Musik

Pop ließ die Mauer bröckeln

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Im Spannungsfeld von West und Ost entstanden große Alben ebenso wie sentimentale Hymnen. Ein Überblick von U2 bis David Hasselhoff.

David Hasselhoff bei einem Pressetermin in Berlin SN/afp
David Hasselhoff bei einem Pressetermin in Berlin

Als er kürzlich für einen Pressetermin nach Berlin reiste, wurde David Hasselhoff mit einem Hupkonzert begrüßt. Mit seiner Vergangenheit als Hauptdarsteller der TV-Serie "Knight Rider" hatte das nichts zu tun. Die hupenden Fahrzeuge waren keine Zukunftsgefährte wie Hasselhoffs einstiger hochtechnisierter Serienpartner K.I.T.T., sondern Autos mit Nostalgiewert: Zehn Trabis stimmten die Melodie von Hasselhoffs Hit "Looking for Freedom" an. Welche Bedeutung das Lied habe, sei ihm vor 30 Jahren selbst nicht bewusst gewesen, sagte der US-Promi.

1989 hatte er den Song des Schlagerproduzenten Jack White neu aufgenommen. Dass er in Hasselhoffs Version zur meistverkauften Single in Deutschland wurde, hatte viel mit den damals aktuellen Ereignissen zu tun. Die Suche nach Freiheit passte als Hymne zu dem Jahr, in dem die Mauer fiel.

In einen Trabi quetschte sich zur gleichen Zeit auch eine Band, die pophistorisch freilich in einer anderen Liga spielt: U2 begannen in den Berliner Hansa-Studios 1989 mit den Aufnahmen für ihr Album "Achtung Baby". Das Cover zeigt Bono und Co. nicht nur im DDR-Gefährt, sondern an verschiedenen Schauplätzen in Berlin. Für U2 bedeutete das Album musikalisch zugleich einen Umbruch und eine Wiedervereinigung nach der Band-Krise. Mit Songs wie "Zoo Station" gilt es heute aber auch als eines der stärksten Zeugnisse dafür, wie sehr die Berliner Mauer als Motiv die Popmusik beeinflusst hat - sowohl vor wie auch nach dem Fall.

Das prominenteste Beispiel war noch mitten im Kalten Krieg ebenfalls in den Hansa-Studios entstanden. Den Blick aus den Studiofenstern auf die Berliner Mauer hatte David Bowie 1977 in seinem Song "Heroes" verarbeitet. Von einem Paar, das an der kalten Mauer steht, während Schüsse die Luft zerreißen, sang der britische Popstar in seiner Berliner Phase. Als Hymne auf zwei Liebende aus Ost- und Westdeutschland wurde der Song seither gehört, auch wenn die eigentliche Inspiration der Produzent Tony Visconti lieferte, der eine Aufnahmepause zum Rendezvous mit einer Backgroundsängerin nutzte.

Als Bowie 1987 in Berlin vor dem Reichstag auftrat und "Heroes" spielte, forderten Tausende Fans auf der anderen Seite den Abriss der Mauer. Daran erinnerte das deutsche Auswärtige Amt auch, als Bowie 2016 starb: "Thank you for helping to bring down the wall."

Auch Depeche Mode hatten eine stilprägende (West-)Berliner Zeit. In den zwischen 1983 und 1986 entstandenen Alben vollzogen die Briten den Wandel vom Synthie-Pop zu einem düsteren, von industriellem Maschinenklang durchsetzten Sound. Ein wichtiger Einfluss war Produzent Gareth Jones, der in den Hansa-Studios gleichzeitig mit den Einstürzenden Neubauten arbeitete. Im Text des Hits "People Are People" von Songwriter Martin Gore kann man Verweise auf die Situation im geteilten Berlin erkennen: "It's obvious you hate me/ though I've done nothing wrong/I never even met you/so what could I have done." Eine breite Fanbasis bildete sich auch hier auf der anderen Seite der Mauer: 1988 gaben Depeche Mode ein legendäres Konzert in Ostberlin - eingefädelt von der SED-Jugendorganisation FDJ. Die Genossen vergaben die 6000 Karten an regimetreue DDR-Bürger, viele Fans gingen leer aus.

Rund 300.000 Rockfans aus Ost und West trafen sich hingegen im Juli 1990 am Potsdamer Platz, als Bassist Roger Waters das Konzeptalbum "The Wall" an historischer Stelle als gigantische Live-Performance wiederbelebte. Anstatt seiner alten Kollegen von Pink Floyd interpretierten - fünf Jahre nach Waters' Ausstieg aus der Band samt juristischen Streitigkeiten - Stars wie Bryan Adams, Sinéad O'Connor oder Van Morrison die Songs des 1979 erschienenen Doppelalbums. Am Ende bröckelte die Mauer auf der Bühne nicht nur, sie fiel spektakulär in sich zusammen.

Auch The Scorpions waren Teil dieses Gipfels in Berlin. Der größte Hit der Hardrocker wurde wenige Monate später zur inoffiziellen Hymne der Wende: "Wind of Change". Bis heute darf die Ballade bei keiner Mauerfall-Doku fehlen. Klaus Meine schrieb den Song - inspiriert durch einen Auftritt in Moskau - jedoch bereits im September 1989, was ihm eine prophetische Aura verleiht. "Take me to the magic of the moment/On a glory night": Da denkt doch jeder an die Ereignisse vom 9. November 1989.

Und der Osten? Seit Udo Lindenberg 1983 den "Sonderzug nach Pankow" bestieg, um frei nach Glenn Miller ein aufmüpfiges Ständchen für Erich Honecker zu singen, wird der Pop-Transfer von West nach Ost oft als Einbahnstraße gesehen. Dem aber widerspricht etwa Songschreiber Max Herre: Er habe das Gefühl, "die Musik, die Bands und die Aufnahmetechnik" seien im Osten oft sogar weiter gewesen als im Westen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur: "Es gab wahnsinnig viele gute Bands."

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