choreografische Uraufführung". Das gibt Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" eine völlig andere Gewichtung. Das grundlegende Problem: Das Märchen (nach Hans Christian Andersen) verliert seine Zartheit, seine schwebende Grazie, schlichtweg: sein Geheimnis. So paradox das klingen mag: Der Tanz rückt dieses immer noch rätselhafte Musiktheater in Richtung Oper.

Dazu trägt im vergleichsweise intimen Opernhaus in Zürich auch der direktere Klang des fantastisch gut geschulten Orchesters bei. Wie für den Raumklang vorgesehen, staffeln sich Instrumentalisten und Madrigalisten über die Logen bis in die Ränge. Außer zwei exponierten Sopranen und einem Sprecher, den auch in Zürich der 84-jährige Komponist mit staunenswerter Agilität zum Erlebnis eigener Art macht, gibt es keine "Rollen". Souverän und unbestechlich kenntnisreich werden die Interpreten von Matthias Hermann koordiniert, erzeugen eine dichte, gelegentlich aber auch sehr kompakte, zuweilen durchaus (an)griffige Atmosphäre.

Die Körpersprache, die Christian Spuck erfindet, konkretisiert diese Atmosphäre. Es gibt betörend schöne Bilder, eine schwarze Männerkörperschlange beispielsweise, die das Mädchen (das auch zuweilen multipliziert wird) hauchzart fliegen lässt, Pas de deux voller Anmut, "Viererketten" von kräftiger, letztlich aber doch nur dekorativer Energie, grotesk überformte Gesellschaftsszenen, die die bis auf ein paar Schieferwände leere Bühne (Rufus Didwiszus) immer neu bevölkern. Aber lernt dadurch, wie der Choreograf es wünscht, das Auge auch hören? Vielleicht ist es ja eine Geschmacksfrage, aber die visuellen Reize überfrachten das fragile Klanggebilde dieser Riesenpartitur, die nie etwas Riesenhaftes an sich hat.

Man möchte während der pausenlosen zwei Stunden gern auch einmal in Ruhe gelassen werden, um ganz allein eintauchen zu können in Klang und Stille, Ton und Geräusch dieser so eigenen Märchen-Welt. So wie im beklemmenden Finale: wenn das Mädchen mit klamm erstarrten Fingern auf leerer Bühne erfriert zu den so nahen und doch so fern entrückten Tönen der Sho, der japanischen Mundorgel, und nur ein immer weiter ersterbendes Klopfen das Erlöschen des Lebens, das Aussetzen des Herzschlags anzeigt. Dieser Schluss ist tränenrührend unvergleichlich. Und wie von selbst wird dabei jede Kritik zu nichts anderem als - Ramsch.


Oper: "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern". Opernhaus Zürich. Vorstellungen bis 14. 11.

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Aufgerufen am 17.01.2022 um 01:39 auf https://www.sn.at/kultur/musik/im-tanz-verliert-das-maerchen-sein-geheimnis-78037654

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