Musik

Pfeif ma oans! Alte Instrumente werden in Abersee wiederbelebt

Zum Schwegeln genügen a Pfeiferl im Sack und Liadl im Kopf. Nur wie tut man das?

Hermann und Sieglinde Schiendorfer schwegeln in Abersee.  SN/volksliedwerk/barbara humer
Hermann und Sieglinde Schiendorfer schwegeln in Abersee.

Er schwegelt, ich schwegle, wir schwegeln. Nicht schwelgen und nicht schweigen war drei Tage lang angesagt, sondern schwegeln. Das Instrument dafür ist nicht der oder das Schwegel, sondern die Schwegel. "Der Schwegel" sagen nur Ahnungslose und Ewiggestrige, die irgendeine Uraltmusik originalgetreu wiederbeleben. Diese sind beim Schwegel-Seminar des Salzburger Volksliedwerks in Abersee nicht gern gesehen, denn hier geht es um frische, "neiche Musi". Aber die Noch-Ahnungslosen mag man gern, solange sie "die Schwegel" sagen. Wer vier fortgeschrittenen Schweglern beim Prenninger Galopp und bei der Kuckuck-Polka zuhören - nein! "zualosn" - mag, bekommt gleich eine Trommel zwischen die Knie und zwei Schlegel in die Hände: "zum Mitspü".

Mit einem seit Wochen ausgebuchten Seminar wie diesem belebt das Salzburger Volksliedwerk Musiktraditionen, die vor einigen Jahren dank der Initiative einzelner Musikanten vor dem Aussterben gerettet worden sind. Die Schwegel gehört ebenso dazu wie der Fotzhobel, samt Paschen und Trommeln. Freilich gibt's an den drei Tagen auch Unterricht für das allseits Beliebte - Singen und Ziehharmonika, also "Zugin"; und getanzt wird am Abend auch.

Gemeinsam ist dem allen: Ohne Noten! Wer auswendig singe und spiele, könne die Musik "anders ummerbringen", sagt Roswitha Meikl, Vorsitzende des Salzburger Volksliedwerkes, und eine Initiatorin und Leiterin des Aberseer Seminars. "Wir sind alle so visuell fixiert, dass das Hören und das Nachmusizieren verkümmern." Dabei sind viele Melodien, auch wenn mittlerweile notiert, über Jahrhunderte mündlich tradiert worden. Genau diese Art von Lernen und Weitergeben wurde am vorigen Wochenende in Abersee gepflegt.

Dieses Seminar hatte noch eine Besonderheit: Alle Referenten seien aus der Gegend um den Wolfgangsee, sagt Roswitha Meikl. Und keiner sei "geprüfter Musiklehrer". Viele haben bloß von anderen abgeschaut, wie den Pfeifen und Fotzhobeln Melodien zu entlocken sind. Und einige Referenten können gar keine Noten lesen.

Diese simplen, oft von moderneren Blasinstrumenten verdrängten "Hosensackinstrumente" wie Schwegelpfeifen und Fotzhobeln haben im Salzkammergut länger überdauert als in anderen Gegenden; und wie bei den Jodlern gibt es auch für diese Gegend, ja, fast für jeden Ort, typische Pfeiferlweisen. Der Schwegel-Höhepunkt des Jahres wird der 15. August. Seit 1925 findet am Hochfrauentag ein "Pfeiferltag" auf einer der Almen statt, zu dem alle Schwegler der Gegend sich zum Musizieren einfinden.

Wer das Schwegeln lernen mag, braucht einen anderen Schwegler, der vorspielt. Man lost und spielt nach. Wie andere auf Noten schauen, schaut der eine Schwegler dem anderen auf die Finger. Wird die eine Stimme gekonnt, legt der Lehrer eine andere drüber oder drunter.

Doch wie bekommt man aus dieser Pfeife den ersten Ton? "Da Lois håt gsogt, stö'ts eich vor, ihr håbts a Breserl und woits as wegblosn." So gibt Markus Helminger, der übrigens seit vielen Jahren die Hirtenkinder fürs Adventsingen unterrichtet, an jetzige Anfänger jenen Tipp weiter, der ihm als 11- oder 12-Jährigem auf seiner ersten Pfeiferlwoche in Hinterstoder zum ersten Ton verholfen hat. Sein damaliger Lehrer war der legendäre Blå-Lois, mit wirklichem Namen Blamberger Alois (1912-1989), der einer der Erneuerer des Schwegelns war und sogar "Pfeifervater" genannt wurde.

Die Schwegel ist eine Querflöte, daher auch Seitlpfeife oder Zwerchpfeife genannt, die so simpel ist, dass sie nur aus einem Rohr und sieben Löchern besteht - eines zum Einiblåsen, sechs zum Zudrücken. Mit Überblasen ergibt das zwei Oktaven. Markus Helminger hat auf einem Tisch eine Bohrmaschine aufgeschraubt und vom Baumarkt einige auf Längen von je etwa zwei Handspannen zugeschnittene Wasserleitungsrohre mitgebracht. Anhand eines kleinen Plans zeichnet er Punkte für Löcher an. Die Maße für eine C-Schwegel habe er noch von Pater Venerand, einem Salzburger Franziskaner, der üblicherweise an der Pforte gesessen sei, erzählt Markus Helminger. Der habe aus Hollerstauden Äste herausgeschnitten, das Mark herausgedrückt und Löcher hineingeschnitten. Doch sobald der Ast trocken geworden sei, sei so eine Schwegel krumm geworden. Beim Plastikrohr aus dem Bauhaus passiert das nicht. So bohrt Markus Helminger mit der Maschine fein säuberlich sieben Löcher - zwei mit 8,5 Millimeter, fünf mit 6,5 Millimeter. Er schmirgelt sie glatt, verschließt das Ende des Rohrs nahe dem Blasloch mit einem Korken - und die C-Schwegel ist spielbereit.

Freilich sind die üblichen Instrumente aus Holz - sei's Birne, Zwetschge, Olive oder Palisander. Doch egal ob Holz oder Plastik: Der Bröserl-Schmäh vom Blå-Lois hilft, und Markus Helminger triumphiert: "Der Ton ist da! Jetzt spielen wir gleich einen Jodler." Er spielt vor, die Anfänger hören zu, er spielt weiter, und die Anfänger tasten sich an die aus zwei zerlegten Dur-Dreiklängen gebaute Melodie heran. Tatsächlich: Es geht ohne Noten!

Mit der zweiten Stimme geht's ans "Füreinander spielen" - so heißt's, wenn einer den Dreiklang von unten hinauf und der zweite von oben herunterspielt. Nach ein paar Malen kommt Schwung in die Stücke, die meist aus vier- oder fünftaktigen Motiven zusammengesetzt sind. "Diese Gangerl sand's, auf die's ankommt", sagt Markus Helminger. Und: "Es muss rinnen!"

A propos rinnen: Wenn einer sagt "Du spielst wie die Krimmler Wasserfälle", ist das kein Lob. Es bedeutet auch nicht, die Töne wären zu laut. Sondern es rauscht. Vor allem tiefe Töne werden gerne heiser. Da hilft: "Ned letschert dasitzen", firi und auffi schauen, halt nicht in Noten! Den Atem stützen, 's Pfeiferl waagrecht halten! Sind alle Löcher ganz zu? Und gscheit einiblåsn!

Auch wenn der erste Jodler gleich einmal daherkommt, ist die Schwegel nicht zu unterschätzen. Je nach Einblaswinkel lässt sich ein Ton um bis zu einen Halbton modellieren. Das heißt: Sie ließe sich theoretisch so exakt spielen wie jedes Konzertinstrument. Dem halten aber einige Schwegler entgegen: Ja mei, Pfeifen sei wie vieles im Leben - nicht perfekt, aber lustig!

Theoretisch lassen sich alle Halbtonschritte spielen. Aber für einige müsste man Löcher halb verschließen - das ist diffizil. Folglich gibt es Schwegel in allerlei Tonarten - A-Schwegel, C-Schwegel oder in d1 oder d2. Man wählt, was in der jeweiligen Gegend üblich ist, ob's hoch oder tief klingen soll und mit wem man musiziert - ob mit einem Fotzhobel in G oder mit einer Zugin in B-Es-As-Des. Und wenn es heißt: Wir spielen ein g, so bedeutet dies: 3 Löcher zu - egal ob mit Es-, F- oder H-Pfeife. Wer ohne Noten spielt, den irritiert das kaum.

Zudem gehört notenfreies Spiel zur Schwegler-Ehre. Wer's nicht tut, von dem sagen die anderen abfällig: "Ohne Kugerl is die erledigt!"

Doch im Zimmer von Schwegellehrer Christian Amon ist die Welt anders. Da stehen Laptop und Drucker. Was spuckt der aus? Noten!! Am Samstagnachmittag sitzen da vier Edel-Schwegler samt Noten um den Tisch. Die pfeifen so schnell, so virtuos und mit so vielen Verzierungen, als wären sie bei Jean-Baptiste Lully oder Georg Philipp Telemann im Seminar. Am Sonntag spielt in dieser erlesenen Runde auch Markus Helminger. Aber siehe da! Der Schüler vom Blå-Lois spielt ebenso kunstvoll und flott, aber immer mit Blick auf Finger oder Augen eines Mitspielers und ohne Noten.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 02:25 auf https://www.sn.at/kultur/musik/pfeif-ma-oans-alte-instrumente-werden-in-abersee-wiederbelebt-26492842

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